
Der kürzlich erschienene Demokratie-Report des Varieties of Democracy Institute zeichnet ein wahrhaft düsteres Bild. Niemals zuvor habe es so viele autokratisierende Länder wie in den vergangenen Jahren gegeben, das Niveau der Demokratie in Nordamerika und Europa sei an seinen tiefsten Punkt seit über fünfzig Jahren angelangt. Passend dazu widmete sich die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) dem Thema „Autoritarismus und Gewalt im östlichen Europa“.
Autokratisierung sei kein regionales Problem, betonte der Präsident der DGO, Ruprecht Polenz, in seiner Eröffnungsrede. Längst sei sie nicht nur in Russland oder Ungarn zu verorten, sondern wirke bis in demokratische Systeme hinein, wobei die Entwicklungen einem wiederkehrenden Muster folgten – Repressionen nach innen, die nahezu immer zu Aggression nach außen führten. Dabei lebten autokratische Systeme nicht nur von Druck und Zwang, sondern ebenso von Zustimmung – das mache sie so gefährlich.
An der Geschichte eines Seils entlang
Auf erschütternde Weise demonstrierte der in Potsdam lebende russische Schriftsteller Sergej Lebedew mit seiner für die Tagung vorbereiteten autobiographischen Erzählung, die er auf Deutsch vorlas, wie der Totalitarismus der Sowjetunion bis heute fortwirkt. Zwischen den beiden Autoritarismen, die er erlebt hat, dem Sowjetischen und dem Russischen, gebe es einen festen Zusammenhang, nämlich die Straflosigkeit der Staatsverbrecher, so Lebedew. Er entfaltete diese These anhand eines Gegenstands aus der Familiendatscha – eines dicken grünen Seils mit verwebtem Kupferdraht.
Im Sommer 1991, erinnert sich der Schriftsteller, mitten im Zerfall der Sowjetunion, fällte sein Vater auf der Datscha eine große morsche Birke – was freilich symbolträchtig erscheint –, indem er Stücke des abgesägten Baums an dem grünen Seil herunterließ. Als kleiner Junge sei er fasziniert gewesen von der Kraft dieses Gegenstands. Doch „was erzählt wird, wird erzählt, was nicht, muss im Schatten bleiben“, und so habe er aufgrund dieser ungeschriebenen Familienregel erst Jahrzehnte später erfahren, dass es sich bei dem Seil um eine Raubbeute seines Großvaters Alexander handelt. Dieser stellte sich als Geheimdienstler heraus, der auch am Großen Terror 1937 beteiligt gewesen war.
Schon 1920 war dieser Großvater während des Russischen Bürgerkriegs dazu beordert worden, aufständische Bauern in ihre Schranken zu weisen. Und so feuerte er auf eine Ikone der Gottesmutter, welcher die Bauern Wunderkraft zuschrieben, Gewehrsalven ab. Das Seil, an dem die Ikone an der Kirchendecke befestigt war, nahm Lebedews Großvater mit – „das grüne Seil, grün mit verwebtem Kupferdraht, das ich als Kind für einen magischen Gegenstand hielt, das Seil, das dem Mörder der Gottesmutter gehörte, das Seil, das mich physisch mit ihm verband, wie eine Nabelschnur“.
Gedenken an die Opfer schafft noch keine Gerechtigkeit
Die Straflosigkeit der Staatsverbrecher sei aus diesem Gefühl der Gebundenheit gemacht. Gewohnt kritisch auch gegen liberale Kräfte seines Heimatlands attestierte Lebedew der russischen Zivilgesellschaft eine Mitschuld an dieser Straflosigkeit. Man habe sich stets auf das Gedenken der Opfer des Totalitarismus konzentriert statt auf die Bestrafung der Täter. Doch Erinnerung schaffe keine Gerechtigkeit, Opferlisten seien keine Strafe für die Mörder.
Den Höhepunkt des zweiten Tagungstages, an dem instruktive parallele Panels etwa mit dem slowakischen Schriftsteller Michal Hvorecký und dem Münchener Slawistik-Professor Riccardo Nicolosi stattfanden, bildete das Morgenprogramm, das die Attraktivität autoritärer Herrschaft in den Blick nahm. Die wissenschaftliche Direktorin des Berliner Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien, Gwendolyn Sasse, moderierte die kontrovers wie anregend geführte Podiumsdiskussion. Während Timm Beichelt von der Europa-Universität Viadrina auf theoretischer Grundlage die Anziehungskraft des Autoritarismus vor allem durch eine Analyse der Wut sowie Referenzen auf Konzepte der Frankfurter Schule erklärte – die Flucht ins Autoritäre als Reaktion auf Vereinsamung, der autoritäre Charakter als zynisch-destruktive Unterordnung und Aggression gegen jene, die diese Unterordnung verweigern –, stützen sich die im Berliner Exil lebende russische Politikwissenschaftlerin Irina Busygina und der ungarische Historiker Krisztián Ungváry primär auf die Empirie.
Kontroverse Diskussionen
Busygina erklärte, im Falle Russlands komme die Attraktivität deshalb zustande, weil das System sich modern gebe. Autoritäre Systeme könnten sehr liberal sein, etwa in ökonomischer Hinsicht oder auch mit ihrer wie im Falle Russlands gut funktionierenden Verwaltung. Ungváry leitete den Reiz antiliberaler Systeme aus den Ängsten vor der Globalisierung ab. Die Ungarn fühlten sich nach wie vor gekränkt von den Auswirkungen des Versailler Vertrags, der in der Konsequenz enorme Gebietsverluste für Ungarn bedeutete.
Der Liberalismus-These Busyginas widersprach der ungarische Historiker. Im wirtschaftlichen Bereich herrsche in Russland vollständige Rechtsunsicherheit, man könne dort kurzerhand aus dem zehnten Stockwerk fallen. Sein Ministerpräsident sei „der beste Schüler Putins“, jedoch gebe es in Ungarn viel weniger Gewalt als in Russland. Er gab zu bedenken, dass sich Wähler nicht unbedingt normal verhielten – es sei vielmehr zu bedenken, wozu sie fähig seien. Mit seinen Ausführungen war er näher an Beichelt, als es ihm vielleicht bewusst war. Von Sasse um eine Prognose gebeten, sagte Busygina, sie sehe leider keinerlei Beweise für eine Erosion des Putin-Regimes. Ungváry entgegnete in Bezug auf die für den 12. April angesetzten ungarischen Parlamentswahlen, das System Orbán befinde sich definitiv an seinem Ende. Die Frage sei jedoch, wie blutig dieses ausfallen werde.
