Beim größten Börsengang der Welt darf der mächtigste Banker der Welt nicht abseitsstehen. Es wird wohl lange her sein, dass Jamie Dimon, Chef der Großbank JP Morgan, im Vorfeld einer Erstnotiz selbst mit Privatanlegern in Kontakt getreten ist. Doch derzeit legt sich Dimon höchstpersönlich ins Zeug: In verschiedenen Livediskussionen, unter anderem vor vermögenden Privatleuten, wirbt er für den Börsengang des Weltraumunternehmens SpaceX. Dessen Gründer ist kein Geringerer als der reichste Mensch der Welt, Elon Musk.
Man darf Dimon Eigennutz unterstellen: Denn JP Morgan ist eine von insgesamt 23 Investmentbanken, die am kommenden Freitag ein Ereignis der Superlative über die Bühne bringen sollen. Rund 75 Milliarden Dollar will SpaceX dann von Anlegern aus aller Welt einsammeln – so viel wie nie zuvor ein Unternehmen am Tag seines Börsengangs. Dazu kann sich SpaceX nicht allein auf das Geld der Großinvestoren und Fondsgesellschaften verlassen, sondern braucht auch Privatanleger, unter denen Musk schon immer viele Fans hatte. Dem Vernehmen nach war es Musks Idee, besonders um deren Geld zu buhlen. Es ist anzunehmen, dass sich Dimon nicht lange dagegen gesträubt haben dürfte. Denn selten hatte seine Bank ein besseres Geschäft in Aussicht: Gelingt der Börsengang, kann sich JP Morgan über Gebühren in Höhe von schätzungsweise bis zu 100 Millionen Dollar freuen.
Die für Privatanleger wichtige Frage aber ist: Sollten sie dem Drängen von Musk und Dimon nachgeben und sich die neue SpaceX-Aktie kaufen? Die Antwort hängt viel von den eigenen Überzeugungen ab. Aber natürlich auch ein bisschen von der Mathematik.
Im Check: die Bewertung
Drei Dinge untersuchen Börsenprofis normalerweise vor allem, wenn sie das Potential eines bevorstehenden Börsengangs abschätzen wollen. Dazu gehören die Bewertung der Aktie, die Zukunftsaussichten und die Machtstrukturen innerhalb einer Firma, neudeutsch „Governance“ genannt. Beginnt man mit der Bewertung, zeigt sich sofort, wie ungewöhnlich der nun anstehende Börsengang ist.
Denn SpaceX hat einen Ausgabepreis von 135 Dollar je Aktie festgelegt, was einem Börsenwert von 1,77 Billionen Dollar entspräche. Damit würde SpaceX aus dem Stand zu den zehn größten börsennotierten Firmen in den Vereinigten Staaten zählen. Noch ist das Unternehmen allerdings nicht einmal profitabel, es hat im Jahr 2025 einen Verlust von fast fünf Milliarden Dollar ausgewiesen. Damit entfällt die Möglichkeit, den Wert der Aktie auf Basis eines gängigen Verfahrens einzuschätzen, des sogenannten Kurs-Gewinn-Verhältnisses (KGV). Es setzt den Kurs einer Aktie ins Verhältnis zum Gewinn des jeweiligen Unternehmens. Da SpaceX aber bislang keinen Gewinn erzielt, ist die Kennziffer in diesem Fall nutzlos.
Profianleger wie Bernd Deeken, Fondsmanager bei der Privatbank Berenberg, weichen darum auf Hilfskonstruktionen aus. Eine davon ist die Berechnung des sogenannten Kurs-Umsatz-Verhältnisses, das den angedachten Börsenwert ins Verhältnis zum Umsatz einer Aktiengesellschaft setzt. Knapp 19 Milliarden Umsatz hat SpaceX im vergangenen Jahr erzielt. Bringt man diesen nun in Relation zum angepeilten Börsenwert von 1,77 Billionen Dollar, kommt man auf einen Wert von 93.
Die Zahl allein hilft Anlegern noch nicht weiter, aber Berenberg-Fondsmanager Deeken hat einen hilfreichen Vergleich parat: Der Onlinehändler Amazon kam bei seinem Börsengang kurz vor der Jahrtausendwende auf ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von 28. Und der Elektroautobauer Tesla, Elon Musks zweites wichtiges Unternehmen, erreichte beim Börsengang 2010 ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von 15. Anders ausgedrückt: Mit 93 ist die SpaceX-Aktie von Beginn an sehr teuer. „Die Bewertung ist sehr ambitioniert“, sagt auch Portfoliomanager Deeken. „Da muss das Unternehmen erst einmal hineinwachsen.“
Unter der Lupe: die Zukunftsaussichten
Das ist nicht unmöglich. Stiegen der Umsatz und dann irgendwann auch der Gewinn von SpaceX kräftig an, würde die Bewertung sinken, die Aktie sähe also günstiger aus. Damit das geschieht, müsste das Geschäft von SpaceX besser laufen als bisher, womit wir beim zweiten wichtigen Punkt zur Beurteilung der Aktie wären – den Zukunftsaussichten.
Folgt man Elon Musk, sind diese selbstredend grandios. Dies geht so weit, dass SpaceX im Börsenprospekt sogar das phantastisch anmutende Ziel erwähnt, bis zum Jahr 2050 eine Million Menschen auf dem Mars anzusiedeln. Um die Zukunftsperspektiven von SpaceX nüchterner zu betrachten, ist es sinnvoller, die Fundamentaldaten in den Blick zu nehmen. Dazu gehören nicht nur die näherliegenden Geschäftsperspektiven, sondern auch die ganz grundsätzliche Frage: Was genau ist SpaceX eigentlich für eine Firma?
Mit der schnellen Antwort – ein Weltraumunternehmen, das Raketen ins All schießt – ist es nämlich nicht getan. Denn zu SpaceX gehört auch der Satelliteninternetdienst Starlink, der über Satelliten im All Internet auf der Erde zur Verfügung stellt. Der Dienst, der auch die Ukraine im Krieg gegen Russland unterstützt, ist derzeit der erfolgreichste Geschäftsbereich von SpaceX und verdient sogar Geld. Dies lässt sich allerdings von einem anderen Geschäftsbereich nicht behaupten, der Künstlichen Intelligenz (KI). Dass dieser überhaupt Teil des Weltraumunternehmens wurde, war die große Überraschung, mit der Elon Musk im Februar diesen Jahrs aufwartete: Da schloss Musk seine KI-Firma xAI, zu der auch ein eigener KI-Roboter namens „Grok“ gehört, plötzlich mit SpaceX zusammen. Um die Sache noch verworrener zu machen, gehört auch die Plattform X (das frühere Twitter) zu xAI – und damit zu SpaceX.
Solche unübersichtlichen Strukturen werden an der Börse üblicherweise als Konglomerate bezeichnet. Normalerweise mögen Anleger die damit einhergehende Komplexität eher nicht, weswegen Aktien dieser Art mit einem Abschlag gehandelt werden: Sie sind also weniger wert, als sie es eigentlich sein könnten. Dieser Konglomeratsabschlag komme bei SpaceX aber nicht zum Tragen, glaubt Fondsmanager Bernd Deeken. „Musk will ja nicht unterschiedliche Geschäftssparten nebeneinanderstellen, bei denen die Gewinne der einen Sparte die Schwächen der anderen ausgleichen. Sondern er hat eine ganz besondere Synergie im Sinn.“ Der Unternehmer, so steht es im Börsenprospekt, will auf längere Sicht Rechenzentren im All betreiben, um von dort aus günstiger den enormen Energiehunger der Künstlichen Intelligenz zu stillen.
Das klingt ähnlich phantastisch wie die Ansiedlung von Menschen auf dem Mars, nur dass Musk und SpaceX zu dieser Idee sehr konkrete Zahlen im Börsenprospekt liefern. Unter dem Stichwort „Total addressable Market“ (in etwa: Umsatzpotential des Gesamtmarktes) führt Musk die Zahl von 28,5 Billionen Dollar für SpaceX auf. Das ist eine utopische Größe, die nur erreicht würde, wenn das Unternehmen den Markt vollständig beherrschen würde.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Interessant ist aber, wie Musk weiter rechnet. Mehr als 90 Prozent der 28,5 Billionen Dollar sollen nämlich laut der Kalkulation nicht auf Weltraumraketen oder Satelliten entfallen, sondern auf die Künstliche Intelligenz. Um diesen Anspruch zu erfüllen, müsste das KI-Geschäft von SpaceX in einem Maße wachsen, wie es derzeit nicht absehbar ist; schon gar nicht angesichts von deutlich stärkeren Konkurrenten wie dem ChatGPT-Erfinder Open AI und dessen wichtigstem Wettbewerber Anthropic. Dies ist der eigentliche Knackpunkt, an dem sich aus Sicht vieler Fachleute der Erfolg oder Misserfolg der Aktie von SpaceX entscheidet. Der Vermögensverwalter Georg von Wallwitz drückt es in einer Mitteilung so aus: „Wenn schon Gewinne und Wachstum nicht die Bewertung rechtfertigen können, so muss es die Vision richten.“
Im Fokus: die Machtstruktur
Anleger, die an sie glauben, wird darum auch die Macht nicht stören, die sich Musk im Zuge des Börsengangs sichern will – der dritte wichtige Punkt, den es zu betrachten gilt. Der Gründer und Chef will sich 85 Prozent der Stimmrechte zusichern lassen. Das ist nicht so ungewöhnlich, wie es klingt: Auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin verfügten zum Börsengang ihrer jeweiligen Unternehmen über einen hohen Stimmrechtsanteil. Geschadet hat es den Firmen nicht, ihre Aktienkurse haben sich spektakulär entwickelt. Aber dass sich alle Entscheidungsmacht einer Aktiengesellschaft in einer Person bündelt, die sich am Ende nur selbst entlassen könnte, ist natürlich ein enormes Risiko. Mit modernen Firmenstrukturen ist das nicht vereinbar.
Dies zeigt sehr gut, worauf es aus Anlegersicht bei SpaceX am Ende ankommen wird: Vertraut man Elon Musk oder nicht? Wer skeptisch ist, ob der Unternehmer erfolgreich sein kann, wird angesichts der hohen Bewertung und der utopischen Vorhaben genügend Gründe finden, die Aktie nicht zu kaufen. Umgekehrt lässt sich jedoch argumentieren: Wer, wenn nicht Musk, kann das vermeintlich Unmögliche schaffen? Dass heute alle Welt über Elektroautos redet, die durch Tesla groß wurden, hätte vor 15 Jahren doch auch niemand gedacht.
Kurzfristig wird der Aktienkurs von SpaceX voraussichtlich enorm schwanken und sogar fallen, wenn die ersten Investoren aus der Frühphase des Unternehmens das Recht erhalten, ihre Aktien zu verkaufen. Das könnte im Falle von SpaceX bereits nach wenigen Wochen möglich sein. Auf längere Sicht könnte aber gelten, was sich viele mit Blick auf Musks erfolgreiche Börsenhistorie sagen: spätestens nach den ersten Schwankungen in jedem Fall dabei sein, um langfristig zu profitieren.
Die Börse ist ein Ort der nüchternen Analyse, aber sie ist auch ein Ort mutiger Visionen. Selten klaffte beides so weit auseinander wie im Falle von Elon Musk.
