
Ali Hassanniya sagt, dass er früher für das Regime gearbeitet hat, gegen das er heute demonstriert. Der Iraner steht am Samstagmittag auf dem Wittenbergplatz in Berlin. In einer halben Stunde soll hier eine Demonstration „für das Ende der Islamischen Republik Iran“ beginnen. Hassanniya berichtet, bis 2012 als Sittenpolizist in Iran gearbeitet zu haben.
Er sei dafür zuständig gewesen, in Isfahan die Studenten in Schach zu halten. „Manche Studenten waren aber klug. Ich wollte nicht, dass sie Ärger bekommen“, sagt er. Als nach einer Demonstration 15 Studenten in einen Moscheekeller gesperrt worden seien, habe er behauptet, sie zu einer Polizeistation bringen zu wollen. Ein paar Straßen weiter habe er sie freigelassen. Dies habe ein Soldat beobachtet und seinem Vorgesetzten erzählt. Daraufhin sei er im Gefängnis gelandet. Zwei Jahre später sei er nach Europa geflohen.
Hassanniya wurde zum politischen Aktivisten: Seit Jahren versucht er über soziale Medien, ehemalige Sittenpolizisten in Europa zu vernetzen und für die Bewegung von Reza Pahlavi zu begeistern. Der älteste Sohn des früheren Schahs ist für viele Iraner ein Hoffnungsträger. Hassanniya sagt, von seinen Eltern viel Gutes über die frühere Monarchie gehört zu haben. Er wünscht sich, dass der Sohn des Schahs als König nach Iran zurückkehrt. Einen Widerspruch zu einer Demokratie sieht er darin nicht – ihm schwebt ein Regierungsmodell wie in Schweden oder den Niederlanden vor.
Flagge und Hymne aus der Zeit des Schahs
Damit liegt er auf Linie der „Organisation iranische parlamentarische Monarchie“. Der Verein hat für die Demonstration 1000 Teilnehmer angemeldet. Der Wittenbergplatz füllt sich aber nur langsam: Als die Kundgebung schon eine halbe Stunde läuft, sind erst 120 Leute da. Es handelt sich fast ausschließlich um Menschen mit iranischen Wurzeln. Viele haben noch Angehörige in der Heimat. Außer Hassanniya möchte kaum einer der Demonstranten, mit denen die F.A.Z. an diesem Nachmittag spricht, seinen Namen in der Zeitung lesen. Mehrere Versammlungsteilnehmer sagen, sie hätten bei einer Nennung Angst vor Konsequenzen für ihre Familien.
Trotz dieser allgegenwärtigen Angst vor den Mullahs ist die Stimmung friedlich und ausgelassen. Mehrere Frauen verteilen Süßspeisen, für Heiterkeit sorgt ein Mann im Mullah-Kostüm mit Schweinemaske. Auf einer kleinen Bühne werden Reden gehalten – im Wechsel auf Persisch und Deutsch. Am Bühnenrand sind die Flaggen Deutschlands, Israels, der Vereinigten Staaten und Irans angebracht. Die Iran-Flagge ist mit einem Löwen versehen, wie zu Zeiten des Schahs. Auch die frühere Nationalhymne wird gemeinsam gesungen.
Die Redner danken immer wieder Israel und den USA für ihre Angriffe auf iranische Städte. Eine Rednerin sagt, diese Angriffe seien Teil einer „humanitären Intervention“. Dass die meisten deutschen Völkerrechtler das anders sehen, will sie nicht gelten lassen: „Das Völkerrecht hat uns Iraner seit Jahrzehnten im Stich gelassen“. Etliche Demonstranten halten Israel-Flaggen in den Händen. Auf Plakaten ist auf Englisch „Danke Trump! Danke Bibi!“ zu lesen. Eine Demonstrantin sagt der F.A.Z., sie habe in den vergangenen Tagen mehrere Nachrichten von ihrer Familie aus Teheran erhalten. Ihre Verwandten seien „dankbar für jede Bombe“.
Die Opposition ist geteilt
Das sehen nicht alle Iraner so. Neben den Monarchisten gibt es weitere Oppositionsbewegungen, die in Deutschland aktiv sind: Der „Nationale Widerstandsrat Iran“ wirbt ebenfalls für ein Ende des Mullah-Regimes, lehnt aber „ausländische Einmischung“ ab. Ebenfalls am Samstag veranstaltete diese Gruppe eine Demonstration in Hamburg. Es kommen rund 1000 Teilnehmer. So viele werden es in Berlin bei den Monarchisten nicht, auch wenn noch Menschen hinzukommen, als die Demonstration weiter Richtung Adenauerplatz zieht. Eine Polizeisprecherin sagt am Abend, es sei bei einer Teilnehmerzahl im „unteren dreistelligen Bereich“ geblieben.
Der „Nationale Widerstandsrat Iran“ ist unter den Berliner Demonstranten recht unbekannt. Jene, die mit dem Namen etwas anfangen können, machen sich über die Gruppe lustig: Sie sei eine typische Exilgruppe, ohne Verwurzelung in Iran, ist zu hören. Für diese Sicht spricht, dass der „Nationale Widerstandsrat Iran“ der „Organisation der Volksmudschahedin Irans“ nahesteht. Europäische Beobachter werfen dieser 1965 gegründeten, ursprünglich marxistischen Gruppe sektenartige Strukturen vor. Im Gegensatz zu den Demonstranten in Berlin stand sie stets in Opposition zum Schah.
Der Leiter der Versammlung auf dem Wittenbergplatz, Nikik Jafarzahdeh, ist aber auch auf eine andere Oppositionsbewegung nicht gut zu sprechen: Die „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung. Sie sei „Vergangenheit“, sagt er. Die Bewegung war im Herbst 2022 nach dem Tod der iranischen Kurdin Jina Mahsa Amini nach einem Einsatz der Sittenpolizei entstanden.
Ihre Vertreter treten für feministische Positionen ein, sind aber weniger straff organisiert als die traditionelle Opposition. Ein Teil der Bewegung steht kurdischen Gruppen nahe, die Sympathien für eine Abspaltung kurdischer Gebiete von Iran nach einem Regimewechsel haben. Auf der Bühne der Berliner Monarchisten wird hingegen hervorgehoben, dass die „territoriale Integrität unseres Heimatlandes unverrückbar“ sei.
Für Jafarzahdeh sind zudem die fehlenden Strukturen von „Frau, Leben, Freiheit“ ein Problem: Ein Regimewechsel in Iran sei nur mit einer Gallionsfigur realistisch. Dafür komme nur Rezah Palavi in Betracht. Bei den Anhängern von „Frau, Leben, Freiheit“ handele es sich um „Linke mit Maske“. Jafarzahdeh trägt während der Versammlung auf dem Wittenbergplatz eine Mütze. „Make Iran great again“ ist darauf zu lesen.
