Jeden Morgen um 9 Uhr steht die Ukraine für eine Minute still. Das Ritual ist ein gemeinschaftliches Erinnern an die Gefallenen, eine Zäsur in einem Alltag, der ansonsten fast normal scheint. Die Menschen gehen zur Arbeit, gehen aus, vergnügen sich. Und doch ist der Krieg immer präsent. Als Wechselbad der Gefühle beschreibt Peter Tinnemann, Leiter des Gesundheitsamts, seinen Besuch in Frankfurts Partnerstadt Lemberg.

Anfang Februar war die Energieversorgung der Region Lemberg, ukrainisch Lwiw, bei einem schweren russischen Angriff beschädigt worden. Ende Februar erschütterte ein Terrorangriff mit mehreren Explosionen die Stadt. Genau dazwischen, Mitte Februar, waren Fachleute aus Deutschland, Finnland, Estland und Belgien in die Stadt an der Grenze zu Polen gereist, um von den Erfahrungen einer Stadt im Krieg zu lernen. Organisiert wurde die Reise vom „Unbroken Cities Network“, das die Zusammenarbeit von Experten aus der EU und der Ukraine stärken möchte. Frankfurt will Teil des Netzwerks werden und entsandte neben Tinnemann auch den Direktor der Branddirektion, Markus Röck, mit einem Team nach Lemberg.
Der Zeitpunkt war günstig: Frankfurt sei gerade dabei, das Krisenmanagement bei Feuerwehr, Bevölkerungs- und Katastrophenschutz, Rettungsdienst und Verwaltung auch auf komplizierte und größere Lagen vorzubereiten, sagt Röck. Dabei werde aber eher an Krisen wie den großflächigen Stromausfall vor wenigen Wochen in Berlin gedacht als an einen Krieg. In Lemberg hätten er und sein Team in Echtzeit sehen können, was in einer Extremlage funktioniere – und was nicht.

Röcks erste Beobachtung: Obwohl jeder Ukrainer diverse Warn-Apps auf dem Handy hat, seien Sirenen unverzichtbar. „Wenn das Stromnetz ausfällt, sind Smartphones nutzlos. In Frankfurt haben wir zum Glück schon damit begonnen, das Sirenennetz auszubauen“, sagt der Feuerwehrchef.
Was Tinnemann und Röck ebenfalls auffiel: Egal, ob von Vorratslagern, Krankenstationen, Tankanlagen oder Schutzbunkern gesprochen wurde, alle diese Orte wurden auch als mögliche Ziele eines russischen Angriffs gesehen. Aus der Kriegserfahrung seien die Ukrainer dazu übergegangen, viele kleine Standorte gegenüber einem großen zu bevorzugen. Damit nicht alle Speicher, nicht der ganze Energievorrat, nicht das einzige große Krankenhaus zerstört wird. „Unsere Krankenhausreform in Deutschland zielt eher auf Zentralisierung“, zeigt Tinnemann einen Unterschied auf. Kleinere Standorte würden geschlossen. Über die Auswirkungen dieser Entscheidungen müsse nachgedacht werden.
Die Begegnungen in Lemberg haben die Frankfurter beeindruckt: „Da sind viele junge, smarte Leute, die Verantwortung übernehmen und versuchen, Probleme zu lösen“, sagt Röck. Und das geschehe geradezu am Fließband, ergänzt Tinnemann: „Sie sehen ein Problem, suchen eine Lösung und setzen sie sofort um.“

Aus den gleichen Überlegungen heraus setze Lemberg auf viele kleine Schutzräume im ganzen Stadtgebiet. „Die mussten wir uns notgedrungen näher ansehen, weil uns der Drohnenalarm mehrfach in solche Shelter gezwungen hat“, berichtet Röck. Um 5.30 Uhr sei der Alarm im Hotel losgegangen, kurz darauf hätten alle im Keller gesessen, ergänzt Tinnemann. Ein ungutes Gefühl für das ganze Team, weil es die konkrete Bedrohungslage nicht einschätzen konnte. Den Besuchern blieb nichts anderes übrig, als den professionellen Blick zu wahren und zu lernen, wie und womit die Schutzräume ausgestattet waren und wie die Räume von der Bevölkerung überhaupt gefunden werden konnten. Für alles schienen die Ukrainer pragmatische Lösungen gefunden zu haben. „Krieg ist ein Innovationstreiber“, stellt Tinnemann nüchtern fest und erinnert an die Corona-Zeit, als auch in Deutschland in kürzester Zeit Lösungen für Probleme in der Krise gefunden wurden – weil es notwendig war.
Ihn hat in Lemberg besonders interessiert, wie rasch Hilfe skaliert werden konnte. Die Stadt mit rund 730.000 Einwohnern hatte zeitweise 180.000 Binnenflüchtlinge aufgenommen. Damit stellen sich dem Experten für öffentliche Gesundheit mehrere Fragen: Wie versorgt man rasch so viele Menschen? Wie können Screening-Standards aufrechterhalten werden, damit keine ansteckenden Krankheiten oder Viren eingeschleppt werden?
Andere Erlebnisse seien jedoch bedrückend gewesen. Im Keller einer Schule seien Vierzehnjährige von Soldaten darin unterrichtet worden, wie man Drohnen steuert, sie auseinander- und wieder zusammenbaut. Oder wie man sich selbst den Arm oder das Bein abbinden kann, um eine Blutung zu stoppen. „Und dann denkt man daran, in welcher Normalität die eigenen Kinder aufwachsen“, fügt Röck nachdenklich hinzu.
Tinnemann und Röck wollen unbedingt den Austausch mit den Fachleuten in Lemberg vertiefen. Und gemeinsam mit ihnen überlegen, was sie im Gegenzug für den Wissenstransfer zurückgeben können. Denn die Ukrainer hätten keineswegs eine teure Wunschliste an die Besucher gerichtet. „Sie bekommen ja schon viel Hilfe von der EU und wissen das zu schätzen. Den Wissensaustausch sehen sie als Möglichkeit, uns etwas zurückzugeben. Natürlich auch mit dem Ziel, die Verbindungen zu uns zu stärken“, sagt Röck.
