Fünf Meter hinter dem Ortseingangsschild von Offenbach hängt das erste Wahlplakat. Es wirbt für einen CDU-Politiker, der ausgerechnet in Frankfurt kandidiert. Dass ein Frankfurter Offenbacher von der Wahl abgehalten haben könnte, ist eine mögliche Erklärung, jedoch unwahrscheinlich. Aber es muss einen Grund geben, wieso in Offenbach mit 36,4 Prozent die niedrigste Wahlbeteiligung gemessen wurde. Zum Vergleich: In Darmstadt war die Wahlbeteiligung mit 58,3 Prozent am höchsten. Wieso gelingt der einen Stadt, was die andere versäumt – nämlich die Mobilisierung der Wähler?
Die Spurensuche führt in ein Café am Offenbacher Wilhelmsplatz. Der Platz ist an diesem verregneten Vormittag nahezu menschenleer. Wenn Wochenmarkt ist, kommen viele hierher. Es ist ein Treffpunkt. Man kennt sich, man grüßt sich. Während des Wahlkampfes, so erzählt es die 21 Jahre alte Pia Simon, hätten viele Parteien hier ihre Stände aufgebaut.
Simon nippt an ihrem Kaffee. Der Platz, so sagt sie, gehöre zwar zu Offenbach, spiegele aber nicht das Leben in der Stadt wider. Hier, wo sich Café an Café, Restaurant an Restaurant reiht, zeigt sich Offenbach von seiner schönsten Seite. „Wahlkampf findet immer auf dem Wilhelmsplatz statt, wo die Menschen fünf Euro für ihren Kaffee zahlen“, sagt sie.
Es fehlt „eine Brücke“ zwischen Politik und Bevölkerung
Dabei müsse es doch auch gelingen, jene zu erreichen, die vielleicht nicht wissen, „dass man auf der Kommunalebene ganz viel beeinflussen kann“, wie die Medizinstudentin zu bedenken gibt. Es müsse darum gehen, Wahlprogramme mehrsprachig anzubieten, sich die Mühe zu machen, die Bedeutung einer solchen Wahl in die Bevölkerung hineinzutransportieren.
„Die Verbindung von der Politik zur tatsächlichen Bevölkerung klappt nicht, es fehlt einfach die Brücke“, stimmt ihr auch Hella Sauer zu. Die 21 Jahre alte Biologiestudentin lebt und studiert mittlerweile in Darmstadt, der Stadt mit der höchsten Wahlbeteiligung. Dort hat sie am Sonntag ihre Stimme abgegeben. „Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben Schlange stehen müssen beim Wählen.“

Beide junge Frauen haben in Offenbach ihr Abitur gemacht, lieben ihre Heimatstadt, wissen um die Herausforderungen, verstehen nicht, wieso besonders im politischen Kontext kollektive Ideenlosigkeit in Sachen Kommunikation zu herrschen scheint. „Wir haben Zugang zu den Informationen, wir verstehen, wie man sich beteiligen kann“, sagt Hella Sauer. Das Ungesagte hallt nach. Viele andere verstehen das nicht. Vielleicht, weil sie die Sprache nicht ausreichend sprechen, vielleicht, weil ihnen der Wert ihrer Stimme nicht bewusst ist, weil ihnen das Wahlsystem fremd ist. „Da muss man doch ran“, sagt Pia Simon.
Auch am Nebentisch wird über das Wahlergebnis diskutiert. Hitzig – und sehr emotional. Fast schon ein bisschen genervt wirkt die 39 Jahre alte Frau, die gerade den letzten Schluck ihres Kaffees getrunken hat und die beim Reden nicht an Gestik spart. Schon wieder steht Offenbach in den Schlagzeilen. Schon wieder als Negativbeispiel. Sie ist es leid. Schließlich lebt sie gerne in dieser Stadt, in der etwa 66 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund haben.
Auch sie sieht vertane Chancen im Wahlkampf. „Die, die sich haben aufstellen lassen, repräsentieren nicht die, die hier wohnen“, sagt sie. „Wenn man weiß, dass man Wahlkampf in so einer Stadt macht, muss man den doch anders aufziehen.“ Mehrsprachig, niedrigschwellig, vielleicht sogar digitaler. Wieso nicht Aufklärungskampagnen im Internet starten, schlägt ihre Begleitung vor. Weg vom Straßenwahlkampf, rein ins Digitale. Dorthin, wo sich jeder in seiner Sprache und seinem Tempo informieren könne. „Es ginge so viel“, sagt sie und zuckt mit den Schultern.
Nächste Station, ein Supermarkt, nur wenige Gehminuten entfernt. Hier werden aus einem Fenster zur Straße heraus Hühnchenschenkel verkauft. Die Schlange ist lang, ins Plaudern zu kommen, gelingt nicht. So richtig zur Wahl äußern will sich niemand. Nur der Postbote, der für seine Pause angehalten hat, zeigt sich verwundert. Dass es Menschen geben soll, die nicht gewählt haben, kann er sich kaum vorstellen. Schließlich habe er in den vergangenen Wochen „jede Menge Briefwahlunterlagen“ verteilt, sagt er und braust schon wieder davon. „Wenn ich will, dass es besser wird, muss ich wählen“, sagt er noch im Wegfahren.
„Wissenschaftsstadt“ steht auf dem Darmstädter Ortsschild
Das haben die Darmstädter getan. „Wissenschaftsstadt“ steht auf dem Ortseingangsschild. Man wirbt hier mit Bildung. Studenten machen mehr als 20 Prozent der Bevölkerung aus. Der Kontrast zu Offenbach könnte kaum größer sein. Die Sonne scheint, Kirschblüten blühen, alles wirkt sauber, aufgeräumt. Hier gab es nicht nur mit 58,3 Prozent die höchste Wahlbeteiligung, auch haben die Grünen die meisten Stimmen geholt.
Den Gemüsebauer, der an seinem Auto gelehnt in die Sonne blinzelt und auf Kundschaft wartet, wundert das nicht. In seiner Auslage: Pastinaken, Äpfel, Kohl. „Eigener Anbau, ohne Pestizide“, sagt er. „Die Bürger können die Arbeit, die hier geleistet wird, von den Grünen auf Bundesebene unterscheiden“, sagt er. Und die Darmstädter wollen seiner Ansicht nach mitreden – wenn sie denn Zeit finden.
„Wir haben uns in den Arsch gebissen“
Die Nichtwähler, die in Offenbach vermutet, bei der kleinen Straßenumfrage aber nicht gefunden wurden, sitzen unter einem Kirschbaum auf dem Außengelände der TU in Darmstadt. Erin Yildirim und Frederik Fernandez-Schneider schauen ehrlich geknickt drein, als sie gestehen, die Wahl einfach vergessen und eine Verabredung in einer anderen Stadt angenommen zu haben.

„Wir haben uns in den Arsch gebissen“, sagt Yildirim. Dabei hätten sogar Grünen-Politiker bei ihr zu Hause geklingelt und ihr einen Flyer in die Hand gedrückt. Weniger als die hohe Wahlbeteiligung überrascht ihren Partner das Wahlergebnis. „Je mehr Krisen, desto weniger relevant scheint doch für den Einzelnen der Klimaschutz zu sein“, meint er. Yildirim, 22 Jahre alt, Psychologiestudentin, widerspricht. „Das Lebensgefühl hier ist doch zu 100 Prozent grün“, sagt sie. Die Stadt sei geprägt von jungen Studierenden und Eltern mit Lastenrädern. „Wir sind hier doch alle vegan.“
Zwei, die nicht in dieses Bild passen wollen, sind Rainer und Renate Becht. Lastenrad? Vegan? Ihre Lebensrealität sieht anders aus. Im Stechschritt geht es durch den Herrengarten. Es ist ihr täglicher Mittagsspaziergang. Erst vor einem Jahr sind sie wieder in ihre alte Heimat zurückgezogen. Die beiden Zweiundachtzigjährigen haben viele Jahrzehnte in der Pfalz gelebt. Dass man bei 58,3 Prozent schon von einer hohen Wahlbeteiligung spricht, verwundert sie. „Wählen ist doch eine Bürgerpflicht“, sagt Renate Becht, die sich nicht vorstellen mag, dass andere das nicht so bewerten könnten.

Ihr würde der 26 Jahre alte Student, der in der Mittagssonne seine Lasagne isst, wohl widersprechen. „Wenn ich den Wahlschein im Briefkasten habe, dann ist das eine Option, die ich gerne wahrnehme, aber keine Pflicht.“ Eine Option zu haben und wählen zu dürfen, das sei Luxus. Und alle paar Jahre ein bisschen Luxus, das sollte für Offenbacher wie für Darmstädter gleichermaßen gelten, will doch jeder.
