
Ob Krieg, Inflation oder steigende Wohnkosten: Der anhaltende Krisenmodus prägt die junge Generation. „Und leider müssen wir feststellen, er überfordert immer mehr von ihnen“, sagte Jugendforscher Simon Schnetzer am Mittwoch bei der Vorstellung der repräsentativen Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“.
Auf die Frage, ob sie aktuell das Gefühl hätten, aufgrund einer psychischen Belastung eine Behandlung zu benötigen, antworteten 29 Prozent der Befragten mit Ja. Schnetzer nannte diese Einschätzung „erschreckend“. Vor einem Jahr seien es noch 24 Prozent gewesen, die das Gefühl gehabt hätten, mit psychischen Belastungen nicht aus eigener Kraft oder mithilfe ihres sozialen Umfelds fertig zu werden.
Für die Studie wurden im Zeitraum von Anfang Januar bis Anfang Februar dieses Jahres 2012 Personen im Alter von 14 bis 29 Jahren befragt. Wiederholt wird die Studie seit dem Jahr 2020 in regelmäßigen Abständen.
Junge Frauen machten sich grundsätzlich mehr Sorgen
Einerseits hielten sich sämtliche Zufriedenheitswerte der Befragten „recht stabil auf geringem Niveau“ und verbesserten sich bei der körperlichen Gesundheit sogar deutlich, heißt es in der Studie. Doch die „vermeintliche Erholung“ trüge, der Blick in die Zukunft habe sich deutlich eingetrübt. So falle bei den beruflichen Chancen, der sozialen Anerkennung und der finanziellen Lage der Blick in die Zukunft weniger optimistisch aus als noch im Vorjahr. Die Ergebnisse zeigten eine junge Generation „zwischen ungewisser persönlicher Lage und wachsender gesellschaftlicher Skepsis“. Bei der Mehrheit junger Menschen überwiege eine starke Unzufriedenheit mit der Wirtschaft, dem Zusammenhalt, der Wohnraumsituation und den politischen Verhältnissen in Deutschland.
„Die Mär von der faulen Jugend können wir auch dieses Jahr nicht bestätigen“, sagte Schnetzer. Die jungen Menschen identifizierten sich mit ihrem Job, seien bereit zu leisten. Vollzeit seien 82 Prozent berufstätig. Dabei hätten 35 Prozent das Gefühl, aufgrund von Arbeitsstress ausgebrannt zu sein. Eine Berufsausbildung gewinne gegenüber einem Studium an Attraktivität.
Der Ausnahmezustand sei für viele zum Normalzustand geworden
Die größten Sorgen bereiten den befragten jungen Menschen Kriege in Europa und Nahost (62 Prozent). An zweiter Stelle folgt die Sorge vor Inflation (53 Prozent). Fast ebenso häufig genannt wurde die Sorge vor teurem und knappem Wohnraum (50 Prozent). Junge Frauen machten sich grundsätzlich mehr Sorgen als junge Männer, heißt es in der Studie. So nennen junge Frauen häufiger den Klimawandel als Sorge (weiblich 52 Prozent; männlich 38 Prozent) oder auch das Erstarken rechtsextremer Parteien (weiblich 52 Prozent; männlich 34 Prozent).
Dabei ließen sich die Sorgen junger Menschen jedoch nicht auf einzelne Krisenherde verengen. „Vielmehr verdichten sich geopolitische Spannungen, ökonomische Unsicherheiten und strukturelle Probleme zu einem dauerhaften Krisengefühl“, schreiben die Autoren. Für viele sei der Ausnahmezustand zum Normalzustand geworden.
So bleiben auch die psychischen Belastungen auf hohem Niveau. Am häufigsten nannten die Befragten Stress (49 Prozent), Erschöpfung (36 Prozent), Selbstzweifel (32 Prozent) und Antriebslosigkeit (30 Prozent). Anstiege im Vergleich zum Vorjahr sehen die Autoren der Studie insbesondere bei Depression, Gereiztheit und Perspektivlosigkeit. Fast alle abgefragten Belastungsformen seien bei jungen Frauen stärker ausgeprägt. Zwischen den Personen, die jünger oder älter als 20 Jahre alt sind, sehen die Autoren jedoch „erstaunlich wenig Unterschiede“.
Während 15 Prozent der Befragten angaben, sich aufgrund ihrer psychischen Belastungen in Behandlung zu befinden, gaben 29 Prozent und damit fast jeder Dritte an, aktuell das Gefühl zu haben, aufgrund der psychischen Belastung eine Behandlung zu benötigen. Auffällig sei zudem, dass 60 Prozent der jungen Menschen eine suchtähnliche Smartphonenutzung aufwiesen und viele bei persönlichen Problemen zunehmend auf KI-gestützte Beratungsangebote zurückgriffen, so die Autoren.
Der Aussage „Ich vertraue einer KI eher persönliche Probleme an als einem guten Freund“, stimmen 22 Prozent zu, 59 Prozent lehnen sie ab. Bei den jungen Männern lag der Wert etwas höher als bei den Frauen. Das bedeute jedoch nicht, dass KI soziale Beziehungen ersetze. Werde nach dem gefragt, was dem Leben Sinn gebe, rückten Beziehungen klar in den Mittelpunkt: Familie, Partnerschaft und Freundschaften. Sinn entstehe für junge Menschen weniger aus Geld oder Status, sondern aus Bindung.
„Das verbreitete Narrativ der überbehüteten Jugend findet in unseren Daten keine Bestätigung“, heißt es in der Studie. Die meisten jungen Menschen erlebten familiären Rückhalt und Ermutigung zur Eigenständigkeit. „Diese Generation wirkt weder verweichlicht noch revolutionär, aber sie ist vorsichtig geworden. Durch das Aufwachsen im Dauerkrisenmodus sucht sie nach Sicherheit und Stabilität.“
Jeder Fünfte habe konkrete Pläne, aus Deutschland wegzuziehen
Überraschend hoch sei die Bereitschaft, Deutschland perspektivisch zu verlassen. 41 Prozent der Befragten können sich vorstellen, künftig lieber in einem anderen Land zu leben. Mit 21 Prozent gab rund jeder Fünfte an, konkrete Pläne zu haben, aus Deutschland wegzuziehen. Was aber nicht bedeutet, dass ein Umzug unmittelbar bevorsteht, wie es bei der Vorstellung am Mittwoch hieß. Den Gedanken äußerten in der Befragung mehr Männer als Frauen und am ehesten Auszubildende. Besonders häufig werden die Schweiz und Spanien als attraktive Länder genannt. Auch skandinavische Länder und klassische Auswanderungsziele wie Kanada, Australien, die Vereinigten Staaten und Neuseeland seien interessant.
Die junge Generation interessiere sich stark für Politik – aber vertraue ihr wenig, hieß es weiter. Die politische Polarisierung unter jungen Menschen verschärfe sich, und es zeige sich eine Verschiebung hin zu den politischen Rändern. Derzeit die beliebteste Partei unter jungen Menschen sei Die Linke (Sonntagsfrage: 25 Prozent). Gleichzeitig gewinne die AfD vor allem bei Männern an Zustimmung.
Darin drücke sich „ein bisschen auch eine Protesthaltung“ aus, sagt der Generationenforscher Klaus Hurrelmann, der bis zum vergangenen Jahr Studienautor war. Mit Blick auf die Studie tue es ihm weh zu sehen, „dass wir hier eine gut gebildete, engagierte, motivierte junge Generation haben, die aber das Gefühl hat, keinen richtigen Platz zu finden, keine sichere Perspektive zu haben“.
In der Studie heißt es weiter, dass sich trotz einer Polarisierung bei vielen politischen Themen keine starre Lagerbildung zeige. Die Bewertungen politischer Fragen seien häufig von Abwägung geprägt. Die prägendste politische Bruchlinie innerhalb der jungen Generation verlaufe nicht zwischen politischem Interesse und Desinteresse, sondern zunehmend zwischen jungen Frauen und jungen Männern.
