Zur blauen Stunde steht der runde Frühlingsmond tief über dem Platz der Republik in Jerewan. Der eisige Gipfel des Ararat ist in der Dämmerung versunken. Das Nationalmuseum schließt seine Tore, und die Restaurants an der Abovjanstraße decken für das Abendessen ein. Im Sommer sind Stühle und Tische auf die Bürgersteige gerückt und Düsen sprühen kühlende Nebel auf die Straße. Junge Familien und Kinder strömen in die Innenstadt, flanieren, essen ein Eis und betrachten die tanzenden Springbrunnen auf dem Platz der Republik.
Aber nun im zeitigen Frühjahr ist es abends noch kühl. Die Brunnen vor dem Nationalmuseum sind trockengelegt. Edgar wartet mit einem Lächeln vor dem Marriott-Hotel auf uns. Um sein Touristikstudium zu finanzieren, jobbt er an der Hotel-Rezeption, aber heute hat er frei und wird mit uns durch seine Lieblingsbars, Clubs und Kneipen ziehen. Wir wollen den armenischen Kognak kennenlernen. Auch wenn Edgars Name deutsch klingt, ist er ein waschechter Armenier. Er lebt bei seinen Eltern in einem Dorf in Kotayk, etwa dreißig Kilometer nördlich von Jerewan am Rande der Geghard-Berge. Morgens sieht er von seinem Fenster aus, wie der Gipfel des Ararat Massivs sich aus der Dämmerung hebt, und jeden Abend nach der Schicht bringt ihn ein Yandex-Taxi für zweitausend Dram, gut vier Euro, in sein Dorf zurück.
Die Armenier sind die Italiener des Kaukasus
Das Stadtzentrum von Jerewan ist wie mit einem Zirkel in einem Halbrund gezogen. Vom Platz der Republik hinauf zu Opernplatz und Kaskade und von dort am Parkring entlang liegen die meisten Cafés und Kneipen, und alles ist wunderbar zu Fuß zu erreichen. Armenier gehen gerne in Gruppen aus, ähnlich den Italienern, aber es ist auch kein Problem als Frau allein unterwegs zu sein. Jerewan ist eine sichere Stadt. Keine plumpe Anmache. Keine Eintreiber lauern vor den Restaurants, um Kunden hineinzuziehen. Keine Betrunkenen, kaum Bettler oder Taschendiebe. Einzig auf die Schlaglöcher auf den Gehwegen sollte man achtgeben.
Rund um den Platz der Republik liegen einige schicke Lokale, das Sherep zum Beispiel, was auf Armenisch Kochlöffel heißt und gleich neben dem Marriott auf der Armiranstraße liegt. Ein großzügiges Loft, in dem moderne armenische Küche serviert wird. Sogar eine eigene Backstube mit dem klassischen Tonir, in dem Fladenbrot gebacken wird, besitzt das Lokal. Ein Stück weiter, in der Buzandstraße, lockt das neu eröffnete Mayrig in kühlem Design der Fünfzigerjahre mit libanesisch-armenischen Delikatessen, denn auch die libanesische Diaspora kommt nach Jerewan zurück. Die eigentliche Kneipenszene aber beginnt jenseits des Maschtots-Boulevards, den die Jerewaner nur ‚Prospekt‘ nennen. Hier – zwischen Sarjan-, Puschkinstraße und Kaskade – befindet sich eine Bar an der anderen, ein Restaurant am nächsten, und es gilt nur die Qual der Wahl.

Edgar findet, wir sollten den Abend erst einmal mit einem Kaffee auf dem Aznavour Platz an der Abovjan Straße starten, denn Kaffee gehöre ebenso wie Kognak zur armenischen Kultur. Im Halbkreis des sowjetischen Moskau-Kinos steht ein knallroter Wagen der armenischen Coffee-House-Kette. Armenier trinken den Kaffee schwarz, im Kupferkännchen aufgebrüht, oder wie hier am Straßenrand als italienischen Espresso. Im Kino befindet sich eine Metrostation, die einzige Linie Jerewans, aber niemand scheint es eilig zu haben. Ein Grüppchen junger Frauen mit langen schwarzen Haaren und markant gebogenen Brauen hat sich am Coffee-Wagen angestellt, sie plaudern ein wenig Englisch mit uns, ehe sie weiterziehen in dieser Stadt, die sich ständig verändert und immer nur halb fertig zu sein scheint.
Die alten trutzigen Handelshäuser aus der russischen Gründerzeit in rosa und schwarzem Tuff werden überragt von modernen Apartmentgebäuden und sowjetischem Brutalismus. Die Pappeln und Platanen auf den Bürgersteigen kämpfen mühsam gegen Trockenheit und Staub. Betongerippe ragen zwischen glänzenden Bürotürmen in die Höhe. Wortfetzen in Armenisch, Russisch, Englisch, selbst persische Wörter klingen an unser Ohr, denn die Grenze zum Iran ist nicht weit, gerade einmal vierhundert Kilometer entfernt, und die Iraner nutzen nicht nur die modernen Universitäten des Landes, sondern genießen auch das Gefühl von Freiheit und Europa, das für sie in Armenien beginnt. Mit Russland hat Armenien zwar keine gemeinsame Grenze, aber eine fast zweihundertjährige Geschichte, und das Russische ist immer noch neben Englisch die wichtigste Verkehrssprache im Land.
Cognac ist das wichtigste Exportgut
Russische Programmierer und Landesflüchtlinge lassen sich in der Hauptstadt nieder, sie gründen Unternehmen und Bars, wie das Franks gleich am Platz der Republik, wo sich die russische Diaspora trifft. Armenisch sprechen sie im seltensten Fall, sie bewegen sich mit einer Spur von Überheblichkeit, wie es typisch für ehemalige Kolonialherren ist, und sehnen sich zugleich nach einer Welt, in der jeder frei atmen oder zumindest in Ruhe seinen Wodka trinken kann, ohne fürchten zu müssen, an die nächste Front gerufen zu werden.
Die Russische Föderation ist immer noch der Hauptwirtschaftspartner Armeniens und neben Gold, Kupfer und Mikrochips ist armenischer Brandy, wie der armenische Cognac heute offiziell genannt werden muss, das wichtigste Exportgut des Landes. In der Sowjetzeit galt Armenien als ein Schlaraffenland, in dem alles zu haben war, was im Norden des riesigen Reiches Mangel war: Berge, Cognac, Jazz und üppige Tischgelage. Daran hat sich nicht viel geändert, auch wenn das Land eines der ärmsten in der Region ist. Das durchschnittliche Einkommen bewegt sich um achthundert Euro pro Kopf, ohne das Geld der Auslandsarmenier würde das Leben im Land stillstehen, und dennoch sind am Abend Restaurants und Kneipen gut besucht.

Edgar will uns erst einmal seine Lieblingskneipen zeigen. Und da die Live-Musik in den Jazzclubs ohnehin erst ab etwa neun Uhr abends beginnt, schlägt er vor, im Dargett in der Armanstraße vorbeizuschauen, der ersten Craft-Brauerei der Stadt. Über zwei Stockwerke wird hier Bier gezapft. Beliebt sind Kirsch- und Aprikosenbiere nach belgischem Vorbild, IPA und Pils. Dazu gibt es Burger auf armenische Art interpretiert, wahlweise mit Spinat, Koriander, Humus, Hühnchen und Kräutern belegt. Nur ein paar Meter weiter liegt das Beatles Pub, Edgars Lieblingsbar. Auch hier wird Dargett gezapft und im Keller zu Karaoke gefeiert, allerdings erst gegen Mitternacht.
Bier haben in Jerewan schon die Urartäer gebraut, ein antikes Volk, das im Jahre 782 vor Christus Jerewan gründete und seine Vorräte an Getreide, Öl und Bier in riesigen Tonamphoren lagerte. Die Urartäer hinterließen den Armeniern nebst Bronzeschildern und Krügen vor allem Inventarlisten ihrer Besitztümer und eine in Stein gemeißelte Gründungsurkunde auf der ehemaligen Festungsmauer der Stadt. Noch älter als die Bierbrauerei ist das Keltern von Wein im südlichen Kaukasus. Im Areni-Tal, gut hundert Kilometer südlich von Jerewan, fanden armenische Archäologen in einer Tuffsteinhöhle die älteste Weinpresse der Welt: Sie wurde vor mehr als sechstausend Jahren in den Felsen gehauen.
Russischer Tango, armenischer Brandy
Die benachbarten Georgier blieben nicht untätig und gruben eine Weinamphore mit Resten von eingetrocknetem Rkazeteli-Wein aus, der sagenhafte achttausend Jahre alt sein soll und es sogar zum Weltkulturerbe geschafft hat. Wer auch immer als erstes vom Wein gekostet hat, beiden Völkern ist gemeinsam, dass sie im 4. Jahrhundert das Christentum annahmen, und so blieb der Weingenuss auch in späteren Zeiten heilig. Kein Gastmahl ohne Wein, selbst in den langen Jahrhunderten unter muslimischer Fremdherrschaft.
Vom Wein zum Branntwein war es von da nicht mehr weit. Als die Russen im 19. Jahrhundert in den Kaukasus vorstießen und der Osten Armeniens Teil des Zarenreichs wurde, sprach die Elite in St. Petersburg Französisch, und bald tanzte auch der armenische Adel russischen Tango, trank Champagner und französischen Cognac. Ein findiger Armenier hatte eine Geschäftsidee: Wein, Sonne, Wasser gibt es in Armenien im Überfluss. Warum also nicht den Kognak selbst herstellen, anstatt ihn über tausende von Kilometern aus Paris zu importieren? 1887 gründete Nerses Tairjanz die erste Jerewaner Cognac-Fabrik. Zwanzig Jahre später errang der armenische Cognac bei einer Blindverkostung in Bordeaux eine Bronzemedaille und galt damit als geadelt. Die Urkunde ist heute im Museum der Ararat-Brandy-Fabrik in Jerewan zu bewundern.

Längst ist das Zarenreich untergegangen, die junge Republik Armenien wurde von der Sowjetunion annektiert, und auch diese ist Geschichte geworden. Aber der armenische Kognak überdauerte die Zeit. Er gehört zur armenischen Kultur wie die Aprikose, die armenischen Schriftzeichen und der Gesang der Dudukflöte. Heute liegen die beiden berühmtesten Kognakfabriken des Landes zu beiden Seiten der Hrazdan-Schlucht. In den Fünfzigerjahren errichteten deutsche Kriegsgefangene eine Bogenbrücke über den Fluss vor den Toren Jerewans. Seitdem verbindet diese Brücke den trutzigen Bau aus grauem Basalt der Cognacfabrik Noy auf der alten Stadtmauer mit dem roten Tuffsteinbau der Firma Ararat auf der anderen Seite der Schlucht, die heute zur Pernod-Ricard-Gruppe gehört. Aufgrund des Hochprozentigen, das zu beiden Seiten gebrannt wird, wird die Brücke im Volksmund nur schwankende Brücke genannt. Ein weiteres Bonmot besagt, hätten die Brücke nicht Deutsche gebaut, wäre sie längst eingestürzt. Über der Brücke erheben sich die schneebedeckten Gipfel des Ararat. Der mehr als fünftausend Meter hohe erloschene Vulkan ist nicht nur Wahrzeichen Armeniens, er ist auch von nahezu jedem Punkt des Landes aus zu sehen, wenn auch der mythische Berg heute in der Türkei liegt. Seine mächtigen Hänge schützen die warmen Ebenen des Ararat-Tales. Auf seinen vulkanischen Böden reifen die goldfarbenen Trauben, die dem armenischen Brandy seinen charakteristischen Geschmack geben. Die weichen Quellwasser aus Aparan fügen dem armenischen Kognak bei der Coupage ihre milde Note hinzu. Das Eichenholz stammt aus den Laubwäldern Dilijans, die Fässer zur Reife werden von zwei Böttchern im Ararattal in alter Handwerkskunst über dem Feuer gebogen und gehärtet.
Nur sieben endemische Rebsorten verwendet die Firma Ararat, die in der Region schon seit der Bronzezeit kultiviert werden. Dreihundert Sonnenjahre hat Armenien durchschnittlich im Jahr, das Klima ist kontinental, die Winterfröste hart. Die Weinanbaugebiete liegen ab neunhundert Meter bis tausendfünfhundert Meter über dem Meeresspiegel. Das gibt den Trauben ihren Charakter und unverwechselbaren Geschmack. Jede der Brandys der Firma Ararat, die mehr als fünf Jahre im Eichenfass gereift sind, ist nach einer verlorenen armenischen Stadt benannt. Die geheimnisvolle Königsstadt Ani an der alten Seidenstraße gibt dem siebenjährigen Kognak ihren Namen, der zehnjährige ist nach dem altehrwürdigen Kloster Akhtamar im Van-See benannt. Für Sir Winston Churchill wurde der fünfzigprozentige Dvin in einer Sonderedition gebrannt, er soll Churchills Lieblingsgetränk gewesen sein, seit er auf der Konferenz von Jalta damit auf die Neuordnung Europas angestoßen hat. Das warme Getränk aus flüssigem Gold scheint die Essenz Armeniens ebenso in sich zu verdichten, wie die Aromen des Landes, getrocknete Aprikosen, Holz, Zimt und Kaffeedüfte. Kein Abendessen in Armenien, das nicht mit dunkler Schokolade, Früchten und einem Gläschen Kognak abgerundet, kein Abschied, der nicht mit Kognak begossen wird.
Die Dame trägt ein geschlitztes, bodenlanges Kleid
Wir ziehen weiter die Sarjanstraße mit ihren zahlreichen Bars und Restaurants entlang zur Kaskade, einer monumentalen Treppenanlage, die zugleich Freiluftmuseum und öffentlicher Garten ist. Von hier bietet sich an Sommerabenden ein wunderbarer Blick über die Oper und die Stadt. Auf den Treppen trifft sich die Jugend, und die umliegenden Biergärten laden zum Verweilen ein.
Im Dannys an der Ecke liegt eine gemütliche Kellerbar mit souliger Musik. Aber live wird heute Abend nirgends gespielt. Also weiter zur Teryanstraße 91 in den Club 12, einen der bekanntesten Live-Clubs der Stadt. Eine Garderobiere nimmt unsere Jacken ab, ehe wir durch eine geschmiedete Tür eintreten dürfen. Die Bar ist großzügig und elegant, das Publikum an diesem Abend vorwiegend armenisch, jung und gestylt. Die Band spielt sich gerade warm. Diesmal entscheiden wir uns für einen Cocktail auf Cognac-Basis mit Orangenlikör und naschen armenische Tapas dazu: Weinblätter und Fladenbrote, Nüsse und Auberginenröllchen. Später werde eine Sängerin internationalen Pop darbieten, erklärt uns eine Dame in schwarz geschlitztem bodenlangem Kleid, aber wir wollen noch weiter in die Puschkin 52, zu Malchaz, einer Institution in Jerewan. Es heißt, er führte den Club schon zur Sowjetzeit, damals, als amerikanischer Jazz noch verboten war und nur an der Peripherie des Reiches gespielt werden konnte, bei Kaffee, Cognac und Zigaretten.
Aber vielleicht ist auch das nur eine Legende, so wie Armenien aus Geschichten zu bestehen scheint und die Erinnerung immer mindestens so lebendig wie die Gegenwart ist. Zigaretten werden in Jerewan heute nur noch auf der Straße geraucht, aber Cognac ist in diesem Club tatsächlich das angesagte Getränk. Zwei Herren am Tisch nebenan lassen sich zum Kognak einen üppigen Teller mit Pfirsichscheiben, Birnen und Äpfeln bringen. Am Wochenende sei der Club brechend voll, auf jedem freien Quadratmeter werde getanzt, erklärt Edgar. Aber heute ist Blue Monday, die Atmosphäre entspannt, die roten Wände mit Schwarz-Weiß-Fotos von Berühmtheiten dekoriert. Der goldfarbene Cognac vermischt sich in unseren Köpfen mit der warmen Stimme der Sängerin; neben klassischen Jazzballaden und Soul verwebt sie auch armenische Melodien in ihren Gesang. Wir fühlen uns der Zeit entrückt und denken über Jerewan nach, diese Stadt mit ihrer Gemächlichkeit und Nostalgie, die den Besucher erst auf den zweiten Blick in seine Arme nimmt.
Während Baku mit seiner Promenade am Kaspischen Meer, spektakulärer Architektur und Reichtum protzt, und Tiflis mit seiner romantischen Altstadt und Prunkbauten aus der Zarenzeit glänzt, changiert Jerewan im staubigen armenischen Hochland zwischen Karawanserei und Silicon-Valley, Paris und Orient, funkelnder Hauptstadt und marodem Industriestandort. Doch die Jugend dieser Stadt scheint wild entschlossen, das Leben mit all seinen Sinnen zu packen. Und so stoßen wir zum Ende der Nacht, in der Raketen auf den Iran fallen, auf den Frieden an – einen Frieden, der in dieser Region, in der so viele Völker sich begegnen, niemals selbstverständlich gewesen ist, und betrachten die goldenen Tropfen, die gleich Tränen am Rande unserer Kognakgläser herunterrinnen.
