Mitten im Zentrum der französischen Politik trifft sich an diesem Wochenende die Neue Rechte Europas. Hier veranstaltet das Institut Iliade sein 13. Kolloquium. Diese zentrale Organisation der europäischen Rechten residiert im Maison de la Chimie in Paris, nur wenige Gehminuten von der französischen Nationalversammlung entfernt. Das Institut Iliade konzentriere sich auf die Schulung junger Menschen, sagt Politikwissenschaftler Jean-Yves Camus. Pro Jahrgang betreffe das rund 20
Personen im Alter zwischen 21 und 39. Sie sollen lernen, Europas Zivilisation vor einer angeblichen Bedrohung durch Migration zu schützen.
“Es ist die wichtigste öffentliche Veranstaltung des
Instituts”, sagt Camus. Der Politikwissenschaftler arbeitet bei der
Beobachtungsstelle für politische Radikalisierung der Fondation Jean-Jaurès in
Paris. Seiner Einschätzung nach nehmen mehr als 1.000 Personen an der
Konferenz teil. Die meisten kommen aus Frankreich, hinzu kommen Verlage,
Aktivisten und Parteien aus ganz Europa. Aus Deutschland reisten zur letzten
Konferenz unter anderem der AfD-Bundestagsabgeordnete Torben Braga,
das rechtsextreme Compact-Magazin,
Aktivistinnen der Gruppe Lukreta sowie der neurechte Jungeuropa Verlag, der offizielle
Partner des Instituts. Sie alle sind aus der rechten bis rechtsextremen Szene bekannt.
Institut propagiert Erzählung vom “Bevölkerungsaustausch”
Das Institut Iliade wurde 2014 im Andenken an Dominique
Venner gegründet, einen bekannten Vertreter der französischen Neuen Rechten, der Nouvelle Droite.
Venner nahm sich im Jahr zuvor in der Kathedrale Notre-Dame das Leben. In
seinem Abschiedsbrief schrieb er, er lehne sich gegen das “Verbrechen, das unsere Völker durch andere
ersetzen will”, und opfere den Rest seines Lebens als “Protest und Aufruf zu
einem Neubeginn”. Damit spielte Venner auf den sogenannten “Großen Austausch” an: Dieser rechtsextremen Verschwörungserzählung zufolge wird die “autochthone” Bevölkerung Europas, also diejenigen, die in den Augen der Rechten zuerst da waren und deswegen ein Anrecht auf das Land hätten, gezielt durch Migranten ersetzt.
Venner hatte in den Sechzigerjahren mit
dem Ziel einer rechten Kulturrevolution die Gruppe GRECE gegründet (Groupement de recherche et
d’études pour la civilisation européenne), die Vorgängerorganisation des Instituts Iliade. Die letzten bekannten Aktivitäten von GRECE liegen Jahre
zurück. An seine Stelle als zentrale Institution der Neuen Rechten ist das
Iliade getreten. Es will eigenen Angaben zufolge das
geistige Erbe Venners fortführen und die europäische Zivilisation vor dem Szenario des “Großen Austauschs” bewahren. Dafür veröffentlicht es eigene Publikationen, organisiert sein jährliches
Kolloquium in Paris und bietet
staatlich nicht anerkannte Ausbildungen an.
Ziel ist die rechte Kulturrevolution
Die Relevanz dieses Ausbildungsprogramms des Instituts Iliade hebt auch Cornelia Ruhe von der Universität Mannheim hervor. Sie forscht mit ihrem Kollegen Thomas Wortmann zu Bildungsstrategien der Neuen Rechten in Deutschland und Frankreich. Im Rahmen der sogenannten Promotions werden Ruhe zufolge den
Teilnehmenden in Workshops und Seminaren neben weltanschaulichen auch
strategische Grundlagen vermittelt, etwa im Hinblick auf die Organisation von
Kampagnen. “Das Ganze ist mit dem Nimbus versehen, die europäische Zivilisation
vor angeblichen Bedrohungen zu retten – von der Migration bis hin zu
Verfallserscheinungen, die man der französischen Regierung zuschreibt”, sagt Ruhe.
Mit seiner Arbeit knüpft das Iliade an die Tradition der
Neuen Rechten in Frankreich an, deren Ursprung in den Sechzigerjahren liegt. Damals prägten Anhänger der Neuen Rechten die Idee der Metapolitik, die für Institutionen
wie das Iliade noch heute grundlegend ist: In Anlehnung an das Konzept der
kulturellen Hegemonie des italienischen Kommunisten Antonio Gramsci wird politische
Macht demnach im außerparlamentarischen, kulturellen Raum erlangt. Und das ist ihr Ziel.
