
Noch steht in der Wetterau kein Rechenzentrum, in dem Unternehmen als Kunden des Betreibers ihre Hochleistungsrechner einstellen können. Doch die sogenannte Co-Location-Branche hat den Landkreis mittlerweile entdeckt. In Karben wird der in Berlin ansässige Projektentwickler Kauri Cab ein Rechenzentrum für einen führenden internationalen Konzern hochziehen. Den Namen des Kunden behalten die Berliner für sich. Wie ein Sprecher der F.A.Z. sagte, plant Kauri Cab den Spatenstich für das Bauvorhaben für Anfang September.
Entstehen soll das Rechenzentrum auf dem Gelände einer ehemaligen Gärtnerei im Stadtteil Rendel. Es handelt sich um eine Randlage. Besonders vorteilhaft für Kauri Cab und den Kunden ist die unmittelbare Nähe zum Umspannwerk. Denn Datencenter ziehen viel Strom ab. Ihr Energiebedarf entspricht regelmäßig dem einer Stadt mit 20.000 bis 30.000 Einwohnern.
Die Berliner haben die Liegenschaft im vergangenen Mai von der Stadt übernommen. Die Kommune hat das Grundstück nach den Worten von Bürgermeister Guido Rahn (CDU) „gut verkauft“. Über den Kaufpreis ist Stillschweigen vereinbart worden.
Rechenzentrum stört in Rendel keine Anwohner
Als mitentscheidend für die Standortwahl nannte die Stadt Karben im vergangenen Jahr die Vornutzung der Fläche durch die Gärtnerei mit teilweise versiegelten Böden und die Verfügbarkeit der Fläche. Zudem könnten aufgrund der Randlage keine Anwohner vom Rechenzentrum gestört werden. Nicht zuletzt sei das Gelände mit Auto und Lastwagen gut zu erreichen. Laut Rahn müssen noch Wasserleitungen zu dem Areal gelegt werden, außerdem sei eine Abbiegespur von der nahen Straße notwendig.
Kauri Cab hat den Bauantrag im Dezember eingereicht, wie der Sprecher weiter sagte. Angesichts der guten Rückmeldungen aus der Bauaufsicht des Wetteraukreises rechne das Unternehmen für August mit der Baugenehmigung. Daraus folge die Hoffnung, von September an die Bauarbeiter nebst Gerätschaften anrücken lassen zu können.
Das Unternehmen plant mit einer Anschlussleistung von annähernd 50 Megawatt, für die Hochleistungsrechner seien 33 Megawatt vorgesehen. Zum Vergleich: Der Datencenterbetreiber Firstcolo plant in seinem vom Kreis seit Februar genehmigten Neubau in Rosbach mit 24 Megawatt einschließlich Kühlung. Eine Solaranlage auf einem Einfamilienhaus, die an hellen Tagen ein Mehrfaches des Eigenbedarfs an Strom liefert, kommt auf eine Leistung von zehn Kilowatt. Ein Megawatt sind 1000 Kilowatt.
Datencenter liefert Karben die Abwärme für mindestens 20 Jahre
Mit den Bauarbeiten will der Projektentwickler nach eigenen Angaben lokale Bauunternehmer beauftragen. Das Rechenzentrum soll demnach höchste Nachhaltigkeitsansprüche erfüllen. Den Strom soll ein lokaler Versorger liefern, wobei die Berliner an einen langfristigen Vertrag denken. Viele Rechenzentrumsbetreiber werben mit dem Einkauf von Energie aus erneuerbaren Quellen.
Kauri Cab sagt einen geschlossenen Wasserkreislauf für Kühlung zu und zudem neueste Technik, Liquid Cooling genannt. In diesem Fall werden nicht die Schränke mit den Hochleistungsrechnern gekühlt, sondern direkt die Chips. Eine solche Technik hat etwa der vor allem für seine Schaltschränke bekannte mittelhessische Anbieter Rittal entwickelt. Als Kühlmittel dient wie im Auto eine Mischung aus Wasser und Glykol.
Die gleichwohl anfallende Abwärme wird das Rechenzentrum an die Stadt liefern. Die Lieferung der Abwärme ist für mindestens 20 Jahre garantiert und laut Bürgermeister Rahn für Karben ein Baustein der kommunalen Wärmeplanung. Als Kunden kämen in einem Umkreis von fünf Kilometern um das Datencenter beispielsweise Haushalte in Klein-Karben und Rendel, aber auch in Niederdorfelden und Schöneck infrage.
Im Verlauf einer Umfrage der Stadt haben neun von zehn Haushalten in Klein-Karben und Rendel Interesse an einem Anschluss an Nahwärme bekundet; ein Drittel habe aber auch Bedenken wegen der Kosten und der Versorgungssicherheit geäußert. Allerdings reichten die Energie aus der Kläranlage, dem Rechenzentrum und anderen Anlagen, um Karben mit Wärme zu versorgen.
Außer in Karben und Rosbach sind in der Wetterau schon Rechenzentren in Bad Vilbel, Wöllstadt und, trotz der großen Entfernung zum Internetknoten De-Cix, zudem in Kefenrod geplant. Die Projektentwickler entdecken die Region nicht von ungefähr: Ein Grund ist die große Flächenkonkurrenz in Frankfurt, aber auch in Hattersheim und Offenbach. Dort ist in den vergangenen Jahren aufgrund der Nähe zum Internetknoten De-Cix jeweils ein Datencenter nach dem anderen entstanden. Der Branchenvertreter Interxion baut das frühere Neckermann-Gelände an der Hanauer Landstraße unweit seiner schon bestehenden Datencenter für rund eine Milliarde Euro zu einem neuen Campus um.
