Über dem Portal der Chiesa Santa Maria del Suffragio an der Piazza del Duomo in L’Aquila steht ein Satz des heiligen Johannes Chrysostomos (347 bis 407): „Iuvetur mortuus non lacrymis, sed precibus, supplicationibus et eleemosynis.“ Es ist ein strenger, nicht nur tröstender Satz des Kirchenvaters aus Antiochien: Man möge den Toten nicht durch Tränen, sondern durch Gebete, Fürbitten und Almosen dienen.
Dabei hätte L’Aquila, die Hauptstadt der mittelitalienischen Region Abruzzen mit heute rund 71.000 Einwohnern, Tränen und Trost verdient. In ihrer gut acht Jahrhunderte währenden Geschichte wurde die Stadt von sechs schweren Beben heimgesucht, von den vielen kleineren ganz zu schweigen. Die Historie der Barockkirche Santa Maria del Suffragio, die im Volksmund Chiesa delle Anime Sante (Kirche der Heiligen Seelen) heißt, begann nach dem vorletzten schweren Beben von L’Aquila, dem von 1703.
Schaut auf diese Stadt!
Mitte Januar und Anfang Februar 1703 erschütterten zwei Erdstöße der Stärke 6,8 und 6,7 die Abruzzen und die Nachbarregionen Latium und Umbrien. L’Aquila wurde von den beiden Beben fast vollständig zerstört. Rund 10.000 Menschen starben, 8000 davon in den Abruzzen. Die ursprünglich mittelalterliche Kirche der Heiligen Seelen im Herzen der Altstadt von L’Aquila war so schwer beschädigt, dass man sich 1713 zum Bau einer neuen entschloss, einer Barockkirche. Es dauerte fast hundert Jahre, bis das Bauwerk fertig war. Zum Abschluss der Arbeiten wurde der Kirche eine mächtige Kuppel aufgesetzt.

Und dann kam das vorerst letzte schwere Beben. In der Nacht zum 6. April 2009 wankte um 3.32 Uhr in L’Aquila und Umgebung der Untergrund, 38 lange Sekunden. Das Erdbeben der Stärke 6,3 zerstörte abermals zahlreiche Gebäude der Stadt, dazu weitere 64 Kleinstädte, Dörfer und Weiler. Auch die Kirche der Heiligen Seelen an der Piazza del Duomo hielt den Erdstößen nicht stand. Die prächtige spätbarocke Fassade wurde beschädigt. Die Kuppel stürzte durchs Dach auf den Altar.
309 Menschen starben, mehr als 1600 wurden verletzt. 80.000 Menschen in L’Aquila und Umgebung waren obdachlos, als am 6. April 2009 der Morgen graute. 60.000 Gebäude waren zerstört oder so stark beschädigt, dass sie nicht mehr bewohnbar waren.
Zu den Todesopfern in L’Aquila gehörten 55 Studenten, die unter den Trümmern eines Wohnheims aus den Sechzigerjahren begraben wurden. Der hässliche Zweckbau war erst im Jahr 2000 vollständig renoviert und bei den Modernisierungsarbeiten angeblich erdbebensicher gemacht worden.
Die Ruinen von L’Aquila waren ein Verbrechen
In Rom herrschte damals Silvio Berlusconi, der Urvater des politischen Populismus. Italien hatte 2009 den turnusgemäßen Vorsitz der G-8-Gruppe der größten Industriestaaten inne. Berlusconi ließ den für Juli geplanten G-8-Gipfel vom ursprünglich vorgesehenen Versammlungsort, der sardischen Insel La Maddalena, kurzerhand nach L’Aquila verlegen. Die politischen Führer der maßgeblichen Industrienationen und mit ihnen die ganze Welt sollten sehen, was die Naturgewalt in der Stadt angerichtet hatte. Und die von der Katastrophe betroffenen Menschen der Abruzzen sollten in dem Gipfeltreffen ein Zeichen der Hoffnung sehen. Das Treffen fand in einer Kaserne der Carabinieri statt, die das Beben unbeschädigt überstanden hatte. Anders als das Studentenwohnheim, das für die jungen Leute zur Todesfalle geworden war.

Der Triester Schriftsteller Paolo Rumiz schreibt in seinem 2023 erschienenen Buch „Eine Stimme aus der Tiefe“, einem Reisebericht und Geschichtsprotokoll entlang der Verwerfungslinie zwischen der Afrikanischen und der Eurasischen Kontinentalplatte, die Italien von Sizilien über den Apennin bis nach Südtirol und Istrien durchzieht, über das Beben von 2009: „Die Ruinen von L’Aquila waren nicht Schicksal, sondern ein Verbrechen, eine Unterlassung, aufgrund derer die Regierungschefs anderer Länder ins Gefängnis gewandert wären. Keine Nation lässt sich derart hintergehen und fragt sich träge, wie man Erdbeben vorhersagen kann, anstatt sich mit einer guten, gesetzmäßigen Bauweise davor zu schützen.“
Zunächst ging nach dem Beben von 2009 alles sehr schnell. Es schien, als habe sich die Regierung Berlusconi eine Art Alltagsversion der Sentenz des Kirchenvaters Johannes Chrysostomos zu Herzen genommen: Handeln statt Heulen. In der Talebene um die Altstadt von L’Aquila entstanden sogenannte „New Towns“, eilig in Modulbauweise errichtete Siedlungen. Dort sollten die Menschen rasch Unterkunft finden, statt abzuwandern, womöglich für immer. Doch die Provisorien, in welchen im August 2010 bereits mehr als 15.000 Menschen wohnten, wurden zur Dauereinrichtung mit subventionierten Mietpreisen. Es entstanden Supermärkte und Einkaufszentren. Ämter, Schulen und Sportstätten wurden errichtet.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
L’Aquila wurde zur Stadt der Ungleichzeitigkeit. In den Wohnquartieren und Vororten unterhalb des „Centro Storico“ pulsierte der Alltag einer Stadt mittlerer Grüße mit gut frequentierten Läden und Kneipen. Möbel- und Autohäuser kamen hinzu, auch neue Straßen und Bahnanlagen. In unmittelbarer Nachbarschaft der als Übergangsquartiere gedachten Wohnblocks und Holzhäuser entstanden bald weitere Wohnanlagen, mit schmucken Einfamilienhäusern und Apartments in gehobener Ausstattung. In der Altstadt aber ging der Wiederaufbau nur schleppend voran. Über Jahre hinweg bevölkerten tagsüber fast nur Bauarbeiter, Ingenieure und Beamte die Gassen und Plätze des „Centro Storico“. Abends senkte sich dann bedrückende Stille über die Altstadt.
Wiedergeburt braucht Zeit
Vor dem Beben von 2009 gab es rund tausend Einzelhandelsgeschäfte und Dienstleistungsbetriebe, Cafés und Restaurants in der Altstadt. Doch die kehrten nur schleppend zurück, obschon im Lauf der Jahre immer mehr renovierte Wohn- und Geschäftsräume zur Verfügung standen, zu moderatem Mietpreis und Pachtzins. Die viel beschworene „Rinascita“ (Wiedergeburt) der Altstadt, wo einst 12.000 Menschen lebten, brauchte Zeit. Viel Zeit. Die Kirche der Heiligen Seelen an der Piazza del Duomo wurde im Dezember 2018 wiedereröffnet, zuletzt war die eingestürzte Kuppel wiedererrichtet worden.
Es heißt, die Kirche sei, wie alle restaurierten Gebäude L’Aquilas – von Wohn- und Bürogebäuden über Museen und Konzerthallen bis zu Hotels und Gaststätten – erdbebensicher wiederaufgebaut worden. In einer Seitenapsis der Kirche, gleich rechts neben dem Eingang, gibt es eine Gedenkkapelle für die Opfer des Bebens von 2009. Die 309 Namen sind in Marmortafeln eingraviert, in einem Gedenkbuch findet man Fotos von den Opfern und Erinnerungstexte von Hinterbliebenen.

17 Jahre nach dem Beben ist die Altstadt von L’Aquila zwar noch immer eine Baustelle, über den Dächern erheben sich nach wie vor viele Kräne. Aber der quirlige Alltag ist zurückgekehrt. Am späten Nachmittag absolvieren Jung und Alt die „passeggiata“ auf der Piazza del Duomo und durch die pittoresken Gassen. Dass auch das studentische Leben in die Altstadt zurückgekehrt ist, merkt man am Donnerstagabend. Viele der gut 16.000 Studenten der Università degli Studi dell’Aquila kommen aus dem Umland oder aus entfernten ländlichen Gegenden der Abruzzen. Am Freitag fahren sie nach Hause, um dort das Wochenende zu verbringen. Am Donnerstagabend wird aber noch mit den Kommilitonen gefeiert. Gerne im „Ju Boss“, der legendären Weinbar, seit 90 Jahren im Besitz der Familie Massari, die nach dem Beben von 2009 als Erste wieder geöffnet hatte.
L’Aquila ist Italiens Kulturhauptstadt 2026. Seit 2015 trägt jedes Jahr eine italienische Stadt diesen Titel, als nationale Ergänzung zur europäischen Kulturhauptstadt. Für L’Aquila dürfte der Titel ein wichtiger Schritt sein auf dem Weg zur erhofften und überfälligen „Wiedergeburt“ – mit mehr als 300 Veranstaltungen, von Konzerten jedes Musiktyps über Performances, Ausstellungen und Workshops bis zu Diskussionsveranstaltungen und Lesungen.
Der Legende nach entstand der Stadtverbund von L’Aquila im 13. Jahrhundert durch den Zusammenschluss von 99 Burgen, weswegen es heute in der Stadt 99 Kirchen, 99 Plätze und 99 Brunnen geben soll. Man muss die Kirchen aus Mittelalter, Renaissance und Barock nicht zählen, auch nicht die Plätze und Brunnen, wenn man durch dieses inzwischen weitgehend wiederhergestellte Kleinod flaniert, über dem sich die bis zu 3000 Meter hohen Gipfel des Gran Sasso erheben.

Und auch wer einen Sündenablass anstrebt, ist in L’Aquila am richtigen Ort. Jedes Jahr im August findet die „Perdonanza Celestinanza“ statt, die Papst Coelestin V. (1215 bis 1296) im Jahr 1294 ausgerufen hatte. Dann wird in der romanisch-frühgotischen Basilika Santa Maria di Collemaggio, wo Papst Coelestin auch begraben wurde, die Heilige Pforte geöffnet. Wer sie durchschreitet, die Beichte ablegt und die Eucharistie empfängt, dem werden die zeitlichen Sündenstrafen erlassen. In diesem Jahr findet die Ablasswallfahrt vom 23. bis zum 30. August statt – passend und ergänzend zur Ganzjahresfeier der „rinascita“ L’Aquilas als Kulturhauptstadt Italiens.
Anreise Die nächsten Flughäfen sind die beiden in Rom, Fiumicino und Ciampino; mit dem Auto sind es 110 Kilometer aus Rom.
