
Auf dem Börsenplatz in Amsterdam zieht momentan ein strahlend weißes Kunstwerk die Blicke auf sich. Zwei überdimensionierte Köpfe – eine Frau, ein Mann – schauen einander in die Augen, ihr Gesichtsausdruck ernst, intim. Die Künstlerin Saskia Stolz will mit ihren Skulpturen zum Gespräch über schwierige Themen anregen: in diesem Fall über tödliche Krankheit, denn das Werk ist im Auftrag der Stiftung PZNL für Palliativpflege in den Niederlanden entstanden. „Bleib in meiner Nähe“ heißt das Werk. Aus Gesprächen mit Patienten und Angehörigen habe sie gelernt, dass diese Lebensphase sich vor allem um das Miteinander drehe, sagt die Künstlerin. „Nähe ist vielleicht das größte Geschenk, das wir einander geben können“, schrieb Bürgermeisterin Femke Halsema zur Begrüßung der Skulptur im März. Nach drei Wochen in Amsterdam soll das Kunstwerk durchs Land reisen.
Mit dem Börsenplatz haben die Initiatoren einen öffentlichkeitswirksamen Ort gewählt. Der Platz ist nicht der spektakulärste der Stadt, aber er zieht Besucher aus aller Welt an – keine zehn Fußminuten vom Hauptbahnhof entfernt und auf der Hauptroute in die Innenstadt gelegen. Wer sich darauf einlässt, kann vor den zwei Köpfen in Weiß über die Dinge sinnieren, die wirklich im Leben zählen.
Zeitweilige und dauerhafte Kunst am Börsenplatz
Während Stolz’ Werk nur kurz verweilt, ist wenige Schritte entfernt eine weitere Skulptur dauerhaft installiert: ein Bulle aus Bronze. Aufgestellt hat ihn 2012 eigenmächtig der inzwischen verstorbene Arturo di Modica: jener Künstler, der viele Jahre vorher in einer ähnlichen Aktion schon New York mit seinem Wall-Street-Bullen bedachte. In Frankfurt läuft vor der Börse ein Duo aus Bulle und Bär gemeinsam auf: Optimisten und Pessimisten des Markts finden sich damit gleichermaßen wieder. Amsterdam gibt nur den Optimisten ein Gesicht. Besuchern scheint der Bulle zu gefallen: Auch in diesen Tagen lassen sich wieder alle paar Momente Menschen mit ihm fotografieren.
Der Beursplein 5 steht als Adresse zwar noch immer für das Herz des niederländischen Kapitalmarkts. Um die Jahrtausendwende wurde der Handel aber größtenteils automatisiert, im Jahr 2002 auch der Optionshandel – damit endete das Präsenzgeschehen in Amsterdam nach vier Jahrhunderten. Außerdem ist die Börse im internationalen Verbund Euronext aufgegangen, dem inzwischen acht Plätze angehören, unter anderem Paris und Mailand. Der nationale Leitindex AEX bleibt aber das am meisten beachtete Barometer, er umfasst neuerdings die 30 wichtigsten börsennotierten Unternehmen und damit fünf mehr als zuvor.
Wie Indizes im Ausland ist auch der AEX seit vielen Monaten extremer geopolitischer Unsicherheit ausgesetzt. Vor ziemlich genau einem Jahr hatte er die Zollpläne zu verdauen, die der amerikanische Präsident Donald Trump in Washington verkündete. In den Tagen nach dessen Auftritt im Rosengarten stürzte der Index, von 905 Punkten kommend, unter die 800-Zähler-Marke. Schneller als von vielen Analysten erwartet, erholte er sich von dem Schock.
Aufträge aus der Halbleiterbranche befördern die Aussichten der drei Chipmaschinenhersteller im AEX: ASM International, BE Semiconductor Industries (Besi) und allen voran ASML. Das mit Abstand teuerste Unternehmen in der ersten niederländischen Börsenliga liefert technisch besonders anspruchsvolle Maschinen, die namentlich für die Herstellung von KI-Chips begehrt sind. Nachdem der Chipfertiger TSMC aus Taiwan einen Rekordgewinn vermeldet hatte, überwand der AEX, getragen von Kursgewinnen der Hightech-Maschinenbauer, im Januar erstmals die 1000-Punkte-Hürde. Zuvor hatte der Index seit Sommer 2024 in Zwischenhaussen dreimal Anlauf dazu genommen, jedes Mal erfolglos.
Unternehmen kommen, Unternehmen gehen
Alle weltpolitische Unsicherheit berührt den Markt bislang wenig, selbst der Irankrieg als neuester Brandherd nicht. Am Dienstag notierte der AEX bei 985 Punkten, und damit nicht weit von seinem Höchststand entfernt. Bewegung verursacht aber das Kommen und Gehen der AEX-Mitglieder. Der Versicherer Aegon schafft sich in seiner jetzigen Form ab, wird in die Vereinigten Staaten ziehen und den Namen der US-Tochtergesellschaft Transamerica annehmen – auch die Erstnotiz soll dann in den USA liegen.
Der Farbenhersteller Akzonobel hat angekündigt, mit dem amerikanischen Wettbewerber Axalta zu fusionieren, mit alleiniger Börsennotiz in New York. Der erst seit wenigen Jahren börsennotierte Schließfachbetreiber Inpost dürfte nach einer Übernahme durch Private Equity von der Börse verschwinden. Neu gelistet ist der von Unilever abgespaltene Eiscremekonzern Magnum. Der ebenfalls frisch börsennotierte Rüstungskonzern CSG gilt als Kandidat für den AEX.
Die Besucher des Börsenplatzes können die Bewegung verfolgen, wenn sie das LED-Band über dem Eingang zum Börsengebäude beachten. Dort ziehen von rechts nach links Name, Börsenkürzel und Kurs der 30 AEX-Mitglieder vorbei. Das Kommen und Gehen der Kunst draußen wird unmittelbar sichtbar: Die zwei Köpfe sollen am Donnerstag für eineinhalb Wochen nach Utrecht ziehen, anschließend in etwa ein Dutzend weitere Gemeinden im Land. Wer bleibt, ist der Bulle aus Bronze.
