
Auf dem Paulsplatz drängen sich Menschen zwischen Infoständen; neben dem Einheitsdenkmal ist eine Bühne aufgebaut: Frankfurts Beitrag zum bundesweiten Ehrentag „77 Jahre Grundgesetz“. „Wir haben ein Dilemma“, sagt die Unternehmerin Senayt Kesete, die gerade ein Podiumsgespräch moderiert, „bald werden die Glocken läuten“. Schnell kann der CDU-Stadtverordnete Frank Nagel noch dazu aufrufen, „die Probleme der tollen Stadt Frankfurt, von der viele begeistert sind, auf demokratischem Weg anzugehen“. Dann beginnt, zum Thema passend, die 8,5 Tonnen schwere Bürgerglocke der Paulskirche zu läuten. Schlag um Schlag verkündet sie „der Bürger Rechte“, wie ihre Inschrift lautet, die für das Publikum auf dem Platz atürlich nicht sichtbar ist.
Nach alter Tradition „spricht“ die Bürgerglocke viermal im Jahr fünf Minuten lang das Vorwort zum Großen Frankfurter Stadtgeläute. An diesem Pfingstsamstag jedoch setzen danach nicht wie gewohnt alle 50 Glocken von zehn Innenstadtkirchen gemeinsam ein. Die ersten 15 Minuten des halbstündigen Pfingstgeläutes sind von Rainer Römer und Hermann Kretzschmar vom Ensemble Modern unter dem Titel „Supra urbem“ neu gestaltet worden. Alle Glocken, von der höchsten bis zur tiefsten, werden erst einmal einzeln vorgestellt – genau so, wie Rainer Römer das Prinzip 2025 beschrieben hat: „Jede Kirche dekliniert einmal ihr Alphabet durch.“
Die kleinste Glocke macht den Anfang
Nachdem die Premiere von „Supra urbem“ wegen Missverständnissen bei der Programmierung der Läutecomputer 2025 von Pannen begleitet war, hat in diesem Jahr offenbar alles wie geplant geklappt. Vom Dach der Karmeliterkirche etwa perlt erst einmal vier Minuten lang das Gebimmel der kleinsten Glocke des Stadtgeläutes, des knapp 25 Zentimeter hohen Gemperlin, herab. Gemeinsam mit seinen „Schwestern“ Karmeliter-, Heiliggeist- und Weißfrauenglocke vervollständigt er seit 1996 im Dachreiter der turmlosen Klosterkirche, in der heute das Archäologische Museum untergebracht ist, das einzigartige Frankfurter Glockenkonzert. Seine Inschrift „Der Stadt schenkten uns freigiebige Bürger“ erinnert an das Engagement zahlreicher Frankfurter, dem im Zweiten Weltkrieg zu großen Teilen zerstörten Stadtgeläute die Klangkrone aufzusetzen, allen voran der unermüdliche Walter Pinger (1936-2018).
Beim Gang durch die Alte Mainzer Gasse Richtung Osten wird das Gebimmel nach und nach von dunkleren Glockenklängen der Leonhardskirche übertönt. Wenige Minuten später, auf dem belebten Römerberg, läutet im Turm der Alten Nikolaikirche bereits eine noch tiefer gestimmte Glocke. Weiter führt der Weg, hin zum Dom, wo der Plan von „Supra urbem“ für 16.44 Uhr den Einsatz der 2,60 Meter hohen Gloriosa vorsieht. Und dann, über diesem Fundament, erhebt sie sich, „die Stimme der Stadt“, wie der ebenfalls um das Stadtgeläute hochverdiente Archivoberrat Konrad Bund die einzigartige Frankfurter Glockensinfonie einmal genannt hat. Als schließlich um 17 Uhr Ruhe einkehrt, klatschen die rund um den Domturm versammelten Menschen Beifall.
