Denkt man an das Frankfurter Nordend, denkt man an angesagte Cafés, junge Familien und Anwohner, die sich abends in coolen Weinbars oder auf dem Friedberger Platz treffen. Man denkt nicht an Armut. Schließlich gehört das Viertel laut dem aktuellen Frankfurter Sozialmonitoring 2024 zu dem mit der geringsten Kinder- und Jugendarmut. Doch es gibt sie auch dort, weiß Luka Ivanovic. Er ist dort aufgewachsen und war selbst von Kinderarmut betroffen.
Seine Eltern flohen 1993 vor dem Krieg im damaligen Jugoslawien nach Deutschland, bekamen kurz danach ihre zwei Söhne. Für die Familie sei es finanziell damals schon schwierig gewesen, erzählt Ivanovic. Der Schulabschluss seiner Mutter sei in Deutschland nicht anerkannt worden, sie sprach schlecht Deutsch. „Es waren einige Barrieren da“, sagt er.
Wie schwierig es für die Familie war, erklärt Ivanovic an einem Beispiel aus seiner frühen Kindheit: Er hatte gerade laufen gelernt und brauchte Schuhe, doch für die hatte die Familie kein Geld. Sein Vater hatte es ausgegeben. Also verpfändete Ivanovics Mutter ihren Ehering. Seine Eltern ließen sich scheiden, er und seine Mutter zogen in ein Frauenhaus, sein älterer Bruder blieb bei dem Vater. Irgendwann zogen Ivanovic und seine Mutter in eine Sozialwohnung ins Nordend.
Armut heißt mehr als kein Geld zu haben
In Frankfurt sehe man die Schere zwischen Arm und Reich besonders gut, findet Ivanovic. „Ich bin zwischen den Welten aufgewachsen.“ Sein Umfeld etwa in der Schule sei geprägt gewesen von „bürgerlich-akademischen Familien“, wohingegen sein „persönlicher Kreis“ aus sozial schwachen Haushalten kam. Das sind in Frankfurt nicht wenige, laut Sozialmonitoring gibt es keinen Stadtteil ohne Kinder- und Jugendarmut. 25,7 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 18 waren 2024 laut einem Magistratsbericht von Armut gefährdet, bei den unter Fünfzehnjährigen betrug die Quote 23,7 Prozent. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verdient – das lag laut dem Statistischen Bundesamt 2024 bei rund 2700 Euro netto.
Arm zu sein kann aber auch bedeuten, von kultureller, sozialer oder gesundheitlicher Armut betroffen zu sein, also entsprechende Angebote nicht oder wenig nutzen zu können. Außerdem kann sich Armut auf Materielles wie Nahrung oder Kleidung beziehen. Oft bedingen sie sich gegenseitig.
Davon war auch Ivanovic betroffen. Zwar arbeitete seine Mutter immer hart dafür, dass ihm nichts fehlte. Aber sie waren trotzdem auf die Unterstützung von Freunden und Verwandten angewiesen, die ihnen Kleidung oder Möbel überließen. „Ohne die hätte es an vielen Stellen einfach nicht gereicht.“ Wenn er Hilfe in der Schule brauchte, fragte er Freunde – für Nachhilfe hatten sie kein Geld, und seine Mutter konnte ihm wegen der Sprachbarriere nicht helfen.
Jugendliche treffen sich auf Supermarkt-Parkplätzen
Die Stadt Frankfurt unterstützt zwar bedürftige Familien, beispielsweise durch finanzielle Entlastungen wie den Frankfurt-Pass. Ivanovic ist das aber nicht genug. Er sagt, es müsste mehr über die Ursachen und Folgen von Armut gesprochen werden und etwas dagegen unternommen werden. Dazu zählen laut Magistratsbericht „geringe Bildung, hohe Mieten, Arbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigungsformen“.
Weil Ivanovics Mutter oft den ganzen Tag arbeitete, ging er allein zur Grundschule, verbrachte den Nachmittag im Hort und ging allein wieder nach Hause. Er hatte Glück, dass diese so nah beieinander lagen, sagt Ivanovic. Andere, bei denen das nicht so ist, bräuchten dann sichere Orte wie Jugendzentren. Viele seiner Freunde haben fast ihre ganze Jugend dort verbracht, erzählt er. „Weil sie sonst keinen anderen sicheren Ort hatten.“

Denn: Nicht jeder könne sich nach der Schule oder am Wochenende zu Hause mit Freunden treffen, viele Jugendliche hingen deshalb draußen ab, sagt Ivanovic. „In manchen Stadtteilen hat man gar keine Option.“ Auch er hat deshalb in seiner Teenagerzeit oft mit seinen Freunden auf Parkplätzen von Supermärkten abgehangen. In einer Stadt wie Frankfurt hätten Jugendliche viele Möglichkeiten, in die Kriminalität abzurutschen, sagt Ivanovic. Umso wichtiger sei es, sichere Orte für junge Menschen zu schaffen, damit sie nicht in „unsicheren Ecken gammeln“ müssen.
„Niemand kann dir deine Bildung nehmen“
„Einmal bin ich nachts in die Küche gekommen“, sagt Ivanovic. „Und da saß meine Mutter weinend am Tisch, weil sie nicht wusste, wie sie die Miete zahlen soll.“ Daraus sei eine Art Pflichtgefühl entstanden. Also hielt er sich aus allem Ärger heraus, machte nicht die Dinge, die andere im „jugendlichen Leichtsinn“ anstellen.
Damit sich etwas an der Situation der Kinder und Jugendlichen in Frankfurt ändert, engagierte sich Ivanovic unter anderem ehrenamtlich als Stadtschulsprecher. Nebenbei arbeitete er am Wochenende, um seine Mutter zu entlasten. „Ich wusste, wenn ich mir den Pulli selbst bezahlen kann, hat meine Mama eine Sorge weniger“, sagt Ivanovic. Er fühlte sich verantwortlich.
Allerdings fiel es ihm immer schwerer, seine zeitintensiven Ehrenämter mit seinem Nebenjob und der Schule unter einen Hut zu bekommen. Doch aufgeben wollte er sie nicht, und auf das Geld war er angewiesen. Also litten seine Noten. „Das zeigt auch, dass es für Jugendliche aus finanziell stärkeren Haushalten einfacher ist, sich zu engagieren“, sagt Ivanovic. Das sorge für eine „starke Unterrepräsentation von Menschen aus sozial schwachen Verhältnissen“.
Seine Mutter habe ihm immer gesagt: „Man kann dir alles nehmen, aber nicht deine Bildung.“ Also legte er „in letzter Sekunde“ sein Amt als Stadtschulsprecher nieder, um sein Abitur „zu retten“. Mittlerweile studiert er Politikwissenschaften an der Goethe-Universität in Frankfurt und arbeitet nebenbei für den Frankfurter Jugendring, um sich für armutsgefährdete junge Menschen einzusetzen. Aber er sagt auch: „So sehr ich studieren wollte, kann ich nicht vereinen, dass da eine Art Verpflichtung meiner Mutter gegenüber herrscht, etwas zu erreichen, weil sie so viel geopfert hat.“
Ivanovic fühlte sich zwar deshalb oft schuldig, geschämt habe er sich aber nie. Aber er ärgere sich, wenn Menschen ihren „Luxus“ als selbstverständlich betrachten. Er fordert mehr Verständnis und Einsatz für arme Kinder und Jugendliche. Sie müssten gefördert und geschützt werden. Denn: Wenn Jugendliche nur negative Erfahrungen mit dem Staat machten, würden aus ihnen Erwachsene, die diesem Staat misstrauen, sagt Ivanovic. „Kinder und Jugendliche sind die Zukunft“, sagt er, auch wenn er diesen Satz eigentlich abgedroschen findet und ihn nicht immer wieder sagen will. „Aber es ist nun einmal die Wahrheit.“
