
In der Schweiz wurde am Freitag den Opfern der Brandkatastrophe in Crans-Montana gedacht. Um 13.58 Uhr betätigten alle Lokführer das Signalhorn; um 13.59 war die Bevölkerung zu einer Schweigeminute eingeladen; um 14 Uhr läuteten im ganzen Land die Kirchenglocken. Zur gleichen Zeit fand in der Kongresshalle des Walliser Orts Martigny eine nationale Gedenkfeier statt, an der neben Mitgliedern der Schweizer Regierung auch zahlreiche ausländische Regierungsvertreter teilnahmen, darunter Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella.
Durch den Brand in einer Bar im Walliser Bergdorf Crans-Montana waren in der Silvesternacht 40 Menschen ums Leben gekommen; 116 wurden überwiegend schwer verletzt. Die Hälfte der Todesopfer war minderjährig, zwei waren erst 14 Jahre alt. Unter den Verstorbenen sind 21 Schweizer, neun Franzosen und sechs Italiener.
Vor Tausend geladenen Gästen, darunter viele Angehörige der Opfer, sagte der Schweizer Bundespräsident Guy Parmelin, dieses Unglück habe die ganze Schweiz zu einer einzigen Familie von Trauernden gemacht. „Unser Land verneigt sich vor dem Angedenken derer, die nicht mehr unter uns sind, und steht denen zur Seite, die vor einem langen Weg des Wiederaufstehens sind.“
„In unserer Erinnerung weiterstrahlen“
Parmelin bedankte sich für die nationale und internationale Solidarität. Dass viele Länder Schwerverletzte in ihren Krankenhäusern aufgenommen haben, „berührt uns und das verpflichtet uns“. Wie es weitergehe, hänge auch von der Fähigkeit der Justiz ab, Verfehlungen ohne Verzögerung und ohne Nachsicht aufzudecken und zu ahnden. Man werde alles daransetzen, dass die Wahrheit ans Licht komme. Dies sei eine „moralische Aufgabe und zudem eine Pflicht des Staates“. Die Verstorbenen hätten ihr Leben in einer Bar verloren, die den Namen einer Sternenkonstellation („Constellation“) trägt – nun würden sie „in unserer Erinnerung weiterstrahlen“.
Der Walliser Regierungspräsident Mathias Reynard sagte, man werde den 1. Januar 2026 nie vergessen: „In den ersten Stunden des neuen Jahres verwandelt sich ein Moment des Feierns und der Freude in einen Albtraum. Wir sind heute hier versammelt, um das Angedenken an diese 40 Seelen zu ehren und zu sagen, dass wir sie nie vergessen werden. Wir sind auch für die Verletzten hier, für diejenigen, die in diesem Moment noch um ihr Leben kämpfen.“ Worte könnten die Lücke, die Opfer hinterlassen, niemals füllen. Die Wahrheit herauszufinden, sei eine Pflicht gegenüber den Opfern, ihren Familien und der gesamten Gesellschaft.
Mit gesenkten Köpfen an der Presse vorbei
Das verhängnisvolle Feuer war durch Feuerwerkssprühkörper, die an Champagnerflaschen montiert waren, ausgelöst worden. Diese setzten die Schaumstoffdämmplatten an der Decke der Bar „Constellation“ in Brand. Am Freitag sind die Betreiber des Lokals, das französische Ehepaar Jacques und Jessica Moretti, erstmals von der Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis in Sitten befragt worden. An den dort wartenden Medienvertretern gingen sie mit gesenkten Köpfen vorbei, Jessica Moretti trug eine große dunkle Sonnenbrille.
Das Paar steht unter dem Verdacht der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung. Nach der Befragung kam Jacques Moretti wegen möglicher Fluchtgefahr in Untersuchungshaft. Dies berichtete die Zeitung „24 Heures“ am Freitagnachmittag. Zunächst hatte sich die Walliser Staatsanwaltschaft noch geweigert, den 49 Jahren alten Korsen festzunehmen.
Im Kreuzfeuer steht aber auch die Gemeinde Crans-Montana. Deren Gemeindepräsident Nicolas Féraud hat jüngst zugegeben, dass es in den vergangenen sechs Jahren keinerlei behördliche Brandschutzkontrollen in der Bar gegeben hat. Dabei hätten diese laut Gesetz jährlich durchgeführt werden müssen.
Haftet die Gemeinde?
Der Genfer Rechtsanwalt Romain Jordan hat nun eine erste Zivilklage gegen die Gemeinde auf den Weg gebracht. Er vertritt mehr als 20 Opferfamilien. Der Anwalt stützt sich auf das Walliser Verantwortlichkeitsgesetz, wonach der Kanton und seine Gemeinden haften, wenn sie Dritten widerrechtlich Schaden zufügen. Um mit einer solchen Klage vor Gericht erfolgreich zu sein, müsste lückenlos nachgewiesen werden, dass es sich bei den Versäumnissen um eine wesentliche Amtspflichtverletzung handelt. Falls diese und weitere Klagen erfolgreich sind, kämen auf die Gemeinde Schadenersatzforderungen in dreistelliger Millionenhöhe zu.
Wer für die entstandenen Schäden haftet, lässt sich nach Aussage des Versicherungskonzerns Axa erst nach Abschluss der laufenden (Straf-)Untersuchung beurteilen. Axa ist in diesem Fall sowohl der Haftpflichtversicherer der Gemeinde als auch des Barbetriebs „Constellation“. Beide hätten branchenübliche Standardprodukte mit einer vertraglich limitierten Deckungssumme abgeschlossen, schreibt der Versicherer in einer Mitteilung, in der er beteuert, seinen Verpflichtungen vollumfänglich nachzukommen. Aber es sei klar, „dass die Versicherungssummen der Gemeinde und der Bar im Fall einer Haftung bei weitem nicht ausreichen, um für alle finanziellen Schäden der überlebenden Opfer und der Hinterbliebenen aufzukommen“.
Vor diesem Hintergrund regt Axa an, einen Runden Tisch zu schaffen, an dem idealerweise unter der Leitung des Bundes sämtliche involvierten Parteien wie Vertreter der Opfer und der öffentlichen Hand sowie die involvierten Haftpflicht-, Sach-, Unfall- und Krankenversicherer unbürokratische Lösungen definieren, um für die finanziellen Schäden aufzukommen. „Es gilt jetzt, zusammenzustehen und mit vereinten Kräften dafür zu sorgen, dass den Betroffenen dieser Tragödie schnellstmöglich und unkompliziert geholfen wird.“
