
Seit dem Angriff Israels und der Vereinigten Staaten von Amerika auf Iran ist der Ölmarkt in Aufruhr, ähnlich wie zuletzt vor fast vier Jahren, als Russland seinen Krieg gegen die komplette Ukraine begann – aber deutlich stärker als seinerzeit.
Um zu verstehen, wie diese wilden Bewegungen der Ölpreise zustande kommen, muss man zunächst die Natur von Rohöl verstehen. Einen einzigen Ölpreis gibt es in Wahrheit nicht, sondern nur die Ölpreise. Das liegt daran, dass Erdöl kurioserweise ein Naturprodukt ist, entstanden aus der Verrottung abgestorbener urzeitlicher Meereskleinstlebewesen wie Plankton oder Algen. Der Natur gemäß ist Erdöl damit ein heterogenes Produkt, von dem es zahllose Sorten gibt, wobei zu ihrer Vielzahl beiträgt, dass viele gehandelte Ölsorten Verschnitte unterschiedlicher Öle sind.
Grundsätzlich sind Ölsorten untereinander austauschbar, der Aufwand für ihre Verarbeitung ist aber unterschiedlich hoch. Die wesentlichsten Unterschiede sind Dichte und Schwefelgehalt. Sogenannte schwere Öle bestehen in größerem Umfang aus langen Kohlenwasserstoffketten und enthalten mehr nicht nutzbare Stoffe wie Harz, die die Verarbeitung aufwendiger machen. Auch ein hoher Schwefelgehalt verteuert die Verarbeitung.
WTI gehört zu den besten Qualitäten
Schwefelarme Sorten werden als „Sweet“ bezeichnet, daher gehört etwa das für den globalen Ölmarkt wichtige amerikanische Öl der Sorte WTI (West Texas Intermediate) als „Light sweet crude“ zu den besten Qualitäten. Auch europäisches Nordseeöl der Sorte Brent ist ein „Light Sweet Crude“ und noch vor WTI die für die Preisbildung auf den Ölmärkten wichtigste Sorte. Weitere wichtige Sorten sind zudem die Nahostsorten Dubai und Oman, die „Medium sour“ und daher von vergleichsweise geringerer Qualität sind.
Die höhere Bedeutung von Brent und WTI geht im Endeffekt darauf zurück, dass für die Preisbildung von Öl die Produktqualität letztlich von geringerer Bedeutung ist als die Kosten des Transports. Dessen Risiken sind weit höher, wie gerade im Zuge des Irankriegs mit den Engpässen in der Straße von Hormus offensichtlich wird. Aber auch in weniger aufregenden Zeiten spielen die Transportkosten die wesentliche Rolle.
Der Prozess des Kaufs von Rohöl in einem Teil der Welt und seine Verschiffung in einen anderen kann einige Monate in Anspruch nehmen. Die Preisrisiken in dieser Zeit sind enorm. Denn auch wenn Ölsorten nicht identisch sind, sind sie wie gesagt weitgehend austauschbar. Das bedeutet, dass das ursprünglich zu einem Preis X etwa in Norwegen eingekaufte Öl womöglich nicht mehr kostendeckend verkauft werden kann, wenn es seinen Bestimmungsort erreicht hat.
Keine festen Preise
Zudem wird Öl normalerweise nicht zu festen Preisen eingekauft, sondern als Auf- oder Abschlag auf den Richtpreis für den Markt. Dabei haben sich die beiden ältesten und liquidesten Märkte, die in den besser entwickelten Finanz- und Warenterminmärkten der westlichen Welt entstanden, als Richtpreise etabliert. Im Prinzip werden deshalb alle globalen Ölsorten mit Auf- und Abschlägen, in erster Linie auf Brent, in zweiter auf WTI gehandelt. Dies geschieht im Wesentlichen deshalb, weil ein hoher Absicherungsbedarf besteht, für den Liquidität eine unerlässliche Voraussetzung ist.
Wenn Ölhändler das räumliche und zeitliche Arbitragerisiko zwischen den Märkten absichern, tun sie dies mit einer Reihe von Derivaten: Terminkontrakte, Swaps (Tauschkontrakte), Differenzterminkontrakte (CFD) und andere mehr. Raffinerien nutzen deshalb für ihre Kaufentscheidungen mathematische Verfahren. Gäbe es dagegen für jede einzelne Ölsorte einen Markt, wäre die Liquidität der jeweiligen Einzelmärkte deutlich geringer. Dies würde Absicherungen teurer machen, wenn nicht sogar unmöglich.
Die Preisbildung von Brent, genauer gesagt Dated Brent, ist immens kompliziert. Dabei kommt den Preisagenturen Argus und S&P Global Commodity Insights (ehemals Platts) eine zentrale Stellung zu. Diese erstellen marktbasierte Preisfeststellungen (sogenannte Assessments) und Referenzwerte für Verträge aus gemeldeten Abschlüssen am Markt, und zwar in der Regel einmal täglich nachmittags. Das Kuriose dabei aber ist, dass diese physischen Preise wiederum als Auf- und Abschläge auf die von den Agenturen ermittelten Preise zustandekommen. Die Umrechnungen ermöglichen wiederum Differenzterminkontrakte, deren Grundlage Preisänderungen sind.
Brent und Dubai sind Handelsmarken
Der Preis für Dubai-Öl (zu dem auch iranisches Öl gehört) bestimmt sich in der Praxis wiederum durch einen Auf- oder Abschlag auf den Preis von Brent. Brent und Dubai sind im Übrigen eher Handelsmarken. Dubai selbst produziert kaum noch Öl, das frühere Brent-Ölfeld ist außer Betrieb. Daher werden nunmehr die aktuellen regionalen Sorten – wieder mit mehr oder weniger hohen Auf- oder Abschlägen – in diese „Marken“ hineinverkauft, was die Preisbildung weiter verkompliziert.
Aufgrund der Arbitrage zwischen den Ölteilmärkten übertragen sich Störungen rasch. Wenn aufgrund der Kriegsfolgen die Transportkosten für Dubai-Öl steigen, lohnt es vor allem für die Hauptabnehmerländer in Asien, Öl in anderen Teilen der Welt zu kaufen. Der Brent-Dubai-Swap-Preis mag dabei zuerst reagieren, mit dem steigenden Preis von Brent fällt er dann wieder zurück. Der Derivatehandel wirkt sich dann auf mehreren Wegen auf die „Assessments“ aus – und über diese auch auf die physischen Preise. Besonders offensichtlich ist dies bei der Berücksichtigung der Preisentwicklung von Differenzterminkontrakten bei Erstellung der „Assessments“.
Kompliziertes System
Zudem ergibt sich dadurch eine Rückkopplung, dass am Derivatmarkt Erwartungen hinsichtlich der künftigen Assessmentwerte gehandelt werden, was wiederum die Preise im physischen Handel beeinflusst, was sich wieder auf die Assessments auswirkt. In einem solch komplizierten System der Preisbestimmung müssen schwerwiegende Veränderungen im Umfeld große Auswirkungen haben. Die Preiserwartungen bestimmen den physischen Preis, der sich auf die Assessments auswirkt, die sich wiederum auf die physischen Preise und die der Derivate auswirken.
Im Grunde sind diese sozusagen öffentlichen Ölpreise wie die meisten Rohstoffpreise also keine echten Marktpreise. Sie basieren auf gemeldeten „sichtbaren“ Abschlüssen und damit vorwiegend auf eher wenigen Transaktionen großer Marktteilnehmer. Die „Ölpreise“ Brent und WTI sind eher Indikatoren für die aktuelle Marktverfassung, die anzeigen, wie sich die Preise und vor allem die Preisrisiken entwickeln.
Trotzdem sind sie als Basis für den Handel unverzichtbar, weil sie diesen im Grunde erst möglich machen. Anderenfalls könnte es sein, dass Länder noch mehr als sonst ihren Ölbedarf mit Gewalt sichern würden, weil niemand sonst das Risiko übernehmen würde. Hier kommen auch spekulative Händler ins Spiel, die gern als rücksichtslose Individuen gesehen werden, die die Preise nach Belieben zulasten ölabhängiger Unternehmen und Verbraucher manipulieren und sich bereichern.
Ganz abgesehen davon, dass der Derivatehandel mit hohen Risiken verbunden ist, stellen „nichtkommerzielle Händler“ Liquidität zur Verfügung, die es kommerziellen Händlern oft erst ermöglicht, Absicherungen zu adäquaten Preisen einzugehen, heißt es etwa von dem von globalen Ölkonzernen geförderten Oxford Institute for Energy Studies.
So lässt sich beobachten, dass in Zeiten geringerer spekulativer Aktivität die Differenz zwischen Angebots- und Nachfragepreisen zunimmt, Absicherung also teurer wird. Der Anteil der nichtkommerziellen Händler im Ölmarkt war zuletzt auch eher gering, weil die Ölindikatoren weniger volatil waren. Dies kann als Indiz dafür gelten, dass die durch etliche Studien belegte Erkenntnis zutrifft: Es sind nicht von Fundamentaldaten gelöste Spekulationen, die die Ölpreise bewegen.
Es ergibt auch keinen Sinn, weil dieses „Cornern“ auf großen und liquiden Märkten auf Dauer nicht funktionieren kann. Vielmehr machen fundamentale Entwicklungen Spekulationen attraktiv. Diese verstärken dann in außergewöhnlichen Marktphasen wie gerade jetzt die Preisbewegungen. Ein nicht perfektes System in einer nicht perfekten Welt, das deutlich macht, dass perfekte Märkte in der Wirklichkeit eben nicht existieren.
