Immer wieder die Kuh und die Venus
Im Clinch mit sich selbst: Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie erschließt das Werk der Malers Lovis Corinth auf Grundlage seiner Skizzenbücher.
„Er hat 1005 Gemälde hinterlassen, dennoch war Lovis Corinth lange Zeit ein ziemlich erfolgloser Maler“, schreibt unser Rezensent Hannes Hintermeier: „Sein erstes Bild verkauft er im Alter von 37 Jahren. Ohne die Unterstützung seines Vaters, eines Gerbers, wäre diese Berufskünstlerlaufbahn nicht denkbar gewesen. (…) Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie zeigt nun anlässlich seines hundertsten Todestags eine Ausstellung über seinen ‚Bildrausch‘, indem sie einen Einblick in die diversen Arbeitsstufen des Schnellmalers gibt, seinem Weg von der Zeichnung bis zum Gemälde folgt.“

Sein Weg über die blutrote Schwelle
„Meine Zeit – Thomas Mann und die Demokratie“ im St.-Annen-Museum Lübeck, bis 18. Januar
Thomas Mann unter demokratischer Bewährungsauflage: Lübeck feiert seinen großen Sohn zum 150. Geburtstag mit einer Ausstellung.
„Gestalterisch orientiert sich die Ausstellung an Propagandakunst der frühen Sowjetzeit“, schreibt unser Rezensent Andreas Platthaus: „Suprematistische Überwältigung im Neben- und Durcheinander von Wort- und Bildgewitter, Banner hängen von den Decken, Musik schafft Atmosphäre (Wagner, Swing und Zarah Leanders ‚Davon geht die Welt nicht unter‘), das Wandfarbenspektrum reicht von schwarzgrau (NS-Zeit) bis pazifisch-blau (US-Exil) – Caren Heuer und Barbara Eschenburg, beide vom Buddenbrookhaus, haben als Kuratorinnen alle Register gezogen;. Selbst kleine Comic-Elemente gibt es, und überall liegen Fotoalben. Man kann Stunden in der Schau verbringen, und an sieben über die Stadt verteilten Hörstationen ermöglichen URL-Codes den Zugriff auf historische Tondokumente, darunter auch Manns nachträgliche Einlesung der ganzen einstündigen Rede ‚Meine Zeit‘. Alles prächtig gelungen in Lübeck. Nur das Buddenbrookhaus verkündet per Aushang noch, seine Zeit komme wieder im Jahr 2027. Dabei lautet das derzeitige Planungsziel – je nach Auskunftgeber – 2029 bis 2032.“

Stumpfen diese Bilder wirklich gegen das Leid der anderen ab?
„Diane Arbus, Konstellationen“ im Gropius Bau Berlin, bis 18. Januar
Im Berliner Gropius Bau ist das Werk der Fotografin Diane Arbus zu sehen, die von Susan Sontag scharf kritisiert worden war. Die Ausstellung inszeniert ihre Bilder als ein Spektakel der Gleichzeitigkeit.
„Arbus hat einmal gesagt, dass sie vor allem an der Dunkelheit interessiert sei“, schreibt unsere Rezensentin Laura Helena Wurth: „Nicht an der metaphorischen, sondern an der ganz konkreten physischen. Auf vielen Bildern ist der Schwarzraum so präsent, dass er mehr Platz einnimmt als das eigentliche Motiv. Arbus’ Linse wirft ein kurzes Spotlight auf eine Szenerie, auf eine Person, die sonst im Verborgenen existiert. Das ist nicht immer im konventionellen Sinne schön oder erfreulich. Doch genau das ist es, was diese Bilder heute noch so sehenswert macht.“

Sein Lebenswerk passte in eine Streichholzschachtel
„Out of the Box – 75 Jahre Archiv der Akademie der Künste“ im Akademiegebäude am Pariser Platz, Berlin, bis 18. Januar
Das Archiv der Berliner Akademie der Künste versammelt Schätze der deutschen Kulturgeschichte von Heinrich Mann bis Peter Zadek. Mit einer Ausstellung feiert die Akademie seine Entstehung vor fünfundsiebzig Jahren.
„Die Ausstellungsmacher überschätzen die Popularisierbarkeit ihres Gegenstands, und sie unterschätzen die Neugierde ihres Publikums“, schreibt unser Rezensent Andreas Kilb: „Ein Archiv ist nun mal kein Rummelplatz. Aber wer sich wirklich für seine Inhalte interessiert, möchte oft mehr darüber erfahren, als auf den Objekttafeln an den Vitrinen mitgeteilt wird. Zur Vertiefung des Ausstellungserlebnisses ist der Katalog daher unentbehrlich, auch deshalb, weil er zwischen den spektakulären (wie der ‚atmenden Kugel‘ des Avantgarde-Komponisten Hermann Scherchen) und den unauffälligeren Objekten (etwa zwei Briefen von Irmgard Keun aus ihrem Versteck im Zweiten Weltkrieg) eine Art visuellen Gleichstand herstellt.“

Der Maler der fließenden Welt
„William Kentridge: Listen to the Echo“ im Museum Folkwang, Essen, und in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, bis 18. Januar und 15. Februar
Dem Echo der Vergangenheit lauschen: Das Museum Folkwang in Essen würdigt den Universalkünstler William Kentridge mit einer fünf Jahrzehnte umspannenden Ausstellung.
„Während in Dresden zwei große Mehrkanal-Filminstallationen, Teile des druckgrafischen Werks und das 2016 von Kentridge gegründete Ideenlabor ‚Centre for the Less Good Idea‘ vorgestellt werden, erlaubt die Essener Ausstellung Einblicke in ein längst unüberschaubar gewordenes Werk, zu dem Zeichnungen, Radierungen, Collagen, Skulpturen, animierte Filme, Tapisserien, mechanische Miniaturbühnen, Theater- und Operninszenierungen sowie aufwendige Filminstallationen gehören“, schreibt unser Rezensent Hubert Spiegel: „Kentridge ist ein tief in seiner südafrikanischen Heimat und in der europäischen Geschichte verwurzelter Universalkünstler, an dem keine Etikettierung haften bleibt – außer jener der Unverwechselbarkeit.“

Aus den Ruinen eines Klassenzimmers
„Near East, Far West. Kyiv Biennial 2025“ im Museum für Moderne Kunst, Warschau, bis 18. Januar
In der Nachbarschaft von Krieg und Gewalt wächst der Kunst besonderer Ernst zu: Die 6. Kyiv Biennal muss in Warschau stattfinden, überzeugt aber trotz der Notlösung durch die Qualität ihrer Werke.
„Es gelingt dem siebenköpfigen, internationalen Kuratorenteam, darunter Vasyl Cherepanyn und Serge Klymko vom Visual Culture Research Center in Kiew, in der Auswahl der zwei Dutzend Künstler und ihrer zum großen Teil raumfüllenden Werke die Balance zu wahren zwischen die Gewaltsamkeit des Krieges anprangernden Arbeiten und jenen, die eine eindeutige politische Aussage machen“, schreibt unser Rezensent Bernhard Schulz: „Gewiss, auch der Gazakonflikt findet seinen Platz – wie könnten Künstler über dessen Zehntausende Tote hinwegsehen. Der Grat zwischen Dokumentation und Propaganda ist schmal. Doch wenn Turner-Preisträger Lawrence Abu Hamdan in seiner Videoinstallation ‚Tagebuch eines Himmels‘ die israelischen Überflüge Beiruts vor mittelmeerblauem Himmel zeigt, so wird über den konkreten Anlass hinaus die strukturelle Gewalt deutlich, die Zivilisten in gleich welchen Konfliktregionen erleiden.“

Seelenfänger Leinwand
„Verborgene Moderne. Faszination des Okkulten um 1900“ im Leopold Museum, Wien, bis 18. Januar
Dunkel: Das Wiener Museum Leopold widmet sich der „Verborgenen Moderne“ und ihrem Hang zum Okkulten. Man entdeckt dort ganz neue Seiten an scheinbar alten Bekannten wie Munch, Schiele, Kokoschka oder Hodler.
„Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, dass schon knapp zwanzig Jahre vor der Moderne eines Picasso und Kandinsky im zwanzigsten Jahrhundert eine erste, dunklere, von alter Kunst befeuerte Europa erfasste“, schreibt unser Rezensent Stefan Trinks: „Das Museum Leopold in Wien nennt sie die ‚Verborgene Moderne‘. Dass die forcierte Industrialisierung, der besinnungslose Boom der Gründerzeit und deren hemmungsloser Materialismus, auch die Zumutungen der Großstadt vor allem für die per Landflucht in die Metropolen Gespülten viele Menschen um 1900 hoffnungslos überforderte, ist nachvollziehbar. Im harmlosen Fall entwickelten sich daraus gesellschaftliche Ausgleichsbewegungen wie ein spirituell aufgeladenes ‚Zurück zur Natur‘, die Gartenstadt-Idee, Freikörperkultur und gegen den Dreck und Lärm der Megalopolen gerichtete Frühformen ökologischer Reformbewegungen inklusive Vegetarismus und Esoterik, mithin eine im Grunde antimoderne Moderne. Im Negativfall gebaren die Träume vom völkisch-antimaterialistischen neuen Menschen und nationalistisch-eskapistische Fluchtbewegungen Quer- und Rechtsdenker wie Jörg Lanz von Liebenfels, einen der Stichwortgeber Hitlers, Himmlers und vieler anderer Nationalsozialisten, was eine Wiener Ausstellung weder verschweigen kann noch wagen würde. Dazwischen liegt das zwielichtige Reich des Okkulten, dem besonders in Wien zahlreiche hypersensible Künstler frönten.“

Der schwarze Beuys
„Rashid Johnson. A Poem For Deep Thinkers“ im Guggenheim New York, bis 19. Januar
Wetten, dass: Ihn wird man auf der nächsten Documenta wiedersehen – Rashid Johnson überzeugt im Guggenheim.
„Eine Überblicksschau mit enormen neunzig Werken bietet oft und so auch hier den Vorteil, dass sich schnell treibende Motive und Werkgruppen herauskristallisieren“, schreibt unser Rezensent Stefan Trinks: „Das die Schau einleitende Monumentalfoto Johnsons auf einem Grab liegend etwa gehört zu dessen lebenslanger Auseinandersetzung mit Tod und Innerlichkeit, die sich auch in Totems und basquiathaft aus Kritzelliniengeflechten aufgebauten schwarzen ‚Soul Paintings‘ findet, die allerdings nicht gemalt, sondern erneut aus schwarzer Seife wie Reliefs modelliert sind. Verblüffend scheint dabei, wie nah er vielfach Caspar David Friedrich und den Romantikern kommt.“

Wie sieht die Zukunft des Bauens aus?
„WEtransFORM. Zur Zukunft des Bauens“ in der Bundeskunsthalle Bonn, bis 25. Januar
Durch die Schleuse des Schreckens zu den Häusern der Hoffnung: Die Bundeskunsthalle beschäftigt sich mit der Zukunft des Bauens und folgt dabei wohlbekannten Pfaden.
„Die Ausstellung mahnt zum Paradigmenwechsel“, schreibt unser Rezensent Klaus Englert: „Architektur-Schauen sollten nicht mehr von spektakulären Gebäuden und Stararchitekten handeln, sondern von der nachhaltigen Ausrichtung so praktischer und basaler Dinge wie Rohstoffgewinnung, Materialtransport, Energieverbrauch, Lebenszyklen und Wiederverwendung von Baustoffen. Die Schau konzentriert sich auf hoffnungsgebende Ansätze jenseits einer auf Neubau fixierten Industrie, die immer nur, wie es Olaf Grawert von der Initiative House Europe! formuliert, bis ans Ende von Haftungsfristen denke.“

Der schwedische Weltmann
„Anders Zorn. Schwedens Superstar“ in der Kunsthalle, Hamburg, bis 25. Januar
Die Hamburger Kunsthalle zeigt den schwedischen Maler Anders Zorn als einstigen Superstar, der aber auch heute noch mit seinen Porträts überzeugt.
„Die handwerkliche Brillanz, die Strahlkraft und erzählerische Lebendigkeit der Bilder machen den Gang durch die Ausstellung zu einem ästhetischen Genuss“, schreibt unser Rezensent Wolfgang Krischke: „Die Aquarelle, mit denen Zorn begann, stehen der Ölmalerei, zu der er später überging, in ihrer Qualität in nichts nach. Auch als Grafiker überzeugt er, wie die große Auswahl an Radierungen zeigt, die in der Ausstellung zu sehen sind.“

Bernsteinfarbene Sinnlichkeit
„Georges de La Tour, entre ombre et lumière“ im Musée Jacquemart-André, Paris, bis 25. Januar
Mit einem Hang zur Vertiefung, in jeder Hinsicht: Das Pariser Musée Jacquemart-André präsentiert Georges de La Tour als Meister feinster Differenzierungen zwischen Schatten und Licht.
„La Tour wurde 1915 durch den deutschen Kunsthistoriker Hermann Voss wiederentdeckt (der sich später schwer mit dem NS-Regime kompromittierte)“, schreibt unser Rezensent Marc Zitzmann, „doch erst eine große Pariser Werkschau 1972 verankerte den einzigen Lothringer unter den ‚peintres ordinaires‘ des französischen Königs endgültig als Fixstern am Kunsthimmel. Im Vergleich zur letzten umfassenden Retrospektive im Grand Palais 1997 zeigt die jetzige im Jacquemart-André bloß halb so viele Gemälde. Doch unter den knapp dreißig ausgestellten Originalbildern und Kopien finden sich auch vier, die erst in den letzten drei Jahrzehnten wiederaufgetaucht beziehungsweise zugeschrieben worden sind – zwei davon sogar erst seit 2022.“

Sauber bleiben im Smog
„Helga Paris. Für uns“, Fotografiska, Berlin, bis 25. Januar
Großdichter und Müllmänner unterschiedslos vor der Kamera: Helga Paris’ Porträts bei Fotografiska Berlin zeigen eine Welt, die es heute nicht mehr gibt.
„Helga Paris war (…) im strengen Sinne keine Berufsfotografin, sosehr sie die Fotografie auch zu ihrem Beruf gemacht hat und darin eine der Großen ihrer Zeit wurde“, schreibt unser Rezensent Bernhard Schulz: „Sie kam durch die Zeitläufte, durch freundschaftlichen Rat zur Fotografie. Die Scheu, mit der Kamera auf andere und anderes draufzuhalten, hat sie nie abgelegt. Es wurde ihre Stärke.“

Wenn die Titanic jede Nacht versinkt
„Christian Marclay. The Clock“ in der Neuen Nationalgalerie Berlin, bis 25. Januar
Christian Marclay hat Uhren-Szenen aus klassischen Filmen und Serien zu einer 24-Stunden-Collage zusammengeschnitten. Es ist die schönste Hommage ans Kino, die es bisher gab. Noch läuft sie in Berlin.
„Im Internet kann man Listen der Filme abrufen, die in ‚The Clock‘ vorkommen, und bruchstückhafte Beschreibungen der Szenen, die Marclay verwendet hat“, schreibt unser Rezensent Andreas Kilb: „Zuschauer, die vier, sechs oder zwölf Stunden durchgehalten haben, erzählen von Neugier, Müdigkeit, Verzauberung, Nostalgie, Spannung und Gleichgültigkeit in ständigem Wechsel. Dabei liegt die eigentliche Faszination von Marclays Film nicht in seiner Dauer, sondern in seiner Vollständigkeit. Indem er zu jeder Minute des Tages ein Filmbild fand, hat er zugleich ein Bild für das Wesen des Kinos gefunden, für eine Kunst, die mehr als jede andere in der Zeit gefangen ist – und eben deshalb imstande, sie zu überwinden.“

Versammlung versklavter Menschen
„Willem de Rooij. Valkenburg“ im Centraal Museum Utrecht, bis 25. Januar
Plantagenland in Bürgerhand: Willem de Rooij blickt mit den Gemälden von Dirk Valkenburg auf den niederländischen Kolonialismus des siebzehnten Jahrhunderts – eine Ausstellung im Centraal Museum in Utrecht.
Die Ausstellung in Utrecht ist die bislang umfangreichste Einzelschau des Malers Dirk Valkenburg (1675 bis 1721), aber vor allem ist sie nach Ansicht des Künstlers Willem de Rooij, der die Niederlande 2005 zusammen mit Jeroen de Rijke bei der Biennale in Venedig vertreten hat, selbst ein Kunstwerk, schreibt unser Rezensent Hubert Spiegel: „‚Willem de Rooij. Valkenburg‘, so der Ausstellungstitel, begreift den Akt der Präsentation mit all seinen Details (die dem Besucher nicht ohne Weiteres auffallen) als komplexe Installation, die den verborgenen Bedeutungen der Werke nachspürt. Wie Bart Rutten, der Direktor des Centraal Museum, im demnächst erscheinenden Ausstellungskatalog betont, geht es de Rooij um ein Nachleben der Kunstwerke im Sinne von Aby Warburg und Georges Didi-Huberman. In Valkenburgs Gemälden hat sich der ‚weiße Blick‘ seiner Epoche unverstellt erhalten.“

Maler dreier Regime
„Jacques-Louis David“ im Louvre, Paris, bis 26. Januar
Erkenntnisse eines Chamäleons: Der Louvre schmückt sich mit den Farben und Bildern des Revolutions- und Kaisermalers Jacques-Louis David.
Angesichts der Louvre derzeit mit Ausstellungen einst großer Namen etwas vom alten Ruhm zurückholen will, sei wenig verwunderlich, schreibt unser Rezensent Stefan Trinks: „Ausgerechnet den vor 200 Jahren im Brüsseler Exil gestorbenen Jacques-Louis David hat man sich für die Imagepolitur ausgesucht, den wankelmütigsten aller französischen Maler, der unter drei sehr unterschiedlichen Regimen malte und zweien von ihnen bedingungslos diente, von der absolutistischen Monarchie über die Revolution bis hin zu Napoleon. Sicher kein Role Model für robuste Demokratie, doch hochbedeutsam als Erfinder je neuer politischer Ikonographien für rasch wechselnde Systeme als Auftraggeber.“

Eine Hose ist eine Hose ist eine Hose
„Wer hat die Hosen an?“ im Weltmuseum Wien, bis 1. Februar
Männlich konnotiert, das war gestern: Das Wiener Weltmuseum widmet sich der Frage, wer die Hosen anhat.
„Zu sehen sind Meisterwerke der Textilkunst aus Kulturen rund um den Erdball“, schreib unser Rezensent Hannes Hintermeier, „darunter eine Hose aus Robbenfell, die mit Eisbärenfellstücken geflickt wurde; eine Tunban-Hose aus Rinds- und Schafleder für den persischen Ringkampf Zurkhaneh; eine pantalón de charro, die Ziegenfellhose mexikanischer Viehhirten, bestickt mit Gold und Silber, vom Typ her eine Überhose mit zwei getrennten Hosenbeinen, die von einem Gürtel und einem Hakenverschluss zusammengehalten werden. Man kann jenseits praktischer Lösungen an der Hose auch viel Überbau befestigen – Machtfragen, Genderfragen, Tabufragen. Die Schau tut dies mit Nachdruck.“

Sehen und gesehen werden
„Künstlerinnen! Von Monjé bis Münter“ im Kunstpalast Düsseldorf, bis 1. Februar
Hunderte Künstlerinnen waren im neunzehnten Jahrhundert in Düsseldorf aktiv. Viele von ihnen sind heute zu Unrecht vergessen. Der Kunstpalast würdigt sie mit einer eindrucksvollen Schau, die viel über weibliche Erfolgsstrategien verrät.
„Mehr als fünfhundert Namen mit Düsseldorf verbundener Künstlerinnen konnten die Recherchen des Kunstpalastes unter der Leitung der dort für Kunst des neunzehnten Jahrhunderts zuständigen Kathrin DuBois ermitteln“, schreibt unsere Rezensentin Ursula Scherr, „das sind fast dreihundert mehr, als bisher bekannt waren. Aus der Menge treten in der chronologisch aufgebauten Überblicksschau 31 Frauen, deren Werke beispielhaft für das weibliche Schaffen zwischen Romantik und Expressionismus im Rheinland stehen – für Grenzen, Möglichkeiten und Charakteristika.“

Hinter der Mauer, im Schatzkästlein
„Sammlung Lothar Schirmer. Zeitgenössische Kunst von Cy Twombly bis Peter Handke“ im Kallmann-Museum, Ismaning, bis 1. Februar
Kann ich mal Ihre Bechers haben? Das Ismaninger Kallmann-Museum macht einen Hausbesuch beim Verleger und Sammler Lothar Schirmer – und zeigt ausgewählte Gegenwartskunst von Twombly bis Handke.
Rasmus Kleine, der Leiter des Museums, betont, der Sammler habe ihm freie Hand gelassen, schreibt unser Rezensent Hannes Hintermeier, „Schirmers Mitarbeiter, eine eingeschworene Familie, bestätigen dies. Keine Kleinigkeit für einen, der gern die Fäden in der Hand hält. Schließlich sammelt Schirmer seit mehr als sechzig Jahren, suchte schon als Schüler den Kontakt zu Beuys, fand ihn und verstetigte die Beziehung. Der Rest ist Kunstgeschichte, über die Sammlung Schirmers ist viel geschrieben worden, über seine Schenkung von Beuys-Werken ans Lenbachhaus und an die Pinakothek der Moderne ebenso.“ Die Ausstellung sei indes „kein ‚Best Of‘, sondern ein ‚Best With‘. Und sie rammt einen Pflock ein: Nicht nur Münchner Kunstfreunde sind gut beraten, sich selbst ein Bild zu machen.“

Doppelt begabt und trotzdem verkannt
„Maler Müller. Ein Faustdichter in Rom“ im Romantik-Museum, Frankfurt, bis 1. Februar
Anlässlich seines 200. Todestages zeigt das Frankfurter Romantik-Museum eine dreiteilige Ausstellung über das Leben und Werk Friedrich Müllers. Zumindest in einem Punkt war Müller seinem Zeitgenossen Goethe eine Nasenlänge voraus.
Bis zum 1. Februar zeige das Romantik-Museum diese erste von drei Episoden, hält unsere Rezensentin Josephine Bewerunge fest, sie „umfasst die Jugend Müllers bis zu seinem Aufbruch nach Rom. Sein dortiger Aufenthalt bis ans Lebensende ist Thema des zweiten Teils. Im letzten Teil wird das dichterische Werk Müllers im Mittelpunkt stehen. Weil sich auf diese Weise Leben und Werk des Künstlers nach und nach vor den Augen des Publikums entwickeln, wird es wohl bei einem Besuch nicht bleiben.“

Dinge ließ er wie Menschen aussehen
„Carl Schuch und Frankreich“ im Städel, Frankfurt, bis 1. Februar
Wie Manet, nur besser: Mit der Opulenz hingehuschten Spargels und immer wieder neu arrangierter Zinnkrüge beweist das Städel Museum in Frankfurt die Einzigartigkeit des Stillleben-Malers Carl Schuch.
„Mit seiner akribischen Welterkundung in Öl blieb er Einzelgänger ohne Gruppenanbindung“, schreibt unser Rezensent Stefan Trinks: „Allerdings war er sozial in Paris, wo er von 1882 an zwölf prägende Jahre lebte und arbeitete, durchaus eingebettet in ein Künstlernetzwerk und sah die Ausstellungen der dortigen Impressionisten und Realisten, wie (…) die große Herbstausstellung des Städel mit 70 seiner Gemälde und 50 bedeutenden Werken französischer Künstler wie eben Cézanne (kein deutschsprachiger Maler hat mehr Stillleben mit Äpfeln gefertigt als Schuch und ähnelt ihm schon insofern), Vollon, Manet oder Monet glanzvoll belegt. An ästhetischer Opulenz und ebenfalls mitausgestellten, vor allem Schuchs Stillleben immer eingeschriebenen großen Fragezeichen nach dem Motto ‚Wie hat er es geschafft, diese Farbe oder diesen Apfel derart glimmen zu lassen?‘ dürfte die Schau schwer zu überbieten sein.“

Dieses Horn ist für die Jungfrau Maria
„Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“ im Museum Barberini, Potsdam, bis 1. Februar
Im Mittelalter galt das Einhorn als Symbol für Christus, aber auch als Verkörperung der erotisch aufgeladenen Natur. Später wurde es zum Spielmaterial der Kunst. Eine Ausstellung in Potsdam folgt dem Weg des Fabeltiers durch die Zeiten.
„Die Potsdamer Ausstellung, die in Kooperation mit dem Musée de Cluny in Paris entstanden ist, folgt der Spur des Einhorns bis in die Gegenwart, sie führt über Böcklin, Moreau, Kubin und Magritte bis zu Rebecca Horn, die in einem Kurzfilm von 1970 eine Statistin mit Einhorn-Korsett durch Wald und Felder laufen lässt, und Olaf Nicolai, der einen gehörnten Rappen aus Fell und Polyester auf den Fußboden im Palais Barberini platziert“, schreibt unser Rezensent Andreas Kilb: „Das größte aller Einhorn-Kunstwerke aber kann sie nicht zeigen, denn der sechsteilige spätgotische Tapisseriezyklus der ‚Dame à la licorne‘ darf das Cluny-Museum nicht verlassen.
So muss man sich mit dem Katalog begnügen, in dem es das Weltwunder aus Wolle und Seide zum Ausklappen gibt. Die Fans der Harry-Potter-Filme werden es kennen, denn es ziert dort die Wände des Gemeinschaftsraums von Haus Gryffindor. Das Tier, das es nicht gibt, hat seine besten Tage noch vor sich.“

Wo Göttinnen zu uns sprechen
„Isaac Julien. All That Changes You. Metamorphosis“ im Palazzo del Te, Mantua; bis 1. Februar
Der Palazzo del Te in Mantua gehört zu den architektonischen Wundern der Spätrenaissance. Zum 500. Geburtstag der Prunkvilla zeigt der britische Künstler Isaac Julien dort eine seiner faszinierenden Videoinstallationen.
„Zehn Bildschirme werden in rundherum angebrachten Spiegeln reflektiert“, schreibt unsere Rezensentin Anne Reimers, „sodass sich der Betrachter über etwa fünfundzwanzig Minuten in wechselnden Bildern von unversehrter Natur verliert – von Bienen, die in Fingerhut-Blüten hineinkrabbeln, zu nebeligen Riesenmammut-Wäldern in Kalifornien, die später in Flammen aufgehen und am Ende wieder unversehrt erscheinen. Dazwischen sind Szenen mit zwei zeitreisenden Göttinnen geschnitten, die zum Betrachter sprechen. Sie wollen uns über unsere anthropozentrische Weltanschauung hinaus einen Weg aufzeigen, wie wir den Planeten mit allen organischen und anorganischen Organismen teilen können.“

Plagiatsalarm im Louvre
„Copistes“ im Centre Pompidou Metz, bis 2. Februar
Was geschieht, wenn hundert zeitgenössische Künstler als „Kopisten“ in den Louvre gehen? Das Centre Pompidou Metz gibt so überraschende wie amüsante Antworten.
„Alle angesprochenen Künstler sagten zu“, berichtet unsere Rezensentin Bettina Wohlfarth, „auch große Namen wie Antony Gormley, Nina Childress oder Yan Pei-Ming. Sie stammen aus der ganzen Welt, sind noch keine dreißig oder über neunzig Jahre alt und betreiben die verschiedensten Kunstpraktiken. Mit der Ausstellung tritt man eine faszinierende Reise durch den Louvre aus der Perspektive der zeitgenössischen Kunst an.“

Wo die neuen Menschen wohnten
„Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau“ im Kunsthaus Minsk, Potsdam, bis 8. Februar
Im Potsdamer Kunsthaus Minsk widmet sich eine Ausstellung dem Plattenbau im Wandel der Zeit. Die Arbeiten vorwiegend ostdeutscher Künstler beschäftigen sich mit sozialer Utopie und Prägung, aber auch mit Verfall und Verlust.
„Einst ein Symbol des Fortschritts, entworfen als Behausung für den ‚neuen Menschen‘ des realexistierenden Sozialismus, wird der Plattenbau nach der Wende mit Skinheads und Arbeitslosigkeit assoziiert“, schreibt unsere Rezensentin Yelizaveta Landenberger: „Heute hat man schließlich Kriegsbilder aus der Ukraine vor Augen – von russischen Drohnen und Raketen getroffene Betonbauten, die wie Kartenhäuser in sich zusammenfallen – oder auch die Musik-Clips osteuropäischer Postpunk-Bands, die mit apathischer Stimme die Tristesse des Lebens in der Peripherie besingen.“ Dieser symbolisch vielfältigen Aufladung des Plattenbaus im Laufe der Zeit, speziell im ostdeutschen Kontext, widme sich die Schau.

So zu malen galt als unpatriotisch
„Impressionismus in Deutschland – Max Liebermann und seine Zeit“ im Museum Frieder Burda, Baden-Baden, bis 8. Februar
Baden-Badens Museum Frieder Burda zeigt die Anfänge des Impressionismus in Deutschland mit Max Liebermann und Zeitgenossen. Ihr Kampf für die neue Stilrichtung war hierzulande lange verpönt.
„Auch wenn sich mitunter eine gewisse Sättigung einstellt, zumal die harte Lebenswelt der unteren Schichten in diesen ‚impressionistischen‘ Idyllen, in deren Blick auch die Theaterszene geriet, untergeht, ermöglicht der Parcours durchaus unerwartete Entdeckungen“, schreibt unsere Rezensentin Alexandra Wach: „Politisch kontrovers waren die versammelten Künstlerpersönlichkeiten selbst, schon nur, weil sie es wagten, sich der obrigkeitsstaatlichen Doktrin zu widersetzen.“
