
Eine Familie hat Urlaub in Vietnam gebucht, doch ihr Flug wurde gecancelt: wegen des Kriegs im Mittleren Osten. Ein Bekannter sitzt in Tel Aviv fest und schickt Whatsapp-Nachrichten, schreibt über lange Stunden im Bunker und die „surreale Situation“ in der Stadt. Und in der Frankfurter Innenstadt, auf dem Römerberg, feiern die Anhänger des Schah-Sohns Reza Pahlavi. Stolz tragen sie die alte Iran-Flagge mit dem Löwensymbol. Voller Hoffnung auf einen „Regime Change“ sind sie. Ob der Umbruch gelingen kann? Ob die Freiheit kommt? Oder ein erneutes Blutbad? Wohl niemand kann das derzeit seriös prognostizieren.
Die Welt ist klein, die Welt ist nah. Ganz besonders in einer dermaßen internationalen Stadt wie Frankfurt. Menschen mit Wurzeln in aller Welt leben hier zusammen. Daten-, Verkehrs- und Finanzströme treffen aufeinander, der Flughafen ist ein globales Drehkreuz. Und jeder Konflikt irgendwo auf dem Planeten, jeder Krieg spielt eine Rolle im Alltag der Stadt. Frankfurt lässt es nie kalt, wenn in der Ferne Dramatisches passiert. Weil die Ferne hier so nah ist wie wohl sonst nirgendwo in Deutschland.
Wenn Israel nun den iranischen Staat angreift, dann steigt auch die Angst der Juden und Jüdinnen in der Stadt, dass ihr Gemeindezentrum Ziel von Attacken werden könnte. Wenn die Menschen in Teheran, Isfahan oder Schiras den Aufstand wagen, dann protestieren in Frankfurt nicht nur die Pahlavi-Unterstützer, sondern auch linke Exil-Iraner und sogar die Mullah-Getreuen.
Internationalität ist bereichernd – und anstrengend
Auch der Gazakrieg hat in Frankfurt zu hitzigen Debatten geführt, bei Demonstrationen, auf Schulhöfen, in Kantinen. Die Stadt ist zum Auffangbecken für Tausende geflüchtete Ukrainer geworden. Arbeitsmigranten suchen hier ihr Glück. Die Familie des Oberbürgermeisters stammt aus Syrien, die der Bürgermeisterin aus Iran.
So bereichernd und faszinierend diese Internationalität ist, so anstrengend und kräftezehrend ist sie trotzdem auch. Weil die Weltkonflikte zu städtischen Konflikten werden. Gar nicht so selten hört man deshalb nun jemanden genervt fragen: „Was geht uns all das an?“ Doch es ist müßig, sich darüber allzu lange den Kopf zu zerbrechen. Es hilft nichts, weil es sich sowieso nicht ändern lässt.
Eine freie Gesellschaft kann sich nicht davor drücken, dass in ihr Konflikte ausgetragen werden – ob nun „hausgemacht“ oder „international“. Sie kann aber einiges dafür tun, damit sie nicht eskalieren. Dabei helfen Tugenden, die man wohl auch als „typisch frankfurterisch“ bezeichnen kann: Offenheit, die Bereitschaft zum Dialog, Empathie, aber auch: klare Regeln.
