Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, warnt angesichts des Irankriegs vor der womöglich schwersten Energiekrise seit Jahrzehnten. Während der zwei aufeinanderfolgenden Ölkrisen in den Siebzigerjahren habe die Welt “jeweils etwa fünf Millionen Barrel Erdöl pro Tag verloren”, sagte Birol im australischen Sydney. “Bis heute haben wir elf Millionen Barrel pro Tag verloren, also mehr als zwei große Ölschocks zusammengenommen”.
Birol sprach außerdem angesichts der Blockade der für den weltweiten Seehandel wichtigen Straße von Hormus von einer “großen Bedrohung” für die Weltwirtschaft. “Kein Land wird von den Auswirkungen dieser Krise verschont bleiben, wenn sie sich weiter in diese Richtung entwickelt”, sagte er. Daher seien globale Anstrengungen erforderlich. “Ich hoffe sehr, dass dieses Problem so bald wie möglich gelöst wird.”
Seit Beginn des Irankrieges am 28. Februar ist die von den iranischen Revolutionsgarden kontrollierte Straße von Hormus, durch die rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggastransports passiert, faktisch gesperrt. Die Blockade sowie auch iranische Angriffe auf Öl- und Gasanlagen in der Golfregion ließen die Öl- und Gaspreise in die Höhe schnellen.
Als Reaktion auf die Preissteigerungen beschloss die IEA Mitte März, 426 Millionen Barrel Öl ihrer Notvorräte freizugeben. Es ist die sechste Freigabe strategischer Reserven in der Geschichte der vor mehr als 50 Jahren gegründeten IEA und die bislang größte. Die IEA erwägt wegen des Irankriegs bereits die Freigabe weiterer Ölreserven. Man berate sich dazu mit Regierungen in Asien und Europa, sagt Birol. “Falls nötig, werden wir das natürlich tun.”
Börsen in Asien geben nach
Die Börsen in Asien starteten nach dem Ultimatum von US-Präsident Donald Trump an die iranische Führung zur Straße von Hormus deutlich im Minus. Japans Leitindex Nikkei 225 rutschte zur Eröffnung zeitweise um knapp fünf Prozent ab. Südkoreas Leitindex Kospi begann die Woche ebenfalls mit rund fünf Prozent im Minus. In der chinesischen Sonderverwaltungsregion Hongkong sank der Index Hang Seng um etwa 2,8 Prozent, während in China der CSI-300-Index, der die wichtigsten Aktien auf dem Festland abbildet, zum Start zeitweise 1,4 Prozent nachgab.
Auch auf den Ölpreis haben die Entwicklungen im Irankrieg starke Auswirkungen. Der Preis für Rohöl der für Europa maßgeblichen Nordsee-Sorte Brent pendelte weiter deutlich über der Marke von 100 US-Dollar und lag bei etwa 112 US-Dollar pro Fass (159 Liter) – das sind mehr als 50 Prozent mehr als vor Beginn der US-israelischen Angriffe auf den Iran.
Vergangene Ölkrisen dauerten Monate
“Der Krieg könnte noch viele Wochen andauern und die Ölpreise auf etwa 150 US-Dollar pro Barrel steigen lassen”, sagte Shane Oliver, Leiter der Anlagestrategie beim Fondsmanager AMP der Nachrichtenagentur Reuters. “Und die anhaltende Zerstörung der Energieinfrastruktur bedeutet, dass es länger dauern wird, bis sich die Versorgung wieder normalisiert.”
Vergangene Ölkrisen zogen sich Oliver zufolge über viele Monate hin, was den Anstieg der Ölpreise betrifft, da die vollen Auswirkungen erst nach und nach deutlich wurden. 1973 dauerte es demnach etwa vier Monate und 1979 ein Jahr.”
USA und Iran drohen sich gegenseitig
Die USA und der Iran überziehen sich gegenseitig mit immer heftigeren Drohungen. Das iranische Militär hat angesichts möglicher US-Angriffe auf Kraftwerke im Iran mit einer langfristigen Blockade der Straße von Hormus gedroht. Zudem würden Kraftwerke sowie die Energie- und Kommunikationsinfrastruktur in Israel zum Ziel, ebenso Kraftwerke in Golfstaaten, in denen sich US-Stützpunkte befinden, und Unternehmen mit US-Anteilseignern. Die iranische Armee hatte zuvor bereits mit Attacken auf Entsalzungsanlagen in der Region gedroht.
US-Präsident Donald Trump hatte dem Iran am Samstag ein Ultimatum gestellt. Sollte der Iran die Straße von Hormus nicht binnen 48 Stunden wieder für den Schiffsverkehr freigeben, “werden die USA seine verschiedenen Kraftwerke angreifen und zerstören”, sagte Trump. Die Frist läuft am Dienstag um 01.44 Uhr MEZ ab.
