Hätte der Fußballgott den Papst gebeten, zu Kai Havertz’ bisher letztem Länderspiel zu gehen, wäre nicht Leo XIV., sondern noch Franziskus ins Stadion gekommen. Damals, im November 2024, hätte Franziskus, der ein großer Fußballfan war, gesehen, wie die deutsche Nationalmannschaft in der Nations League 1:1 gegen Ungarn gespielt hat. Und wie jeder große Fußballfan hätte Franziskus sich wohl gefreut, als in der 61. Minute gemeinsam mit Florian Wirtz und Jamal Musiala auch Havertz eingewechselt worden ist.
Im April 2025 ist Franziskus gestorben. Im Mai 2025 ist Leo XIV. sein Nachfolger geworden. Seitdem hat der neue Papst vieles mitansehen müssen, aber eines hätte er, selbst wenn er es gewollt hätte, nicht mitansehen können: ein Spiel der deutschen Nationalmannschaft mit Havertz.
„Ich fühle mich sehr, sehr gut“
Am Mittwoch – zwei Tage vor dem Spiel gegen die Schweiz (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Fußball-Länderspielen und bei RTL) und fünf Tage vor dem Spiel gegen Ghana – sitzt Havertz, 26 Jahre alt, mit dem Wappen des Deutschen Fußball-Bundes auf dem Hoodie in Herzogenaurach. Als erster Nationalspieler sprach dort am Dienstag Joshua Kimmich, der Kapitän. Als zweiter spricht Havertz, der Vize-Kapitän. „Ich fühle mich gut, ich fühle mich sehr, sehr gut“, sagt er.
Und weil er das am Anfang so deutlich sagt, kann man sich denken, dass er sich in den vergangenen Monaten nicht so gut gefühlt hat. Er hat in der Zeit wegen verschiedener Verletzungen nämlich nicht nur alle Länderspiele seit November 2024 verpasst, sondern in dieser Saison auch einen Großteil der Spiele seines Klubs, des FC Arsenal, der gute Chancen hat, das erste Mal seit 2004 die Premier League zu gewinnen.
Doch wenn das wirklich so kommen sollte, würde vielleicht auch in Deutschland darüber diskutiert werden, wie viel das eigentlich damit zu tun hat, dass Arsenal seit dem vergangenen Sommer mit dem Schweden Viktor Gyökeres einen klassischen Mittelstürmer in der Mannschaft hat.

Es ist – trotz seines entscheidenden Tores im Champions-League-Finale 2021 für den FC Chelsea – mittlerweile eine echte Glaubensfrage, ob man mit Kai Havertz als Mittelstürmer ein großes Turnier gewinnen kann. Und die, die im deutschen Fußball daran glauben, scheinen Jahr für Jahr weniger zu werden. Doch einer, der drei Monate vor dem Beginn der Weltmeisterschaft weiter daran glaubt, ist der Bundestrainer.
Nagelsmann hebt Havertz’ und Musialas Bedeutung hervor
Als Julian Nagelsmann kürzlich im „Kicker“-Interview auf die vielen verletzten Spieler angesprochen wurde, hat er hervorgehoben, wie wichtig es sei, dass Kai Havertz und Jamal Musiala in diesem März dabei sind. „Sie kennen einige Dinge, die wir seitdem gemacht haben, nur in der Theorie aus Gesprächen mit mir“, sagte er. Und auch wenn Musiala wegen eines Rückschlags schon wieder absagen musste, ist Theorie schon das richtige Wort.
Es ist die Idee eines Sturms mit Havertz, Musiala und Wirtz, die die Phantasie anregt. Auch die des Bundestrainers, der Havertz vor der Heim-EM zum stellvertretenden Kapitän bestimmt und bei der Heim-EM dann jedes Spiel mit ihm als Mittelstürmer der ersten Elf bestritten hat. In der Praxis ist das damals dann alles im Viertelfinale gegen Spanien verpufft, allerdings auch deswegen, weil der Bundestrainer plötzlich eine andere Idee gehabt hatte.
Havertz noch ohne „Rollengespräch“
In Nagelsmanns neuestem Kader finden sich – wenn man die Option ausklammert, dass Serge Gnabry oder auch Kevin Schade als sogenannte falsche Neun spielen können – neben Havertz nur zwei Spieler, die als Mittelstürmer infrage kommen. Nick Woltemade aus Newcastle und Deniz Undav aus Stuttgart. Über Woltemade hat Nagelsmann in dem „Kicker“-Interview gesagt, dass er „ein junger Spieler“ sei, „der Entwicklungszeit braucht, jetzt auch in Newcastle, wie man sieht“. Über Undav hat er später in einer Pressekonferenz gesagt, dass man einen Stürmer mit der Quote „nicht zu Hause lassen kann“. Spricht man als Trainer so über Spieler, die das volle Vertrauen haben?
Über Havertz spricht Nagelsmann anders. Der kennt die Dinge nicht, die die anderen seit November 2024 in der Nationalmannschaft gemacht haben, aber nicht nur aus der Sicht des Bundestrainers kann er dafür Dinge, die die anderen nie können werden.
Als Havertz am Mittwoch mal wieder auf seine Rolle in der Mannschaft angesprochen wird, antwortet er so wie immer. „Ich fühle mich offensiv auf allen Positionen sehr, sehr wohl“, sagt er. Er habe „noch kein Rollengespräch“ mit dem Bundestrainer gehabt, aber sei in den vergangenen Monaten mit diesem „viel in Kontakt“ gewesen, wofür er diesem auch „sehr dankbar“ sei.
Er sagt dann auch, dass Nick Woltemade, mit dem er nun das erste Mal trainieren durfte, Stärken habe („eine Riesenpräsenz in der Box“), die er selbst so nicht hat. Und wenn man Havertz richtig versteht, muss die Entscheidung aus seiner Sicht daher nicht Havertz oder Woltemade, sondern kann auch Havertz und Woltemade heißen.
So oder so dürfte die Antwort der Mehrheit fürs Erste immer noch lauten, dass eine deutsche WM-Mannschaft mit Kai Havertz besser ist als eine ohne ihn. Bleibt aber die Frage, wie viel besser sie ist.
