
Der amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA will laut einem Bericht des Senders CNN kurdische Kämpfer bewaffnen, die in Iran gewaltsam gegen das Regime vorgehen sollen. Die Regierung von Präsident Donald Trump führe dazu Gespräche mit iranischen Exilgruppen im Irak, berichtete CNN am Mittwoch.
Fünf der wichtigsten iranisch-kurdischen Exilparteien haben sich kürzlich zu einem Bündnis zusammengeschlossen. Sie haben ihren Sitz in der Autonomen Region Kurdistan im Nachbarland Irak und betreiben dort seit Jahrzehnten militärische Trainingslager. Die kurdische Regionalregierung gewährt ihnen Rückzugsorte, weshalb Iran immer wieder Ziele dort bombardiert. In den vergangenen Tagen hat Teheran den Beschuss intensiviert.
Trump soll am vergangenen Sonntag, also bereits einen Tag nach dem Beginn des Krieges, mit den Führern der beiden relevanten Fraktionen der Autonomiebehörden im Irak telefoniert haben: mit Masud Barzani und Bafel Talabani. Ihre Unterstützung wäre nötig, um die Grenze für iranisch-kurdische Kämpfer zu öffnen und ihre Bewaffnung und Mobilisierung zu ermöglichen.
Israel hat auch iranische Grenzposten zerstört
Laut CNN soll Trump auch mit dem Vorsitzenden der Demokratischen Partei des Iranischen Kurdistan (DPK-I), Mustafa Hijri, telefoniert haben – einer der fünf Bündnisparteien. Die DPK-I verfügt über eigene bewaffnete Peschmerga-Einheiten.
Israel hat in den vergangenen Tagen etliche iranische Grenzposten entlang der iranisch-irakischen Grenze zerstört. Stützpunkte der Grenzeinheiten sowie der Revolutionsgarde und der Basidsch-Milizen in den gesamten kurdischen Gebieten Irans wurden massiv angegriffen. Das könnte Kämpfern, die aus dem Irak einsickern, Bewegungsfreiheit ermöglichen.
CNN zitiert einen Vertreter des iranisch-kurdischen Bündnisses mit der Aussage, die kurdischen Kämpfer würden „in den kommenden Tagen“ Teil einer „Bodenoffensive“ sein. Der Nahostexperte Walter Posch von der Landesverteidigungsakademie des Österreichischen Bundesheers hält den Begriff „Offensive“ für übertrieben. „Es gibt Anzeichen, dass die kurdischen Gruppen in den Iran einsickern wollen“, sagt Posch, ein ausgewiesener Kenner kurdischer Politik. Er schätzt ihre Zahl auf weniger als 2000 Kräfte.
Posch rechnet damit, dass die Kämpfer versuchen könnten, einzelne Städte oder Dörfer für einige Tage zu halten, um die eigene Flagge zu hissen und eine symbolische Wirkung zu erzielen. „Wenn das gelingt, könnten sich Gruppen der Belutschen im Osten, gewisse Einheiten im Nordosten und andere Gruppen ermächtigt fühlen, in ihren Territorien zuzuschlagen“, sagt er. Die demoralisierende Wirkung auf die iranischen Regimekräfte dürfe man nicht unterschätzen.
Eine Stadt, die nach Einschätzung Poschs eine Rolle spielen könnte, ist Sanandadsch. Sie war schon bei der Frau-Leben-Freiheit-Bewegung von 2022 ein Zentrum des kurdischen Widerstands. In Sanandadsch wurden die iranischen Sicherheitskräfte durch Israel in den vergangenen Tagen laut Posch „fast weggebombt“.
Kurdische Interessen werden in Iran missachtet
Bei vielen Iranern dürfte diese Entwicklung Ängste vor einer Fragmentierung des Landes auslösen. Wenn es bewaffneten Kämpfern gelänge, Teile der kurdischen Gebiete in Iran zu übernehmen, würden sie versuchen, dort eine autonome Region zu etablieren. Nationalisten und Monarchisten rund um den früheren Kronprinzen Reza Pahlavi bezichtigen die kurdischen Gruppen des Separatismus.
„Die Autonomievorstellungen, die sie vertreten, sind nicht mit denen eines Zentralstaats kompatibel“, sagt Posch. Viele Kurden wiederum misstrauen Pahlavi, weil ihre kulturellen Rechte unter Pahlavis Vater vor 1979 genauso missachtet wurden wie später in der Islamischen Republik. Die iranische Opposition habe keine Antworten auf die ethnische und sprachliche Vielfalt des Landes, sagt Posch.
Im Umfeld des amerikanischen und israelischen Militärs gibt es seit Langem eine Denkschule, die eine Bewaffnung der Kurden und anderer Minderheiten propagiert. Bislang war ihr Einfluss aber begrenzt. Jetzt seien solche Ideen offenbar ins Zentrum gerückt, sagt Posch. „Es scheint, dass nicht nur auf das Regime Druck ausgeübt werden soll, sondern auf den Gesamtstaat.“
Posch rechnet damit, dass der iranische Sicherheitsapparat auf eine solche Mobilisierung mit einer „Überreaktion“ reagieren würde. Entweder würden sie zusätzlich Truppen entsenden oder andere Volksgruppen wie schiitische Stämme oder schiitische Aserbaidschaner gegen sie bewaffnen. Das könne einem Bürgerkrieg Vorschub leisten, warnt Posch.
Ein neues kurdisches Selbstbewusstsein
Die Aussicht auf eine Mobilisierung kurdischer Kämpfer mit Unterstützung Amerikas hat auch in der kurdischen Diaspora Hoffnungen geweckt. „Jahrzehntelang haben sie auf so einen Moment gewartet“, sagt Mina Khani, die in Berlin für die Menschenrechtsorganisation Hengaw arbeitet. „Ich kenne Leute, die jetzt aus Deutschland zurückgegangen sind, um zu kämpfen.“ In den kurdischen Gebieten Irans gebe es Zuversicht. „Ich habe meine kurdischen Freunde in Iran noch nie so selbstbewusst erlebt“, sagt Khani.
Anders als die unbewaffnete Mehrheit der iranischen Bevölkerung müssten sie „nicht darauf warten, dass ihr Land für sie befreit wird“. Knapp zehn Prozent der iranischen Bevölkerung sind Kurden. Im Gegensatz zur schiitischen Mehrheitsbevölkerung sind die meisten Kurden Sunniten. Ihre Oppositionsparteien sind säkular ausgerichtet.
Unklar ist, ob die irakisch-kurdische Regionalregierung bereit wäre, einen solchen Plan zu unterstützen. Für die Fraktionsführer Barzani und Talabani wäre das mit erheblichen Risiken verbunden, ihre Beziehungen zu Iran dauerhaft zu vergiften. Sie werden auch nicht vergessen haben, dass Washington die Kurden in Syrien nach jahrelanger amerikanischer Unterstützung fallen gelassen hat, um mit der syrischen Zentralregierung zusammenzuarbeiten.
Eine Bewaffnung der Kurden in Iran wäre auch für die Türkei ein rotes Tuch. Sie müsste fürchten, dass die militante „Arbeiterpartei Kurdistans“ (PKK) versuchen würde, ihren Einfluss in Iran auszubauen, nachdem ihr Einfluss in Syrien nachhaltig zurückgedrängt wurde.
Der türkische Außenminister Hakan Fidan sagte am Dienstag: „Die PKK, wie alle Terrororganisationen, nutzt Schwächen und Spaltungen in den Ländern, in denen sie operiert.“ Mit Blick auf den ins Stocken geratenen Friedensprozess mit der PKK sagte er, Voraussetzung für eine „Türkei ohne Terror“ sei eine „Region ohne Terror“. Das gelte für Syrien, Irak und Iran.
