
„Das ist kein Krieg mit Iran, sondern ein Krieg für Iran“: Auch auf Deutsch kann Arman Falahati präzise ausdrücken, wie er den Angriff der USA und Israels auf sein Heimatland bewertet. Der 23 Jahre alte Student lässt keinen Zweifel daran, was er von dem militärischen Vorgehen gegen das Mullah-Regime hält: Wie viele seiner iranischen Kommilitonen sieht er darin die historische Chance, sich einer Diktatur zu entledigen, die auch ihm und seiner Familie Leid zugefügt hat.
Falahati, seine Mutter und sein Bruder sind wie Tausende ihrer Landsleute 2022 auf die Straße gegangen, um gegen den gewaltsamen Tod von Jina Mahsa Amini zu demonstrieren. Der Staat schlug die Proteste nieder. Falahati saß drei Tage im Gefängnis, er wurde gefoltert, die Schergen des Regimes versuchten von ihm die Namen angeblicher „Auftraggeber“ zu erpressen, wie er sagt. Fünf Monate später gelang seinem Zwillingsbruder und ihm die Ausreise aus Iran. Seit zweieinhalb Jahren ist Falahati nun in Deutschland. Er studiert im dritten Semester Humanmedizin an der Uni Mainz, sein Bruder ist in Münster für Zahnmedizin eingeschrieben.
Geschichten wie diese hört Kambiz Ghawami oft. Von Wiesbaden aus leitet der gebürtige Iraner das deutsche Komitee des World University Service, der sich für den internationalen Austausch von Studenten und Lehrenden engagiert. So brutal die Mullahkratie gegen Oppositionelle im eigenen Land vorgeht, so wenig versucht sie ihre Gegner daran zu hindern, ins Ausland zu gehen. Schwierig kann es für Regimegegner nach Ghawamis Worten werden, einen Pass zu bekommen, wenn sie zuvor „auffällig“ geworden seien, doch ansonsten lege die Regierung Ausreisewilligen kaum Steine in den Weg. Offensichtlich sei sie froh, lästige Kritiker auf diese Weise loszuwerden. Das Hauptproblem seien die teils langen Wartezeiten bei der Erteilung von Visa.
Der Diplom-Ingenieur genoss hohes Ansehen
Deutschland ist für junge Iraner aus der Mittelschicht, die einen akademischen Abschluss anstreben, seit Jahrzehnten ein attraktives Ziel. Vor der Bologna-Reform habe der Diplom-Ingenieur in seiner alten Heimat hohes Ansehen genossen, sagt Ghawami, der 1972 zum Studium in die Bundesrepublik kam. Die Iraner seien ähnlich titelversessen wie die Österreicher, man spreche sich gerne mit „Doktor“ oder „Ingenieur“ an, und in den Augen vieler Eltern seien Medizin und Ingenieurwissenschaften im Grunde die einzigen „akzeptablen“ Studienfächer für ihre Kinder.
Die Statistiken spiegeln das wider. Im Wintersemester 2025/26 waren nach Ghawamis Informationen 1982 Iraner an hessischen Hochschulen eingeschrieben – alleine 438 in Darmstadt, dem Sitz der als Ingenieur-Ausbildungsstätte weithin bekannten Technischen Universität. Eine ganz Deutschland umfassende Auswertung für die Jahre 2021 bis 2025 bestätigt, dass Natur- und Ingenieurwissenschaften sowie Medizin zu den bevorzugten Fächern iranischer Studierwilliger gehören.
Peiman Niaei ist nach Deutschland gekommen, um Zahnarzt zu werden, inzwischen schreibt der Achtundzwanzigjährige an der Uni Mainz seine Doktorarbeit. Auf den israelisch-amerikanischen Militäreinsatz blickt er mit ähnlichen Gefühlen wie Arman Falahati: „Wir Iraner sehen es nicht unbedingt als Krieg, sondern als humanitäre Unterstützung.“ Das Regime fördere Terrorismus überall auf der Welt, und es massakriere seit 47 Jahren seine eigenen Bürger. „Wir müssen diesen Krebs aus Iran entfernen.“
„Akademische“ Diskussion über Völkerrecht
Kambiz Ghawami sieht das ähnlich. Die Diskussion über die Legitimität des Irankriegs, wie sie in Deutschland geführt wird, kommt ihm bisweilen recht „akademisch“ vor. „Ich bin ein großer Verfechter des Völkerrechts“, sagt er. „Aber wenn in mehr als 40 Jahren Diplomatie nichts herauskommt, kann man doch die Menschen nicht einfach ins Feuer rennen lassen.“
Bei aller Unterstützung für den Kampf gegen das Regime sorgen sich Falahati und Niaei um ihre Angehörigen im Land. Informationen über die Lage dort dringen nur unregelmäßig nach außen, das Internet ist zeitweise abgeschaltet, Handys funktionieren nicht; wenn überhaupt, sind Eltern oder Geschwister nur über das Festnetz telefonisch erreichbar. Die Unterbrechung des Datenverkehrs hat für die Studenten auch finanzielle Folgen, wie die beiden Iraner bestätigen. Viele würden von ihren Familien mit Geld unterstützt, sagt Falahati. Überweisungen nach Deutschland seien schon vor Kriegsausbruch schwierig gewesen, nun blieben Zahlungen ganz aus.
Bafög erhielten er und seine Kommilitonen nicht; um über die Runden zu kommen, seien sie auf Nebenjobs angewiesen. Wenn aber in der Heimat Bomben fallen, wenn der Vater oder die Schwester verhaftet worden ist, fällt es schwer, sich auf anderes zu konzentrieren. Falahati berichtet, manche seiner Mitstudenten könnten derzeit nicht zur Arbeit oder in Vorlesungen gehen, weil ihnen die Situation psychisch so zusetze.
Christliche Hochschulgemeinden helfen Muslimen
Kambiz Ghawami nutzt derzeit seine über Jahrzehnte aufgebauten Kontakte zu Ministerien, Universitäten und Behörden, um Hilfe für iranische Studenten zu organisieren. Er hat das hessische Wissenschaftsministerium gebeten, schnell Geld aus dem Fonds des Landes für unverschuldet in Not geratene ausländische Studierende bereitzustellen. Beim Vermitteln von Unterstützung setzt er auf die katholischen und evangelischen Hochschulgemeinden, an die sich nach seinen Worten auch muslimische Studenten ohne Scheu wenden können.
Überdies appelliert Ghawami an das Auswärtige Amt, nach der Schließung der deutschen Botschaft in Teheran Studentenvisa auch von den deutschen Vertretungen in Pakistan und der Türkei ausstellen zu lassen. Von den Hochschulen erhofft er sich, dass diese die Einschreibefrist für Iraner bis Anfang Mai verlängern und Iranern, die gerade zu Besuch in ihrer Heimat sind, mehr Zeit für die Rückmeldung geben. Niaei, Erster Vorsitzender der Iranischen Studierendenvereinigung Mainz und Wiesbaden, erinnert sich an die große Solidarität, die ukrainischen Studenten in Deutschland nach Beginn des russischen Großangriffs 2022 zuteilgeworden sei: Eine solche Unterstützung, etwa durch Stipendien, wünscht er sich nun auch für seine Landsleute.
Was auch die engagiertesten Helfer den iranischen Studenten nicht nehmen können, ist die Angst vor einer Diktatur, die jetzt um ihr Überleben kämpft. Auch in Deutschland versuchten Anhänger oder Mitarbeiter des Regimes, Oppositionelle einzuschüchtern, sagt Niaei; ihnen werde mit Repressionen gegen ihre Angehörigen gedroht. Der Zahnmediziner gibt zu, um sein Leben zu fürchten, wenn er auf offener Straße demonstriert – er weiß, dass die iranische Regierung nicht davor zurückschreckt, Widersacher im Ausland ermorden zu lassen. Abschrecken lässt er sich davon aber nicht. Auch Arman Falahati gibt sich unerschrocken. „Wenn ich nicht kämpfe – wer kämpft dann?“
Eine Rückkehr nach Iran kommt für beide erst dann infrage, wenn die Mullah-Diktatur gestürzt ist. Sie setzen ihre Hoffnung in Reza Pahlavi, den Sohn des Schahs, dem sie zutrauen, die Nation zu demokratischen Wahlen zu führen. Welche Regierungsform sie wollten, müssten die Menschen selbst entscheiden. Aber selbst wenn es zum ersehnten Wandel kommt, steht für die beiden Studenten nicht fest, dass ihre berufliche Zukunft in Iran liegt. Deutschland sei ihnen schon zu einer „zweiten Heimat“ geworden, sagen beide. Niaei kann sich vorstellen, ein Mittler zwischen beiden Ländern zu werden, den akademischen Austausch zu fördern. „Iran ist stark in Medizin und Zahnmedizin.“ Er wünscht sich, eines Tages bei einem Besuch in seiner Heimat mit deutschen Gästen zusammensitzen und „ein Bier trinken“ zu können. In einem freien, friedlichen Land.
