In der Torwartfrage hat sich Dino Toppmöller bisher nicht auf vorher von ihm festgelegte Wechselspiele eingelassen. Klarer Kurs, klare Kante vom Eintracht-Trainer: Die jeweilige Nummer eins zwischen den Pfosten musste sich bei ihm in allen Wettbewerben, national und international, bewähren. Dass der Ersatztorhüter auf sein Bestreben hin zum Beispiel immer im DFB-Pokal Spielpraxis sammeln darf, diesem gelegentlichen Tausch kann Toppmöller grundsätzlich nichts abgewinnen. Stammtorhüter ist seiner Auffassung nach Stammtorhüter.
Vom 22. Oktober an, seit dem 1:5 zu Hause in der Champions League gegen Liverpool, bis zur Winterpause fiel des Trainers Wahl auf Michael Zetterer als erste Kraft im Tor. Er sollte Stabilität in die eigenen Reihen bringen, was ihm zunächst auch gelang. Dessen Rivale Kauã Santos war zuvor im Formtief und musste als Bankspieler deshalb einen neuen Anlauf unternehmen. Und jetzt? Für das erste Bundesligaspiel des neuen Jahres an diesem Freitag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga, bei SAT.1 und Sky) zu Hause gegen Dortmund wird Toppmöller wieder einen Torhütertausch vornehmen.
Neues Jahr, neues Glück für den neuen, alten Jungprofi im Tor. „Kauã spielt gegen Dortmund“, sagte Toppmöller am Donnerstag auf der ersten wöchentlichen Pressekonferenz 2026. „Er ist in den letzten Wochen und Monaten körperlich und mental in einer Topverfassung. Er hat jetzt auch in dieser kurzen Zeit vor dem Restart einen sehr guten Eindruck gemacht.“ Daher schenke ihm der Trainerstab das „Vertrauen“.
Als nominelle Nummer eins ist der Brasilianer, 22 Jahre alt, der sein letztes Pflichtspiel am 19. Oktober in Freiburg absolviert hatte, wieder im Geschäft. Das hatte sich bereits angedeutet, denn Toppmöller war im Dezember des Vorjahres auf das Torhütertalent, das vor seinem Comeback Ende September monatelang am Knie verletzt gewesen war, gut zu sprechen. Kauã Santos sei auf Kurs: „Wir sind froh, dass Kauã wieder richtig gut in Form ist. Er hat das absolute Vertrauen in sein Knie wieder“, freute sich der Trainer damals. „Er hat Widerstände erlebt, die groß waren. Aber jetzt ist er mental und körperlich gut unterwegs.“ Toppmöller war „überzeugt von dem Jungen, als Sportler und als Mensch. Er wird seinen Weg gehen“, kündigte der Fußballlehrer an.

Nachdem Kauã Santos in der zweiten Reihe offenbar wiedererstarkt ist, steht er nun wieder an exponierter Stelle in der Bundesliga. Den Rückhalt von Toppmöller hat er. Für Michael Zetterer, acht Jahre älter als der Südamerikaner, bedeutet das im Umkehrschluss, dass er sich in der Hierarchie hinten anstellen muss. Ganz unerwartet dürfte ihn das nicht treffen. Stark angefangen, aber für gehobene Ansprüche auch zu stark nachgelassen, um sich des Status als unangefochtene Nummer eins sicher sein zu können – so lässt sich seine unter dem Strich solide Leistungsbilanz zusammenfassen.
Besonders in der Strafraumbeherrschung offenbarte Zetterer, der in 18 Pflichtspielen 30 Gegentore hinnehmen musste, zuletzt Schwächen. Beim Herauslaufen passte er ab und an nicht den richtigen Moment ab, bei hohen Bällen fehlte ihm die Entschlossenheit. Zetterer verlor sichtbar die anfängliche Souveränität und Sicherheit. Was ihn zunehmend wohl auch selbst beschäftigte und mit sich hadern ließ. Er zeigte seinen Ärger und meckerte nun öfters über die Unzulänglichkeiten im Eintracht-Spiel.
Seine Entscheidung hatte Toppmöller den beiden Torhütern am Donnerstag mitgeteilt. Zetterer soll diese professionell aufgenommen haben. „Wir sind alle Profis. Er hat es zur Kenntnis genommen“, berichtete der Trainer. Und weiter: „Michael steht voll hinter der Mannschaft. Die wichtige Reaktion ist, dass er für das Team da ist.“
Sorgen um dessen Teamplayerfähigkeiten hatte sich Toppmöller nicht gemacht. Mit Zetterer habe die Eintracht einen „tollen Torwart und herausragend guten Typen bekommen“, lobte der Trainer den Spieler. Kauã Santos hatte Zetterer schon einmal abgelöst: am fünften Bundesligaspieltag gegen Union Berlin (3:4). Rückblickend war seine Rückkehr nach seiner langen Verletzungspause zu früh gekommen; Kauã Santos unterlief der eine oder andere Patzer, seinem Team war er damit nicht der nötige Rückhalt. Der Brasilianer beklagte schließlich 18 Gegentore in seinen fünf Einsätzen.
Nicht unerwähnt bleiben darf in diesem Zusammenhang, dass es ihm die Frankfurter Defensive mit ihrer fehlerhaften Ordnung auch nicht leicht gemacht hatte. Für ihn kam zu diesem Zeitpunkt viel zusammen, was seiner gewünschten Weiterentwicklung im Weg stand. In Frankfurt soll dem 1,96 Meter langen Kauã Santos aber die Zukunft gehören. An seinem großen Talent zweifelt die Sportliche Führung nicht. Das hat der Jungprofi aus dem brasilianischen Vassouras mit spektakulären Flugeinlagen und reflexartigen Paraden schon bewiesen. Nur die gelegentlichen Aussetzer sollte er abstellen und unter Druck an Reife gewinnen. Dann hätte er den nächsten großen Schritt gemacht.
Entwickelt sich Kauã Santos so, wie es bei der Eintracht viele von ihm erwarten, wird er dem Klub auf dem Transfermarkt irgendwann viel Geld bringen. Doch dafür muss er spielen und Erfahrung dazugewinnen. Das wird er jetzt wieder tun. Zeigt Kauã Santos dann seine großen Fähigkeiten, wird Toppmöller in dieser Saison keinen Torwarttausch mehr durchführen. Das wäre die Idealvorstellung des Trainers. Denn ein Wechselspiel aus Leistungsgründen vollzieht auch Toppmöller nicht gerne. Und die Torhüterfrage würde in Frankfurt zum Dauerthema werden. Was bei der Eintracht keiner gebrauchen kann.
