
Die Kubaner können Hoffnung schöpfen. Kubas politisches System steht vor dem Zusammenbruch. Seit Russland und Venezuela als Sponsoren der sozialistischen Diktatur weitgehend ausfallen, offenbart sich die Unfähigkeit des Regimes, Bedingungen zu schaffen, unter denen die Bürger mit dem Nötigsten versorgt werden. Die beständigen Stromausfälle sind nur die sichtbarste Folge dieses Versagens der zentralen Planwirtschaft.
In einem Land, in dem der Preis einer Lage mit 30 Eiern den Monatslohn vieler Kubaner erreicht und ein Kilo Bohnen zusammen mit einem Kilo Reis schon ein Drittel des Monatslohns von Niedrigverdienern verschlingt, besteht das Wirtschaftswunder darin, dass die Menschen überleben. Rund zwei Drittel der Kubaner lassen täglich eine Mahlzeit ausfallen, weil sie sich diese nicht leisten können – oder weil es nichts gibt.
Das ist verblüffend genug angesichts fruchtbarer Böden und klimatischer Bedingungen, die drei Ernten im Jahr erlauben würden. Stattdessen liegen Äcker brach. Kuba, einst der größte Exporteur von Zucker, importiert den Rohstoff inzwischen. Der Tourismus, eine weitere wichtige Einnahmequelle, ist ebenfalls zusammengebrochen. Die Besucher sind die Stromausfälle ebenso leid wie das unterentwickelte Transportwesen und das nagende Gefühl, den Einheimischen etwas wegzuessen.
Kuba verleiht Ärzte in die ganze Welt, ob sie wollen oder nicht
Aber die medizinische Versorgung sei doch gut, hört man die Sympathisanten des Systems einwerfen. Leisten nicht Mediziner und Krankenschwestern unschätzbare Dienste im eigenen Land und in mehr als 50 Staaten? Das stimmt. Doch in Kuba selbst bricht das System mangels Medikamenten und Personals zusammen. Die Entsendung Tausender Ärzte und Pflegekräfte ins Ausland hat mit Solidarität und Altruismus inzwischen wenig zu tun. In Wahrheit handelt es sich um ein Personalleasing-Programm mit Zügen von Zwangsarbeit und Menschenhandel, das zum wichtigsten Exportgut des Landes geworden ist.
Im Jahr 2021 reichten mehr als 1000 ehemalige Teilnehmer des Arbeitskräfteexports Beschwerde beim Internationalen Strafgerichtshof und bei den Vereinten Nationen ein. Sie machten geltend, die kubanische Regierung habe sie ausgebeutet und zur Arbeit in diesem Programm gezwungen. Wenn die Ärzte auch besser entlohnt wurden als daheim, sackt das Regime doch einen Großteil ihres Lohns ein. Der Beschwerde zufolge hatten sich 75 Prozent der Teilnehmer nicht freiwillig für das Programm gemeldet, 69 Prozent kannten ihr endgültiges Einsatzland nicht, 38 Prozent wurde nach der Ankunft von kubanischen Funktionären der Pass abgenommen, 76 Prozent standen unter Aufsicht von „Aufpassern“, 76 Prozent konnten keine freien Kontakte zur lokalen Bevölkerung pflegen.
Repression ist an der Tagesordnung. Die spanische Denkfabrik Observatorio Cubano de Derechos Humanos zeichnete Kuba 2025 in einer umfassenden Untersuchung als ein Land, in dem wirtschaftlicher Niedergang und politische Unterdrückung untrennbar zusammenwirken. Repression treffe längst nicht mehr nur Dissidenten, sondern auch normale Bürger. Sie zeige sich in willkürlichen Festnahmen, Hausarresten und politischen Gefangenen. Zugleich beschreibt der Bericht eine tiefe Krise: Hunger und der Verfall der sozialen Hilfssysteme prägen den Alltag vieler Kubaner.
Die herrschende Klasse bleibt verschont von der Krise
Abgeschirmt von dieser Unbill bleibt die Nomenklatura, die sich eine Parallelwelt organisiert hat, in welcher der Dollar statt des Mangels regiert. Jeden Tag müsste die regierende Clique den USA dankbar sein für die Sanktionen. Seit 1960 beschränken die Vereinigten Staaten den Handel mit dem Land. Niemand bestreitet, dass die Sanktionen die wirtschaftliche Entwicklung Kubas gehemmt haben. Vor allem aber haben sie dem Regime als Ausrede für sein tägliches Versagen gedient – und als Mittel, den Alltagszorn über den Mangel auf den kapitalistischen Feind zu lenken.
Jüngere wissenschaftliche Arbeiten bestätigen eindrucksvoll, dass die Sanktionen nur einen geringen Beitrag zum Ruin des Landes geleistet haben. Eine andere Qualität hat allerdings die derzeitige Rohölblockade, die Kuba nahe an den Kipppunkt bringt. Damit stellt sich die Frage, was werden wird. Die USA wollen die alte Führungsclique in den Ruhestand schicken und mit einer neuen Generation einen Neuanfang versuchen. Eine gut organisierte Opposition aber, der man diese Herausforderung anvertrauen könnte, gibt es nicht. Die Tüchtigen haben das Land verlassen. Vielleicht kehren einige zurück. Als Trost bleibt da wohl nur, dass es eigentlich kaum noch schlechter werden kann.
