
Auf dem Weg zu einer klimaschonenden Wirtschaftsweise schreibt die Politik den Banken eine zentrale Rolle zu. Konditionen, Preise und Laufzeiten ihrer Kredite sollen reflektieren, welchen physischen Risiken sich die Institute aussetzen, wenn sie Unternehmen finanzieren. Aufsichtsbehörden wie die Europäische Zentralbank, die Eba und die Bafin verlangen von Banken, dass sie eine Rolle als Transformationsbegleiter annehmen, die Unternehmen über ihre Anfälligkeit gegenüber Klimarisiken aufklären und Investitionen auf ihren Einfluss überprüfen. Auch als Finanzierer der Transformation sollen sie so in Erscheinung treten.
Bislang ist aber nur schwer zu erfassen, ob Banken dieser Rolle nachkommen und ob sie geringere Klimarisiken mit Abschlägen belohnen oder höhere Klimarisiken höher bepreisen. Eine Studie der Frankfurt School of Finance bringt nun etwas Licht ins Dunkel. Sie findet einen Effekt und quantifiziert ihn. „Man sieht, dass Banken Klimarisiken schon einpreisen, nicht nur in den Zinsen, sondern auch in den Laufzeiten“, sagt Karol Kempa, Mitarbeiter am „Frankfurt School – UNEP Centre for Climate and Sustainable Energy Finance“. „Besonders wirksam ist das bei langen Laufzeiten und finanziell besonders schwachen Unternehmen.“
Sein kurzes Forschungspapier wurde jüngst im „Journal of Environmental Economics and Management“ veröffentlicht. Es hat sich zum Ziel gesetzt, den Einfluss physischer Klimarisiken auf die Finanzierung von Unternehmen und Kreditpreise zu untersuchen. Dafür nutzte Kempa einen Datensatz von 86.000 Krediten, die an 9000 Unternehmen in 77 Ländern ausgereicht wurden. Um das Risiko zu ermitteln, vertraute er auf Daten aus einem Index zur Verwundbarkeit gegenüber Klimarisiken der US-amerikanischen University of Notre Dame, der auf 36 Indikatoren beruht. Überdies ermittelte er das Kreditrating von Unternehmen in Abhängigkeit vom Risiko, dem deren Standorte ausgesetzt sind.
Die Verwundbarkeit des Unternehmens macht sich am Sitz fest
Der Klimawandel führe zu Extremwetterereignissen, die Auswirkungen auf Unternehmen hätten, die dort operierten. Solche Schäden seien schon spürbar. „Wenn Unternehmen geschädigt werden, steigen ihre Ausfallrisiken als Kreditnehmer“, sagt Kempa im Gespräch mit der F.A.Z. Schon bislang habe man vermuten können, dass Banken solche physischen Klimarisiken in ihr Kreditangebot einpreisen, unklar sei aber gewesen, in welchem Umfang. Für die Untersuchung hat der Ökonom die Verwundbarkeit nach dem Standort des Hauptsitzes der Unternehmen ermittelt. Dabei war ihm bewusst, dass das nicht realitätsgetreu das physische Risiko erfasst, dem diese Firmenkunden einer Bank ausgesetzt sind. Deshalb hat er zudem den Standort von Tochtergesellschaften einbezogen.
Das Ergebnis ist differenziert zu betrachten. Finanziell stabile Unternehmenskunden der Banken sehen sich keinen höheren Kreditkosten gegenüber – sehr wohl aber Unternehmen mit einer schwächeren Profitabilität. „Unternehmen in finanzieller Not sind besonders gegenüber physischen Risiken exponiert, wohingegen finanziell starke Unternehmen resilienter gegenüber Wirkungen des Klimawandels sind“, schreibt Kempa in dem Papier. „Der Effekt steigt proportional mit den Risiken“, ergänzt er im Gespräch. Je länger die Laufzeit des Kredits sei, desto stärker falle der Effekt aus.
Widerstandskraft gegen den Klimawandel kann Kredite vergünstigen
Aus Kempas Sicht sind seine Ergebnisse relevant für die Finanzpolitik. „Unternehmen, die die höchsten Investitionen beanspruchen, um ihre Widerstandskraft gegen den Klimawandel zu verbessern, können sich besonders hohen Kosten der Finanzierung gegenübersehen“, schreibt er. Das könne Unternehmen in ärmeren Ländern belasten, die gleichzeitig stark vom Klimawandel getroffen sind. In seiner Untersuchung sei das Risiko der Lieferketten noch nicht modelliert. Bezöge man diese ein, könnten physische Risiken sogar noch stärker auf die Kreditwürdigkeit von Unternehmen einwirken.
„Hier schlummern Risiken, die noch nicht genau quantifiziert werden können“, sagt er. Schon eine kleine Abweichung im Vulnerabilitätsindex könne einen großen Effekt haben. So lägen die Niederlande wegen der Überschwemmungsgefahr mit einem Indexwert von 35 um sechs Punkte oberhalb von Deutschland. Allein dadurch könne sich ein Kredit durchschnittlich um 0,85 Prozentpunkte verteuern.
Es sei positiv, dass Banken schon in der Vergangenheit solche Risiken in der Kreditvergabe berücksichtigt hätten. Gleichzeitig gebe es einen praktischen Nutzen solcher Untersuchungen für ihre Aufseher. „Ich halte es für richtig, das in der Aufsichtspraxis zu berücksichtigen, weil diese Risiken noch nicht zur Genüge gesehen werden“, sagt Kempa.
