Die Zukunft der Winterspiele tritt in die Pedale. „Hundertprozentig“, sagt David Lappartient, Präsident der Union Cycliste Internationale (UCI), des internationalen Radsport-Verbands. Hundertprozentig werde Mathieu van der Poel in die französischen Alpen kommen, wenn dort bei den Winterspielen 2030 ein Rennen für Querfeldeinfahrer stattfindet, eine olympische Premiere des Cyclocross bei Winterspielen.
So stellt sich Lappartient das vor. Den Organisatoren der Spiele liegt ein entsprechender Antrag vor.
Es läuft mit Buzzworten und Powerpoint-Folien
In Mailand auf der 145. Session des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hatte der Österreicher Karl Stoss am Mittwoch präsentiert, wie die von ihm angeführte „Olympic Programme Working Group“ an dem Thema arbeitet, das IOC-Präsidentin Kirsty Coventry so oft erwähnt wie kein anderes: „Fit for future“, „fit für die Zukunft“. So etwas läuft mit Buzzworten und Powerpoint-Folien.
Der Vorarlberger Stoss, einst Generaldirektor der Casino Austria AG, ist Fachmann für Auftritte dieser Art. Er sprach das Verhältnis von Kosten und Einnahmen an, erläuterte, dass ein „dynamischer Überprüfungsprozess“ definiert werde, Evaluationskriterien entwickelt werden müssten und auch ein „potentielles Sommer-Winter-Crossover“ diskutiert werden müsse.
Was bei Stoss vage genug klang, um alle Möglichkeiten offenzuhalten, macht Lappartient konkreter: „Cyclocross war immer schon eine Winterdisziplin. Von November bis Februar. Wenn die französischen Veranstalter das wollen, das IOC zustimmt, gehört es in die Winterspiele. Allerdings: Ein Präsident eines Weltverbands schiebt seine Sportarten immer an, als IOC-Mitglied muss ich schauen, ob es gut für die Spiele ist.“
Dankenswerterweise führt das IOC-Mitglied Lappartient die Überprüfung des UCI-Präsidenten Lappartient live durch, eine nicht bei allen IOC-Mitgliedern gepflegte Transparenz-Übung.
Werbung für Cyclocross: „Das sind Fußballverhältnisse“
Ergebnis: gleich zwei Gründe, warum Fahrradrennen durch Schlamm und Matsch hervorragend zu Winterspielen passen. „Erstens: Wir haben Stars, Mathieu van der Poel und Pauline Ferrand-Prévot.“ Redaktioneller Einschub: Dass Lappartient die Siegerin der Tour de France der Frauen nennt, ist smart. Mit Geschlechtergerechtigkeit punktet man doppelt bei der IOC-Präsidentin. „Zweitens: Die Wirtschaft im Cyclocross ist ziemlich gut.“
Er sei gerade in den Niederlanden gewesen, bei van der Poels achtem WM-Sieg: „Allein am Sonntag 40.000 verkaufte Eintrittskarten, 4500 VIP-Tickets.“ Das sind Fußballverhältnisse. Es gibt kaum Wintersportarten, die mithalten können.

Das IOC hat in den vergangenen Jahren drei japanische Großsponsoren verloren (Toyota, Bridgestone, Panasonic), das schlägt sich auch im jüngsten Finanzbericht nieder: 560 Millionen Dollar (etwa 474 Millionen Euro) Einnahmen aus dem TOP-Programm. Ein Jahr zuvor waren es 871,5 Millionen Dollar (737,7 Millionen Euro).
Und während die Suche nach neuen Sponsoren läuft, können Zuschauermagneten nicht schaden. „Wie können wir die Kosten und die Komplexität der Spiele im Griff behalten?“, sei eine wesentliche Frage, sagt Karl Stoss. „Und wie können wir die Komplexität auch reduzieren? Darum haben einige Verbände auch Fragezeichen. Wir müssen innovativ denken, wir können nicht immer nur auf dem beharren, was wir bisher getan haben.“
Sebastian Coe will den Crosslauf ins Programm heben
Seine Kommission sei damit beschäftigt, Kriterien zu definieren, die das Programm der Winterspiele sortieren. „Zum Beispiel natürlich die Visibility: Wie werden Sportarten wahrgenommen von den Zuschauern, von den Einschaltquoten, von den Social-Media-Beiträgen?“ Der sich schnell wandelnde Medienkonsum beschäftigt die Branche, manche Wintersportdisziplin schneide zu medioker ab.
„Ich glaube nicht, dass man immer für alle Darling sein kann“, sagt Stoss: „Wir müssen Einschränkungen treffen, wenn wir unseren Grundsätzen treu bleiben wollen.“ Die Konturen des Wandels zeichnen sich ab, der Klimawandel treibt sie voran.
Sebastian Coe, Präsident der Leichtathleten, von World Athletics, möchte den Crosslauf im Programm der Winterspiele sehen, tritt aber derzeit weit weniger prononciert als Lappartient auf. Er sei sich sicher, dass Kirsty Coventry, der er wie Lappartient bei der Wahl der IOC-Führung im März 2025 unterlegen war, das gleiche Ziel verfolgt, heißt es.
Coes Argument: Die besten Crossläufer der Welt kommen aus Afrika. Die Winterspiele würden auf einmal eine globalere Angelegenheit. Lappartient wiederum kann sich die Offensive leisten, die Winterspiele kommen nach Frankreich, er war eineinhalb Jahre lang Präsident des Nationalen Olympischen Komitees und für die kommende Ausgabe zuständig.
Entsprechend strampelt er für die Radfahrer im Winter. Winterspiele, sagt er wie Stoss, dürften ihre Identität nicht verlieren. Schnee und Eis sollten zentral bleiben, Hallensportarten wie Handball und Basketball im Sommerprogramm bleiben, zumal beide die Komplexität von Winterspielen steigern würden.
Was aber Identität künftig bedeuten kann, wird schon deutlich. Für die Eisschnellläufer baut Frankreich keine Halle bei den Spielen 2030. Zu teuer. Derzeit wird mit den Niederländern und Italienern über eine Austragung im Exil in Friesland oder in Turin verhandelt. Beim Besuch der Cyclocross-WM habe er schon mit dem niederländischen König über das Thema gesprochen, neben dem Querfeldeinfahren sei ja „der Eisschnelllauf auch auf eine Art in der DNA“ der Niederländer.
Ist er sich sicher, dass ein künftiger Präsident der Republik nach Emmanuel Macron nicht auf einer Eisbahn im Hexagon bestehen könnte, wie es Giorgia Meloni in Rom in Sachen Bobbahn in Cortina tat? „Haben Sie sich mal die finanzielle Lage in Frankreich angesehen?“, fragt Lappartient zurück.
Nach 2027 werde die Zeit zu knapp für einen Neubau: „Ich habe mit Präsident Macron gesprochen, ob der Eisschnelllauf auch im Ausland laufen kann. Die Antwort war: Ja.“ Erderwärmung? Auf manche Traditionssportart des Winters kommen frostige Zeiten zu.
