
„Jeder Jeck ist anders“, lautet eine rheinische Volksweisheit. Ihr hoher Wahrheitsgehalt schwächt die Aussagekraft älterer ökonomischer Modellrechnungen, die sich damit begnügten, Personen und Unternehmen so zu behandeln, als seien sie gleich. Der heute 38 Jahre alte Ökonom Ludwig Straub trägt entscheidend dazu bei, dass moderne makroökonomische Modelle die Realität besser erfassen: Menschen haben unterschiedliche Einkommen, Schulden und Ersparnisse, sie haben verschiedene Eigenarten, sind anderen Risiken ausgesetzt und handeln deshalb unterschiedlich.
Die „American Economic Association“, die Straub nun mit der oft als „Wirtschaftsnobelpreis für junge Ökonomen“ angesehenen John-Bates-Clark-Medaille ausgezeichnet hat, würdigte damit vor allem, dass er Modelle entwickelt hat, welche die Heterogenität wirtschaftlicher Akteure berücksichtigen.
Haushalte reagieren unterschiedlich auf steigende Zinsen
Das hat große praktische Bedeutung: Wenn zum Beispiel die Zinsen steigen, kann ein wohlhabender Sparer davon profitieren, während ein hoch verschuldeter Hauseigentümer darunter leidet. Wenn der Staat Konjunkturschecks verschickt, geben ärmere Haushalte das Geld womöglich schnell aus, während reichere es eher sparen. Wenn die Inflation steigt, trifft sie die Menschen unterschiedlich – je nachdem, was sie kaufen und wie groß ihre Verhandlungsmacht im Beruf ist.
Welche Konsequenzen dieser Ansatz hat, zeigten Straub und drei Co-Autoren in einer bahnbrechenden Arbeit, die sie im vergangenen Jahr beim Jahrestreffen der internationalen Geldpolitik in Jackson Hole vorstellten. Sie enthält die überraschende Pointe, dass die USA noch Spielraum für mehr Staatsschulden haben.
Rätsel der niedrigen Zinsen trotz Staatsschulden der USA
Im Basisszenario könnte nach Berechnung der Forscher eine Schuldenquote von 250 Prozent des BIP langfristig tragbar sein, ohne dass die Zinsen gegenüber heute steigen. Der Grund dafür: Wenn die Nachfrage nach Vermögenswerten – also der Wunsch von Haushalten und ausländischen Anlegern, Geld sicher und rentabel anzulegen – stärker wächst als das Angebot, sinken die Zinsen.
Das Rätsel, warum die Zinsen so lange niedrig blieben, obwohl die Staatsschulden in den USA dramatisch gestiegen sind, erklärt Straub mit einem Nachfrageboom nach Vermögenswerten, getrieben durch Alterung, Ungleichheit, Auslandskapital und schwächeres Wirtschaftswachstum. Diese Faktoren ließen die Nachfrage nach sicheren Anlagen stärker steigen als deren Angebot. Doch die Vergreisung treibt zugleich Renten- und Gesundheitsausgaben nach oben. Deshalb könnten die USA zwar noch lange hohe Schulden tragen, müssten aber zwingend die Dynamik der Verschuldung brechen.
Im Gespräch mit dieser Zeitung sagte Straub, er sei sich der Gefahr bewusst, dass Politiker die Arbeit als Freibrief für mehr Schulden lesen könnten, ohne die Mahnung zu berücksichtigen. „So wie wir Klimamodelle haben, die das Wetter vorhersagen, wollen wir gute Modelle, die das makroökonomische Klima vorhersagen“, sagte Straub laut Harvard-Mitteilung: „Genau das ist meine Leidenschaft: die Modelle zu verbessern, mit denen wir solche Prognosen erstellen und analysieren, was in Volkswirtschaften schiefläuft.“
Der dreifache Familienvater, der mit dem Rad zur Arbeit fährt, hat Physik in München, Mathematik im britischen Cambridge und Ökonomie am Massachusetts Institute of Technology studiert, bevor er 2019 an die Harvard-Universität kam, wo er seit 2024 ordentlicher Professor ist. Die Clark-Medaille würdigt nicht nur die aufstrebenden Stars der Ökonomie, sie hat auch Vorhersagekraft: Grob ein Drittel der Preisträger gewann später den Nobel-Gedächtnispreis.
