Dieses Wunder ist für alle Ewigkeit unvergesslich, unauslöschlich, allgegenwärtig, denn es wird mit Raunen und Staunen von Generation zu Generation weitergegeben. Das größte Gebäude des Ortes ist nach ihm benannt, Wandgemälde an Häuserfassaden erinnern an das Unglaubliche, Tischkicker in den Kneipen sind mit den Spielern der beiden Mannschaften aus dem Kalten Krieg bestückt, damit jeder das Wunder jederzeit nachspielen kann. An seinem Schauplatz, der olympischen Eishockeyhalle, hängen die Namen der Helden hoch oben über den Rängen wie jene der bedeutendsten Dichter und Komponisten an den Friesen der klassizistischen Theater und Opernhäuser.
Und im Foyer des Olympiazentrums hat man die originale Anzeigentafel mit dem Endstand der Halbfinal-Eishockeypartie zwischen den USA und der UdSSR am 22. Februar 1980 bei den Olympischen Spielen in Lake Placid wie einen Hochaltar aufgestellt: 4:3 für die Amerikaner, viel mehr als eine bloße Sensation: Mit der Schlusssirene wurde aus einem Match der größte Moment in der amerikanischen Sportgeschichte, aus einem entlegenen Wintersportstädtchen ein Ort der Mythen und Legenden, aus einem Stadion das Walhalla der Vereinigten Staaten von Amerika, die damals noch wussten, dass wahre Größe nichts mit Großmäuligkeit zu tun hat. Vielleicht sollte man heute im Weißen Haus ab und zu alte Sportsendungen anschauen, anstatt den Rest der Welt zu beschimpfen.
Lauter Ungewissheiten und Demütigungen
Anfang des Jahres 1980 hatte das Land den Glauben an sich und seine Stärke verloren. Die Sowjets waren in Afghanistan einmarschiert und konnten scheinbar das labile Gleichgewicht des Schreckens zu ihren Gunsten verschieben. Die Ajatollahs hielten die amerikanischen Diplomaten weiter in Geiselhaft und quälender Ungewissheit. Die Wirtschaft taumelte. Das Benzin war rationiert. Und jetzt drohte auch noch bei den bevorstehenden Olympischen Winterspielen eine Demütigung durch das übermächtige sowjetische Eishockeyteam, das bei den vier vorangegangenen Turnieren triumphal die Goldmedaille gewonnen hatte.

Amerikas Profis aus der National Hockey League durften nach den olympischen Amateurstatuten nicht mitspielen, und so musste Nationaltrainer Herb Brooks eine Mannschaft aus College-Studenten zusammenstellen, lauter Grünschnäbel und Milchbärte, denen niemand auch nur das Geringste zutraute – allein schon deswegen, weil sie kurz vor Olympia bei einem Vorbereitungsspiel gegen die Sowjets im Madison Square Garden übel Prügel bezogen hatten. Doch dann geschah das Wunder: Die Amerikaner glichen jede russische Führung aus, lagen im dritten Viertel selbst zum ersten Mal vorne und verteidigten ihr 4:3 gegen die anstürmende Sbornaja mit dem heroischen Mut der Verzweiflung. Der Sieg gegen die Finnen im Finale war nur noch Formsache und das „Miracle on Ice“ für alle Zeiten in Amerikas Gedächtnis eingebrannt.
Miracle Plaza nennen die Bewohner von Lake Placid das Olympische Zentrum, das ihren Ort wie eine Kathedrale des Nationalstolzes überragt und vor dem die Flaggen der Teilnehmerstaaten von 1980 so akkurat aufgereiht wehen wie vor dem Sitz der Vereinten Nationen in New York, allerdings BRD und DDR brüderlich nebeneinander vereint. Der imposante Bau stülpt sich, als sei er eine Glucke aus Stahl und Beton, über das Eishockeystadion von 1980 und die Eiskunstlaufarena von 1932, errichtet für die ersten Olympischen Spiele in Lake Placid, und beherbergt dazwischen das Olympische Museum, in dem die Geschichte der Spiele dokumentiert wird, beginnend mit Zeus und dem Jahr 776 vor Christus, man ist hier mindestens ebenso gründlich wie enthusiastisch.
Das tragischste Exponat des Wunderheldenpos
Wir erfahren, dass es der Eisschnellläufer Charles Jewtraw aus Lake Placid war, der 1924 in Chamonix die allererste Goldmedaille bei Olympischen Winterspielen gewann – gewiss ein Zeichen der Götter des Olymps –, und dass bei sämtlichen Winterspielen seither Athleten aus Lake Placid teilgenommen haben. Wir staunen über die primitiven Holzlatten und Ledersturzhelme der frühen Alpinskifahrer, mit denen sie wie Captain America ausgesehen haben müssen, lassen uns von den offiziellen Olympiaplakaten die Geschichte der Ästhetik in den vergangenen 100 Jahren nacherzählen, erreichen bei einer interaktiven Fahrt auf der Bobbahn fast 140 Kilometer pro Stunde und stehen seltsam berührt vor dem tragischsten Exponat des Wunderheldenepos: der Silbermedaille, die ein sowjetischer Eishockeyspieler in seinem Zimmer zurückließ, weil sie ihm nichts wert war außer schmerzvoller Erinnerung. Und wir begreifen schließlich im Miracle Plaza, dass der olympische Geist nirgendwo sonst in den Vereinigten Staaten so lebendig ist wie in Lake Placid.

Dazu genügt ein Panoramablick von seiner Terrasse über den Ort und die nächste Umgebung. Vor uns liegt die Eisschnelllaufarena, in der 1980 ein weiteres Wunder geschah: Eric Heiden aus Wisconsin gewann als erster und bislang einziger Eisschnellläufer alle fünf Disziplinen vom Sprint bis zur Langstrecke, um sich danach ganz bescheiden ins Privatleben zurückzuziehen. Jetzt eifern ihm Dutzende von Schulkindern nach, die auf dem Oval nach Unterrichtsschluss ihre Runden drehen, oft bis spät in den Abend hinein, mit einer begeisterten Unermüdlichkeit, wie sie nur Kindern zu eigen ist. Im Süden ragen die beiden Skisprungschanzen von 1980 wie die Eiffeltürme von Lake Placid in den Himmel, ein paar Kilometer dahinter sehen wir am Mount Van Hoevenberg die Bahnen für Bob, Rodel und Skeleton neben dem Stadion für Langlauf und Biathlon. Im Westen ist der Whiteface Mountain mit seinen Pisten für die Alpinwettbewerbe zu erkennen. Und in allen Anlagen herrscht in den Wintermonaten kompetitiver Hochbetrieb inklusive eines halben Dutzends Weltcups, als könne Lake Placid gar nicht anders, als sich dem olympischen Wintersport mit Herz und Seele hinzugeben.
Mit einem Copacabana-Lächeln in den Eiskanal
Die Babys in Lake Placid würden entweder mit Brettern oder Kufen an den Füßen geboren, sagt man uns, als wir die Sprungschanzen besuchen, und fast jeder habe in seiner Familie einen Leistungssportler, Olympiateilnehmer oder sogar Medaillengewinner, das präge fürs Leben. Unsere Gondel hinauf zur Schanze teilen wir uns mit tschechischen Nachwuchsathleten, die gerade an der Juniorenweltmeisterschaft in der Nordischen Kombination teilnehmen, und ganz oben auf der Großschanze bewundern wir beim Blick in den Abgrund schaudernd den Wagemut dieser jungen Menschen. Bei den Bobbahnen begegnen uns in kürzester Zeit nicht nur die Mitglieder des amerikanischen Nationalteams, die in der einzigen überdachten und während des gesamten Jahres gekühlten Übungsbahn für Bobstarts in den Vereinigten Staaten trainieren.
Auch Edson Bindilatti treffen wir zufällig am Starthaus der Bahn, einen brasilianischen Nationalhelden und Exoten aus den Tropen in Lake Placid, seit 2002 Teilnehmer an fast allen olympischen Bobwettbewerben, die er allerdings deutlich professioneller und ambitionierter bestreitet als die Spaßvögel aus Jamaika. In wenigen Wochen fahre er noch einmal in Cortina d’Ampezzo, doch dann sei endgültig Schluss, schließlich sei er schon 46, sagt Edson Bindilatti und wuchtet mit einem Copacabana-Lächeln seinen Schlitten in die Startrillen.

Lake Placid ist eine Sportstadt, eine Sportlerstadt par excellence, in der man – noch ein Wunder in Fast-Food-Amerika – so gut wie keine dicken Menschen sieht. Doch sie hat noch eine zweite Seele, in der einst ein philanthropisches Herz und eine romantische Sehnsucht pochten. Schon vor Jahrtausenden lebten Jäger und Sammler in den wilden Bergen rund um Lake Placid und vor vielen Jahrhunderten die Ureinwohner vom Volk der Algonkin, die die Irokesen verächtlich „Baumfresser“ nannten – woraus die Weißen mit phonetischer Großzügigkeit den Namen Adirondack ableiteten und ihn dem Gebirge im äußersten Nordosten des Bundesstaates New York gaben. Die „Baumfresser“ vergingen sich nicht an der Natur, sondern ließen sie intakt, und so konnten in der Mitte des 19. Jahrhunderts naturbegeisterte Schwärmer die Adirondack Mountains für sich entdecken, die in dieser Wildheit keine Feindseligkeit mehr, sondern nichts als Schönheit sahen.
Eine wahre Karawane romantischer Idealisten
Im Jahr 1845 verfiel auch Gerrit Smith dem Reiz der Adirondacks, ein schwerreicher Philanthrop, früher Feminist und radikaler Abolitionist, der größte Landbesitzer im Staat New York und gemeinsam mit Johann Jakob Astor der Herrscher über den Pelzhandel in Nordostamerika. Smith kaufte massenhaft Land, das er entlaufenen Sklaven schenkte, fand viele philanthropische Mitstreiter, und als 1858 der Philosoph Ralph Waldo Emerson einen ganzen Monat in den Adirondacks verbrachte, um danach begeistert von ihrer Ursprünglichkeit und Unberührtheit zu berichten, setzte sich eine wahre Karawane romantischer Idealisten aus den Metropolen der Ostküste in Bewegung.
Sie bauten sich Villen rund um den Mirror Lake, den Lake Placid wie einen Lapislazuli einfasst, errichteten Sanatorien für Tuberkulosekranke und gründeten 1895 den Lake Placid Club, der ein seelisch und körperlich gesundes Leben im Geist des Protestantismus propagierte, Mann und Frau vollkommen gleichberechtigt. Um ihr Ziel zu erreichen, veranstaltete der Club schon in den Zwanzigerjahren Wintersportwettbewerbe, baute die erste Sprungschanze und die erste Bobbahn der Vereinigten Staaten und trieb inmitten der Großen Depression die Bewerbung für die Olympischen Winterspiele von 1932 voran. Der Zuschlag war dem Ort gewiss, denn nirgendwo in Amerika gab es damals eine bessere Infrastruktur für den Wintersport.
Villa mit 14 Bädern und einem Privatsee
Die Zeugnisse aus dieser Zeit verbergen sich bis heute hinter hohen Bäumen an den Ufern des Mirror Lake, prachtvolle Villen im Kolonial- oder Tudorstil, errichtet aus dem Holz und Granit der Adirondack Mountains, manche weit mehr als 100 Jahre alt. Dazwischen erahnen wir brandneue Anwesen von palastartigen Ausmaßen, zu denen geheimnisvolle Privatstraßen führen. Und jetzt wissen wir, dass die Annonce im Schaufenster eines Immobilienmaklers an der Main Street keinem Luftschloss galt, eine Villa mit 14 Bädern für 17 Millionen Dollar, Privatsee inklusive.

Die emblematischste aller Kolonialvillen ist das Mirror Lake Inn der Familie Weibrecht, ein schneeweißes Luxushotel aus dem frühen 20. Jahrhundert, das seine Geschichte wie einen Augapfel in einer Zeitkapsel hütet. Die Bibliothek bewachen die ausgestopften Schädel von Elch und Bison, die Mahagonistanduhr und die Chinoiserien stammen aus dem Jahr 1895, die Böden sind aus afrikanischem Rosenholz, die Wandvertäfelungen aus schwarzem Walnussholz, die Kronleuchter aus Hirschgeweihen.
Doch an der Rezeption wird jedem Gast unmissverständlich klargemacht, dass trotz aller Vergangenheitsschwärmerei dieses Haus wie jeder andere Ort auch in Lake Placid vor allem dem Sport geweiht ist: Die Bronze- und Silbermedaille, die Andrew Weibrecht, Sohn der Besitzer und inzwischen geschäftsführender Hoteldirektor, bei den Olympischen Spielen von Vancouver und Sotschi im Super-G gewann, prunken wie Reliquien über dem Tresen, weit wertvollere Trophäen als Elch und Bison, weit wichtiger als die Fotografien irgendwelcher Berühmtheiten, die das Mirror Lake Inn beehrt haben mögen, wen interessiert das schon?
Vollständiger Verzicht auf Glamour und Snobismus
So sind die Prioritäten in Lake Placid, das auf Glamour und Snobismus vollständig verzichtet, lieber Funktionskleidung als Pelzmäntel trägt, früh schlafen geht, statt die Champagnerkorken knallen zu lassen, Pick-ups fährt, nicht im Privatflugzeug herumfliegt und das Geld für die Kinder, keinesfalls für Schönheitschirurgen ausgibt. Sie seien „Blue Collar“, nicht „White Collar“, in Lake Placid werde geschafft und angepackt und darauf sei man stolz, sagen die Menschen hier, jedenfalls jene, die wir am Tresen der Sports Bars treffen und die wahrscheinlich nicht gerade aus 17-Millionen-Dollar-Palästen auf ein Bier vorbeischauen – oder gerade doch. Das ist dann aber auch schon genug der Selbstbekenntnisse.
Der Rest ist zu unserer Verblüffung eiserne Einsilbigkeit, selbst in einem solch liberalen Ort wie Lake Placid, in dem wir die einzige Trump-Fahne an der Tankstelle eines Redneck gesehen haben. Über Sport könne man sich gerne unterhalten, über Politik nicht, sagen uns die sonst so offenherzigen Amerikaner, und wir ahnen, dass gerade irgendetwas gewaltig faul ist im Staate Trumpistan.

Mit Gossip über Superstars wie in Aspen oder Vail kommen wir hier auch nicht ins Gespräch. Die einzige Celebrity, mit der man renommieren könnte, ist die Sängerin Lana del Rey, die in Lake Placid aufgewachsen, aber längst weggezogen ist. Die Frage nach Berühmtheiten, die mit dem Ort verbunden sind, wird prinzipiell mit den Namen bekannter Sportler beantwortet. Und die einzige Andeutung von Glamour ist eine Corvette Stingray, die auf einem Podest vor dem Miracle Plaza als offizielles Auto der olympischen Stätten thront, obwohl sie nicht gerade als Schneemobil taugt.
Ein Schild unter der Windschutzscheibe von der Umweltbehörde der Regierung in Washington, die die Ökobilanz jedes Autos exakt berechnet, mahnt streng an, dass das Benzin für diese Kiste in fünf Jahren 7250 Dollar mehr kostet als bei einem Durchschnittsauto und die Corvette damit ein ökologisches Desaster ist. Donald Trump wird dieser Ökofirlefanz genauso ein Dorn im Auge sein wie das Schild am Ende der Main Street, das vor den Folgen des Klimawandels für den Lake Mirror warnt: Immer kürzer seien seine Frostperioden, immer länger die Wärmephasen, was den Sauerstoffgehalt bedenklich sinken und den See irgendwann umkippen lasse. Wie gerne würden wir mit jemandem darüber reden.
Keine Angst vor furchteinflößenden Warnschildern
Auch die Main Street ist vollkommen frei von Glitzer und Glanz. Statt Juwelen oder Haute Couture gibt es eine öffentliche Leihbibliothek, in der Damen mit lilafarbenen Frisuren enthusiastisch ihren Freiwilligendienst versehen. Es gibt Fachgeschäfte für Popcorn, Ahornsirup, „Star Wars“-Devotionalien und Motivsocken mit Quietscheenten und Gartenzwergen, einen Laden namens „Vision of Tibet“, der Himalaja-Schnickschnack von der Klangschale bis zur Gebetsfahne verkauft, und einen Souvenirgroßhandel, der Selbstgebasteltes wie Vogelhäuschen aus Birkenholz im Angebot hat. Und der Lake Mirror, der noch nie ein Poloturnier gesehen hat, ist ein einziger großer Spielplatz, ein Wimmelbild wie von einem modernen Pieter Breughel voller Hundeschlitten und Schneeballschlachten, Schlittschuhläufern und Knirpsen im Eishockeytrikot der Wunderhelden, die den Schläger gar nicht mehr aus der Hand geben wollen.

Da wir selbst uns mit Brettern an den Füßen wohler fühlen als mit Kufen, drängt es uns zum Whiteface Mountain, der sich in bewährter amerikanischer Superlativbescheidenheit als das Skigebiet mit der größten Höhendifferenz östlich der Rocky Mountains anpreist. Es sind zwar nur knapp 1000 Meter, und höher als 1300 Meter geht es auch nicht hinauf, doch das schadet seiner Popularität keineswegs. Und so schleichen wir in einer Karawane aus SUVs und Pick-ups mit Nummernschildern aus New York und New Jersey, Pennsylvania und North Carolina, Quebec und Ontario zu dem Berg, finden kaum einen Parkplatz und befürchten schon das Schlimmste – auch deswegen, weil uns die amerikanische Vorsichtsmanie an der Liftkasse mit furchteinflößenden Warnschildern des Staates New York begrüßt: Skifahren könne schwere Verletzungen verursachen, heißt es da, „including catastrophic injury, or death“, dann folgt eine lange Liste an Verhaltensmaßregeln, die es unter Androhung schwerster Strafen zu befolgen gilt. Viel Spaß und Ski Heil!
Doch dann ist alles nicht nur halb so schlimm, sondern ganz wunderbar. Die Besucher, selten mehr als 6000 pro Tag, verlieren sich in dem Skigebiet mit seinen drei Dutzend Abfahrten, weder an der Gondel noch an den zwei Handvoll Sesselliften gibt es längere Wartezeiten, und manchmal haben wir eine Abfahrt sogar ganz für uns allein. Die Pistenpräparierung ist exzellent, die Lifte funktionieren zuverlässig, auch wenn sie nicht auf dem neuesten Stand sind und auf Weicheier-Komfort-Schnickschnack wie beheizbare Sitzflächen oder Windschutzhauben verzichten – schließlich sind wir unter lauter echten Sportlern in Lake Placid. Auch auf den Hütten geht es rustikal zu. Dosenbier ersetzt den Champagner, Cheeseburger die Austern, Schirmbars oder Hüttengaudi braucht kein Mensch, Hollywoodstars sind nirgendwo zu sehen, dafür Plaketten an den Bergstationen, die uns stolz mitteilen, dass hier der Startpunkt der Männerabfahrt bei Olympia 1980 war.

So stehen wir ganz oben auf dem Whiteface Mountain einsam im eisigen Wind und blicken über die unermessliche Wildnis des Adirondack Park, des größten zusammenhängenden Naturschutzgebiets in den Vereinigten Staaten, mit 25.000 Quadratkilometer Fläche groß genug, um bequem die Nationalparks Yellowstone, Yosemite, Glacier, Grand Smokies und Grand Canyon gemeinsam zu beherbergen. Schon 1892 wurden die Adirondack Mountains unter Schutz gestellt, um die unkontrollierte Abholzung zu verhindern, und ausdrücklich wurde festgelegt, dass die Berge „forever wild“ zu sein haben. Es wurde Wort gehalten, und so teilen sich nicht einmal 130.000 Menschen eine Wildnis fast so groß wie Belgien mit 3000 Seen, 48.000 Kilometer Flussläufen und Abermillionen von Birken und Buchen, Rotfichten und Schwarzfichten, Schierlingstannen und Balsamtannen, Seidenkiefern und Ahornbäumen.
Wir blicken wie einst Ralph Waldo Emerson auf eine schroffe Wildnis, die trotz ihrer bescheidenen Höhe nichts von der Sanftmut eines Mittelgebirges hat, sehen dunkle Wälder voller schlafender Braunbären und fleißiger Biber, aus denen kahle Kuppeln mit Schneehauben wie gigantische Glatzen aus einem Baumhaarkranz herausragen, glatt geschliffen von der Erosion, deren steter Kraft nicht einmal Gneis und Granit standhalten. Dazwischen sind Gletscherseen in die Landschaft getupft, mit Silhouetten, so verspielt, als hätte sie Henri Matisse aus dem Papier geschnitten. Und mit Schaudern blicken wir auf die Bäume entlang der Pisten, die unter ihrem Panzer aus Eis und Schnee erstarrt sind, als seien sie zu ewiger Verdammnis verurteilt, so wie Lots Frau, und ahnen, dass auch wir so enden werden, wenn wir uns bei 20 Grad unter null nicht bald in Bewegung setzen.
Im Frühjahr aber werden die Bäume, anders als die Gotteslästerin aus Sodom, aus ihrer Totenstarre wieder zum Leben erwachen. Ein Wunder wird geschehen. Aber das ist in Lake Placid ja nichts Besonderes.
