Mit ihrem Bekenntnis zur Kernenergie „als zuverlässiger und bezahlbarer Quelle für emissionsarmen Strom“ und der Ankündigung, die Entwicklung von kleinen modularen Reaktoren zu fördern, hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Debatte um die Kernkraft in Deutschland neu entfacht. Vor allem Politiker der CSU fordern eine Rückkehr zur Kernenergie und halten den Ausstiegsbeschluss für durchaus umkehrbar. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder verlangt „eine neue Epoche der Kernenergie“ und will einen Minireaktor in Bayern bauen lassen.
Befeuert wird die Diskussion durch die im Zuge des Irankrieges gestiegenen Energiepreise und den wachsenden Stromhunger im Zuge fortschreitender Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. Da erscheint für viele eine Wiederbelebung der Kernenergie als emissionsarme und zuverlässige Stromquelle attraktiv.
Während in Deutschland seit drei Jahren kein Kernkraftwerk mehr in Betrieb ist, setzt man in vielen europäischen Ländern weiterhin auf die Kernenergie und will Kapazitäten ausbauen, allen voran in Frankreich und in Finnland. Polen will sein erstes Kraftwerk bauen. Belgien, Italien und Schweden wollen zurück zu der Technologie, von der sie sich bereits verabschiedet hatten. Doch das ändert erst einmal nichts daran, dass der Anteil des nuklear erzeugten Stroms in der EU seit 1990 um gut die Hälfte gesunken ist, auf derzeit 15 Prozent.

Klein, günstig und flexibel kombinierbar
Das will die Kommission unbedingt ändern und sieht in der Kernenergie neben den Erneuerbaren eine feste Säule, um die Energieversorgung in Europa zu stärken, die Abhängigkeit von fossilen Energien zu reduzieren und so die Klimaziele zu erreichen. Weil der Bau neuer Kernkraftwerke lange dauert und teuer ist – der Europäische Druckwasserreaktor EPR in Frankreich kostet statt ursprünglich drei Milliarden Euro fast 13 Milliarden Euro – setzt sie auf kleine modulare Reaktoren („small modular reactors“, SMR). Die kompakten Meiler liefern nur maximal 300 Megawatt an elektrischer Leistung. Zum Vergleich: Der vor vier Jahren abgeschaltete Druckwasserreaktor Isar 2 produzierte zuletzt 1410 Megawatt. Die Minireaktoren sollen aber deutlich billiger sein und schneller gefertigt werden.
Denn die modularen Reaktoren werden nicht auf der Baustelle gefertigt, sondern in Fabrikhallen, und das in großer Stückzahl. Die Serienfertigung und Standardisierung sollen die Kosten senken. Je nach Bedarf werden mehrere Reaktoren an ihren Einsatzort gebracht und dort in einem Kraftwerk kombiniert, so die Vorstellung. Vor allem verspricht man sich aufgrund des kompakten Designs weniger radioaktive Abfälle als bei Großreaktoren. Minireaktoren benötigen weniger Kernbrennstoff und kommen länger mit einer Füllung aus. Während bei gängigen Großreaktoren die Brennstäbe nach ein bis zwei Jahren ausgetauscht werden müssen, ist das bei den Minireaktoren alle drei bis sieben Jahre der Fall oder sogar noch länger.
Schon 2030, so verkündete von der Leyen in Paris, sollen erste Minireaktoren in Europa ans Netz gehen. Mit 200 Millionen Euro aus dem Emissionsfond will die EU die Entwicklung anschieben, weiteres Geld soll folgen. Die Kommissionspräsidentin setzt vor allem auf die Privatwirtschaft. Sie träumt von einer blühenden Nuklearindustrie-Landschaft in Europa.
Technische Hürden verzögern die Verwirklichung
Ob es tatsächlich so schnell gelingt, erste SMR zu bauen und zu installieren, ist aber fraglich. Fachleute rechnen mit zehn bis 15 Jahren Entwicklungs- und Bauzeit. Es mangelt an Erfahrung. Denn bislang sind solche Minireaktoren nur in Russland und China in Betrieb. In den westlichen Ländern gibt es noch keinen einzigen Minireaktor zu kaufen, viele Designs existieren nur am Reißbrett.
Die Konstruktion hat sich als schwieriger herausgestellt als gedacht. Insbesondere was das Design und das Material betrifft, sind noch viele Fragen offen. So lassen sich Leichtwasserreaktoren vergleichsweise einfach bauen, schwieriger wird es, wenn man als Kühlmittel geschmolzene Salze oder Natrium verwendet, was die Betriebssicherheit noch einmal erhöhen würde. Mehr als 80 verschiedene Varianten von SMR zählt die Internationale Atomenergiebehörde.
Noch ist nicht klar, wer die Reaktoren in Europa so schnell bauen kann, ob sie sich tatsächlich durchsetzen werden, und vor allem, ob sie so preiswert sind wie erhofft. Dennoch ist die Nachfrage bereits groß. Sieben Länder haben bereits erklärt, Minireaktoren nutzen zu wollen, unter ihnen Frankreich, Schweden, Polen, Tschechien, Bulgarien und Rumänien. Auch die Anwendungen sind für die EU klar: SMR könnten Gas- und Kohlekraftwerke ersetzen sowie Rechenzentren und Industrieanlagen dezentral mit Strom versorgen. Es könnten Anlagen zur Meerwasserentsalzung und zur Wasserstoffproduktion betrieben werden. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.
