Es wirkt erstaunlich souverän, wenn ein Hersteller fünf Jahre damit wartet, um die zweite Version seines ersten Kopfhörers auf den Markt zu bringen. Apple ist von seinem Airpods Max sogar so überzeugt, dass die einzige Veränderung im Aussehen darin besteht, ein paar Farbvarianten auszutauschen. Andere Hersteller, eigentlich ist auch Apple einer davon, bleiben weniger gelassen und versuchen, jährlich neue Produkte an Mann und Frau zu bringen.
Der große Unterschied zum Vorgänger ist unsichtbar, sitzt in den Ohrmuscheln und klingt nach Wasserstoff. H2 heißt der neue Chip, in der Zählung passend zu Max 2. Dessen Leistungsfähigkeit macht es möglich, dass der Kopfhörer etwa das Noise Cancelling dynamisch an die Umgebungsgeräusche anpassen kann. Oder er schaltet auf Transparenzmodus, wenn man im Alltag drauflosspricht. Der Max kann sogar von einer fremden Sprache in die des Nutzers live übersetzen. Für all diese Funktionen brauchte der Kopfhörer den neuen Prozessor.
Noch mehr Dynamik
Von besserem Klang liest man in der werbenden Beschreibung von Apple erst an zweiter oder dritter Stelle. Dabei war die Soundqualität schon das Pfund des ersten Airpods Max. Damals wie heute ist das Geheimnis dieses guten Klanges die Software, welche die digitalen Signale verarbeitet. Auch hier zeigt der H2, was er draufhat. Als Spielpartner aus der Hardwareecke hat Apple ihm einen neuen Verstärker mit einer „High Dynamic Range“ zur Seite gestellt.

Was nach Marketing klingt, hört man tatsächlich. Mit einer unglaublich feinen Auflösung von Details paart sich nämlich ein beeindruckender Dynamikumfang, also die feine Eigenschaft, zwischen sehr leisen und ziemlich lauten Tönen geschickt hin- und herzuspringen. Der Airpods Max spielt zudem recht verzerrungsfrei, sodass kein Stress beim Hören entsteht und stundenlang ein Interpret an den nächsten übergeben kann. Außerdem tritt er im Bassbereich einerseits voluminös und andererseits exakt auf. Mitunter hat man das Körpergefühl, als säße man vor Boxen, was physikalisch natürlich Unsinn ist. Dass er, wie Apple meint, authentisch klingen soll, passt in den meisten Fällen.

Mitunter hält er sich aus Korrektheit bei manchen Passagen legendärer Alben, etwa von Pink Floyd, so zurück, dass es ein wenig auf Kosten der Emotionalität geht. Weil er leicht hell abgestimmt ist, taucht ab und zu Sibilanz auf, was sich in Zischlauten und zu betonten Hi-Hats und Becken äußert. Meist trifft aber nicht den Airpods Max 2 die Schuld, sondern die schlechte Produktion des Albums. Man möge dem Autor die euphorische Übertreibung verzeihen: Der Klang erinnert häufig in der Signatur an die eines elektrostatischen Kopfhörers. Als hätte man einem Stax das Kabel gezogen und rundum digitalisiert.
Wer der Meinung ist, dass er den Unterschied zwischen Musik im Lossless-Format und wenig komprimierten Dateien hört, kann den Airpods Max über ein USB-C-Kabel mit seinem iPhone verbinden. Dann kommen die Signale in höchster Qualität an. Der Kopfhörer unterstützt Audio mit bis zu 24 Bit und 48 Kilohertz, sofern Titel mit entsprechender Auflösung, etwa im Streamingdienst Apple Music, zur Verfügung stehen.
Für den ganzen Tag
Nun ist nicht ganz klar, ob Apple gerne hätte, dass für die Käufer der Klang zur Nebensache wird, oder ob die potentiellen Kunden danach verlangen. Aber ein Kopfhörer ist heutzutage wohl mehr als ein Klangerzeuger. Er soll der Rund-um-die-Uhr-Begleiter sein, mit dem man Telefonate führt, laute Umgebung zum Schweigen bringt, Podcasts lauscht, Videospiele zockt, KI-Assistenten aktiviert, fremde Sprachen übersetzt und eben auch Musik hört. Bei den In-Ears haben es die Hersteller schon hinbekommen, dass die Nutzer manchmal vergessen, sie auszuziehen, bevor sie sich ins Bett legen. Kopfumschließende Modelle bleiben im Vergleich dazu weniger lange auf den Ohren.

Wobei der Airpods Max 2 genauso wie sein Vorgänger es den Nutzern leicht macht, ihn beim Tragen zu vergessen. Die Muscheln sitzen extrem bequem auf den Ohren, der Bügel drückt zu keiner Zeit auf die Fontanelle. Polster und Bügel sind mit ihrer netzartigen Struktur äußerst atmungsaktiv. Mit dem rechten Zeigefinger lässt sich flott die Lautstärke an der Digital Crown einstellen. Auf der anderen Seite der Bügelhalterung sitzt die Taste, um zwischen den Modi zur Geräuschunterdrückung wechseln zu können, Siri aufzurufen oder den Live-Übersetzer zu aktivieren. Bei Bedarf versteht der Assistent sogar Gesten, wenn man also den Kopf schüttelt oder nickt, um abzulehnen oder zuzustimmen.
Live is life
Eine Live-Übersetzung macht der Prozessor H2 möglich. Deswegen können schon die neuesten In-Ear-Varianten des Airpods einem Fremden zuhören und die Übersetzung dem Nutzer ins Ohr flüstern. Wir hatten einige Probleme mit Umsetzung und Anwendung. Die Begeisterung bisheriger Berichterstatter können wir nicht teilen. Im Test-Dialog mit einer Brasilianerin kam es zu einigen Verständnisschwierigkeiten. Die Vorstellung, man könne nun mit dem Hörer auf dem Kopf durch die Welt reisen und problemlos kommunizieren, entspricht noch nicht der Realität. Die Künstliche Intelligenz ist auf einem guten Weg, zum Dolmetscher zu werden. Bis dies reibungslos funktioniert und natürlich wirkt, dauert es noch ein paar Jahre.

Was hingegen erstaunlich gut klappt, ist die Konversationskennung. Redet man im Noise-Cancelling-Modus drauflos, springt der Airpods Max in den Transparenzmodus, und man kann fast ohne Verzögerung mit jemandem ein Gespräch beginnen. Das ist enorm praktisch. Die Stimmen klingen zudem nicht mehr blechern oder künstlich. Generell hat Apple alle Funktionen klanglich verbessert, in denen die Stimme im Fokus steht.
Überall Ruhe, wo sie sein soll
Die Geräuschunterdrückung sei wegen des neuen Prozessors eineinhalbmal effektiver als beim Vorgänger, sagt Apple. Das mag sein. Letztlich lässt sich auch im Vergleich zu anderen Herstellern wie etwa Sony schwer beurteilen, wie „dicht“ ein Kopfhörer macht. Es hängt ziemlich stark von der Art der Umgebungsgeräusche ab. Den Lärm im Flugzeug zu unterdrücken, ist einfach, weil der Frequenzbereich der Geräusche meist der gleiche ist und ansonsten wenig an Lärm hinzukommt.

Während der Fahrt in der Regionalbahn mit lärmenden Jugendlichen hat der Airpods Max 2 das Rumpeln der Bahn im Griff, jedoch dringen Stimmen einiger Mädchen durch, die Ansage der Schaffnerin nahezu ungebremst. Das Phänomen bleibt auch mit dem neuen Prozessor. Wir kennen es von Kopfhörern anderer Hersteller. Was technisch erklärbar ist, denn es ist nicht möglich, Störungen aus allen Frequenzen zu löschen, hat einen praktischen Nutzen. Es ist prima, dass man die Ansagen im Flugzeug oder in der Bahn hört. Dann weiß man, dass man nichts verpasst, wenn Noise Cancelling aktiviert ist.
Letztlich gilt für den Airpods Max 2 das Gleiche wie für die In-Ear-Varianten. Wer ein iPhone als Smartphone nutzt und sich einen Kopfhörer kaufen will, kommt an den Produkten von Apple nicht vorbei. Dafür sind sie zu gut im Klang, in der Funktionalität und in der Integration des Gerätekosmos. Es gibt einen einzigen Grund, warum der Blick auf die Konkurrenz lohnt. Das ist der Preis. 580 Euro will sich nicht jeder leisten. Jedoch ist Apple preislich nicht so weit enteilt. Der stärkste Konkurrent Sony WH-1000XM6 kostete beim Marktstart 450 Euro und ist mittlerweile auf 360 Euro gefallen. Bose verlangte anfangs für den Quietcomfort Ultra Headphones 500 Euro. Bedenkzeit bleibt auf jeden Fall genügend. Bis die nächste Version des Airpods Max kommt, vergehen vermutlich wieder einige Jahre.
