Ein kurzer Blick auf die Laufuhr, dann die Kehrtwende. „Ups, hier müssen wir rechts abbiegen“, sagt sie. Also runter vom asphaltierten Waldweg und weiter auf den schmalen Pfad dort. Die Laufgruppe wird kurz zu einer Gänsemarsch-Gemeinschaft. Dann endet der Trampelpfad zwischen einem Zaun und einem undurchdringlichen Dickicht. Und nun? „Willkommen bei Joyce Städtetrip“, sagt Joyce Hübner lachend. „Das passiert mindestens jeden zweiten Tag mal.“ Sie nimmt es mit Humor, anstatt genervt zu sein – Lachen gibt schließlich Energie, Fluchen nimmt sie. Und Energie ist die wichtigste Währung bei ihrer imposanten Deutschland-Reise in quietschbunten Schuhen und ebensolcher Funktionskleidung.
Ihr Lauftag, der 299. in Folge, ist an diesem Morgen erst wenige Kilometer alt, als er in diesem Wäldchen beim südhessischen Ort Einhausen ins Stocken gerät. Aber nur kurz. Zurück auf den Waldweg, nächste rechts – alles wieder im Lot. Weiter geht’s. Ob Lorsch, Lübeck, Leverkusen oder Leipzig, manches nimmt sie bewusst wahr, vieles verschwimmt für sie zu einer längst nicht mehr zu überblickenden Masse, Städte, Vororte, Industriegebiete, Äcker, Wälder. Zu einer Art Film, der vor ihren Augen vorbeizieht, während ihre Beine Schwerstarbeit verrichten. Sie hat auf ihrer Laufreise schon alle Jahreszeiten erlebt, jede Wetterkapriole erlitten und fast jede Mundart durch die Mitläufer im Ohr gehabt. Aber es geht weiter, immer weiter.
Zieleinlauf für Oktober in Berlin geplant
Joyce Hübner ist buchstäblich auf dem Weg, etwas zu schaffen, was noch keine Frau zuvor geschafft hat. Seit dem 1. Juni 2025 hat sie jeden Tag irgendwo anders in der Republik eine Marathondistanz, also knapp mehr als 42 Kilometer, bewältigt und will dies bis zum 8. Oktober 2026 fortsetzen. An diesem Herbsttag in etwas mehr als sechs Monaten will sie in ihre Heimatstadt Berlin einlaufen. Die größte Stadt Deutschlands wird die 2095. und letzte sein, die sie joggend erreicht.

Sie lässt ihre Netzgemeinde teilhaben, immer zugewandt, mal routiniert, stets unterhaltsam, schon mal aufgedreht und mitunter auch überdreht. Sie dokumentiert Besonderheiten und Banalitäten, Mitläufer und Mitreißendes, Pittoreskes und Pippi-Pausen. Das zieht. Inklusive ihrer Empfehlungen für die Produkte ihrer Sponsoren. Hübner hat längst eine gewisse Bekanntschaft im Netz.
Wer reist schon monatelang mit 13 Paar wechselweise zum Einsatz kommenden Laufschuhen durch das Land? Wer muss schon penibel darauf achten, diese nach 900 bis 1000 Kilometer Laufleistung auch wirklich auszusortieren? Wer muss schon monatelang täglich zwingend 5000 Kalorien zu sich nehmen, um laufend durch den Tag zu kommen? Wer muss auf einer einzigen Laufreise Schneestürme in Bayern und 40 Grad Hitze in Mecklenburg durchstehen?
Sportliche Bürgermeister und motivierte Mitläufer
Sechs Wochen am Stück, erzählt Hübner, sei sie im Winter auf Schnee und Eis unterwegs gewesen. „Das hat mich manchmal hart mitgenommen.“ Es gab Tage, da sei der Schnee fast knietief gewesen – und sie sehr dankbar dafür, dass Mitläufer nicht nur an ihrer Seite gewesen seien, sondern mitunter vor ihr gespurt hätten.
Durchschnittlich 17 Menschen finden sich bislang täglich ein, um Hübner ein Stück oder eine ganze Marathonetappe zu begleiten. Rund 4500 sind es aktuell, die mindestens ein Stück in Laufschuhen, Inlineskates oder auf dem Fahrrad dabei waren. 29 Bürgermeister waren laufend dabei und 25 weitere winkend am Streckenrand. Überhaupt erhebt das Zweierteam Joyce und Partner Sven diverse Statistiken. So spult Hübner ihre flottesten Städtetrip-Marathons in etwa viereinhalb Stunden ab (die Verpflegungspausen am Auto nicht miteingerechnet), sie hat aber auch schon sechseinhalb Stunden gebraucht. Wetterbedingungen und vor allem die zu bewältigenden Höhenmeter können einen Lauftag schnell zu einem zehrenden Unterfangen machen. Und im Ziel ist nicht Feierabend, sondern es gilt noch viele Stunden Material für soziale Medien zu sichten, zu schneiden und zu posten. Ein gängiger Städtetrip-Projekttag: von 7 bis 22 Uhr.
Hübner ist im Jahr 2023 in einem ähnlich verrückt anmutenden Unterfangen zwar nicht in sieben Tagen um die Welt gekommen, aber immerhin in 120 Marathons die gesamte Außengrenze Deutschlands abgelaufen. Das Buch, das sie über diese Erfahrung schrieb, heißt „Der Lauf meines Lebens“. Für den geplanten Dokumentarfilm, der nach den 595 Marathons entstehen soll, muss dieser Titel gegebenenfalls überschrieben werden. Zumal sie den Weltrekord der meisten nacheinander gelaufenen Marathons voraussichtlich einheimsen wird – als Beifang sozusagen. Eine Belgierin hatte die Bestmarke unlängst erst auf 367 gesetzt. Die Nachricht davon ereilte Hübner, als sie damals gerade die Marathons 420 bis 430 ihres Projekts ausarbeitete.
An der komplizierten Planung der Route, möglichst effizient die Gemarkung von 2095 Städten zu erreichen, waren sogar Mitarbeiter von Google Maps beteiligt, die Gefallen an der Knobelaufgabe gefunden hatten. Im Anschluss bearbeitete Hübner die Strecken nach, suchte nach Pfaden und Schleichwegen, um die Gesamtdistanz und damit die Tage reduzieren zu können. Mit Erfolg. Sie konnte sich so ganze 5000 Kilometer ersparen.

Nun gilt die mythisch aufgeladene 42,195-Kilometer-Distanz als die Königsdisziplin des Laufsports. Hübner hat, wie sie sagt, nie den Respekt vor einem Marathon verloren. Doch ist für sie als Extremläuferin ein weitestgehend flacher Parcours zwischen Bürstadt und Wolfskehlen nicht viel mehr als ein Frühstückslauf, „mein täglicher Standardlauf halt. Ich neige eher zum Schönreden und sage mir: Es sind nur 42 Kilometer. Ich weiß, dass mein Körper dies kann, und gebe dann noch das richtige Mindset hinzu“, so Hübner. Ihr Körper sei längst genau an diese Belastung, langsam und lange zu laufen, gewöhnt, sagt sie. Trainingseffekte halt. Im Interview, selbstverständlich im Lauf geführt, wird sie kein einziges Mal kurzatmig. Sie arbeitet einen Marathon mit einer Herzfrequenz ab, den andere als Ruhepuls haben. „Klar fühle ich mich dauerhaft ermüdet von der Muskulatur. Natürlich habe ich auch Tage, an denen es sich schwerfällig anfühlt und ich schwer in Tritt komme“, erzählt Hübner.
So einer scheint der 299. Marathontag am Donnerstag zunächst zu sein, als sie am im Netz bekannt gegebenen Startpunkt vorfährt. Eine Einmündung eines Feldweges irgendwo bei Bürstadt, 5 Grad, eisiger Wind. Die Begrüßung der vier Mitläufer, die schon warten, fällt etwas kühl aus. Aber als sie die pink verspiegelte Sonnenbrille aufsetzt, das schwarze Haarband mit der Aufschrift „Joyce Städtetrip“ zurechtgezogen hat und sich in Bewegung setzt, taut sie auf, und es kommt gute Laune durch. Es ist immerhin trocken, und die heutige Strecke flach.
Jörg aus Griesheim ist von seiner Tochter zum Startpunkt gefahren worden. René aus Lorsch will seinen zweiten Marathon überhaupt an der Seite von Joyce laufen. Für Simon aus Heppenheim gehört es fast zur täglichen Routine, via soziale Medien zu verfolgen, „wo Joyce gerade läuft“. Vier Tage zuvor hat er erst den Rom-Marathon bewältigt, will nun schauen, was die Beine hergeben. Für Antonia sind 42 Kilometer noch zu viel, aber von Bürstadt bis zu Hause nach Bensberg will sie dabei sein. Joyce sei eine große Inspiration und Motivation für sie.
„Joyce, wie hältst du die Motivation hoch?“
Für Hübner sind es jeden Tag nicht nur zigtausend Schritte, die sie läuft, sondern auch Tausende Worte, die sie zu ihren Mitläufern spricht. Die haben viele Fragen, und Hübner hört im Gegenzug gern Geschichten über Land und Leute. Hübner spürt, dass manche Follower „gern mehr Drama“ von ihr zu sehen hoffen, sie aber „total froh über wenig Drama ist“. Also keine Verletzungen und Infekte, Pannen und Unfälle bislang.
Welche Frage täglich in vielen Varianten kommt und welche viele für die Gretchenfrage ihres Projekts halten: Joyce, wie hältst du es 495 Tage mit der Motivation? Und die Siebenunddreißig jährige erzählt immer wieder aufs Neue, dass diese Frage sich für sie überhaupt nicht stelle. Dass sie Dinge wie diese durchzieht, wenn sie einmal vorgenommen sind. „Ich belaste mich nicht mit Gedanken, ob ich heute Lust habe oder mir vielleicht etwas wehtut – ich mache einfach. Jeden Tag gibt es tolle Momente. Und wenn es nur einige Minuten sind, hat es sich schon gelohnt“, sagt sie. Und überhaupt, es steckt ja keine fixe Idee, sondern ein ausgeklügelter Plan dahinter. Sie sei ja nicht unbedarft in die Sache reingestolpert, sondern wisse, was Körper und Kopf zu leisten imstande sind.
Lorsch liegt im Rücken, die Bergstraße rückt näher, Bensheim, Zwingenberg, Gernsheim, Pfungstadt und Riedstadt gehören noch zum Tagesprogramm. Einige Mitläufer fallen zurück, schließen dann bei den Pausen wieder auf. Bianca aus Bensberg steht fröstelnd am Wegesrand, schließt sich dem Lauftrupp an. Sie hat Hübner mal in einem Podcast gehört und ist neugierig geworden.
Immer wieder führt Hübner wildfremde Menschen zu ihrer allerersten Marathon- oder Halbmarathondistanz, oft gibt es im Ziel etwas zu feiern. „Wenn ich die Inspiration bin, über sich hinauszuwachsen, ist das die schönste Bestätigung für mein Tun“, sagt sie.
Hat sie in nun über 300 Lauftagen nicht nur auf ihre Pulsuhr geschaut, sondern auch Deutschland im Dauerkrisenmodus den Puls gefühlt? „Ich spüre regionale Unterschiede. Hier in Rhein-Main gibt es viele große Unternehmen, viele Jobs – die Menschen wirken zufriedener. Ich habe anderswo auch schon so manchen Grummler getroffen“, erzählt Hübner. Simon, Jörg und René erreichen mit ihr das Tagesziel am Donnerstag.
Tags darauf hat sie Groß-Gerau, Mörfelden-Walldorf, Weiterstadt, Darmstadt, Ober-Ramstadt und Reinheim abgehakt. Sie wird stramm südwärts weiterlaufen, wird am Montag unter anderem Mannheim und Heidelberg erreichen. Und es geht weiter, immer weiter. Schritt für Schritt und Stadt für Stadt. Dem Frühling entgegen, dann hinein in den Sommer. Noch 192 Marathons. „Nur“ noch 192 Marathons, würde Joyce Hübner sagen.
