Die Mitarbeiter der „Washington Post“ fanden am Mittwochmorgen eine Nachricht des Chefredakteurs Matt Murray und des Personalchefs Wayne Connell in ihrem Postfach: Sie sollten zu Hause bleiben und sich um halb neun in einen Zoom-Call schalten. „Bedeutende Maßnahmen im gesamten Unternehmen“ würden verkündet, teilten die Chefs mit. Welche „Maßnahmen“ gemeint waren, konnten sich die Mitarbeiter denken: Die „Washington Post“ baut mehrere Hundert Stellen ab, von bis zu 300 Entlassungen ist in Berichten von CNN und der „New York Times“ die Rede. In der Redaktion trifft es vor allem die Auslandsberichterstattung, das Lokale, die Literatur und den Sport.
Die Sport- und die Literaturredaktion sollen demnach fast komplett schließen, der Reporter-Podcast wird eingestellt, das Metro-Desk, das für die lokale Berichterstattung aus Washington, Maryland und Virginia zuständig ist, wird umstrukturiert, bei den Auslandsbüros gibt es massive Kürzungen.
Der Slogan „Save the Post“ verhallte ungehört
Damit bestätigen sich die Befürchtungen, die Mitarbeiter und Kollegen anderer Medien seit ein paar Tagen im Netz unter dem Slogan „Save the Post“ geäußert hatten. Die „White House Correspondents“ des Blattes hatten sich mit einem Brief an den Zeitungseigner und Amazon-Gründer Jeff Bezos gewendet, in dem sie vor Kürzungen warnten, die die journalistische Schlagkraft der „Post“ nachhaltig schwächten. Die Reporter, die für die Zeitung über das Weiße Haus und die Regierung Trump berichten, sind von den Kürzungen nicht betroffen – umso stärker sollte ihr Signal der Solidarität erscheinen. Die verschiedenen Ressorts der Redaktion, schrieben die White House Correspondents, wie man auf dem Portal Semafor nachlesen kann, griffen ineinander, das journalistische Gefüge wirke nur als Ganzes.
Korrespondenten und Reporter aus aller Welt hatten auf Social Media ebenfalls ihre Besorgnis mitgeteilt. Wie begründet diese war, sieht man jetzt. Ressorts, die der Herausgeber und CEO der „Post“, William Lewis, nicht zum Kerngeschäft zählt, stehen vor dem Abbau: Ausland, Sport, Literatur, Lokales. Konzentrieren will sich Lewis Berichten zufolge auf Politik und Themen aus den USA. Wie die „Post“ kürzertritt, hatte sich schon vor ein paar Tagen bemerkbar gemacht. Da hatte ein Dutzend Redakteure kurzfristig die Mitteilung erhalten, dass es für die Olympischen Winterspiele in Italien die Koffer nicht packen müsse, man verzichte auf das bislang übliche Reporterteam vor Ort.

Die prekäre Lage der „Post“ muss sich der Eigentümer Jeff Bezos selbst ankreiden lassen. Als er die Zeitung im Jahr 2013 für bescheidene 250 Millionen Dollar erwarb, trat er als Retter auf. Den pathetischen Leitspruch der „Post“ – „Democracy Dies in Darkness“ (die Demokratie stirbt in der Dunkelheit) – zitierte er gerne und behauptete, „die Werte der ,Post‘“ blieben unangetastet. Bezos investierte, stellte neue Leute ein, vor allem in technischen und Onlinedepartments, um die Stellung des Blattes in der digitalen Welt zu stärken. Auf die Redaktionslinie nahm er zunächst keinen Einfluss.
Das änderte sich radikal, als der Amazon-Magnat, wie andere Tech-Tycoons auch, seine Woke-Verkleidung ablegte und sich zunehmend in Trumps MAGA-Lager schlug. Bei der Präsidentenwahl 2024 verhinderte er, dass die „Washington Post“ ihre übliche Wahlempfehlung abgab – die für die demokratische Kandidatin Kamala Harris ausgefallen wäre. Im Februar 2025 verkündete Bezos schließlich, dass die Meinungsseite einer neuen Leitlinie folge. Sie orientiere sich fortan an den „Säulen“ von „persönlicher Freiheit und freien Märkten“. Im Klartext sollte das heißen: Seid nett zu Donald Trump.
Für Bezos’ Digitalgeschäfte mit der US-Regierung mag das nützlich sein, für die „Washington Post“ ist es tödlich. 250.000 Abonnenten soll die Zeitung seit Bezos’ MAGA-Schwenk verloren haben, die Zahl der Print-Zeitungsbezieher soll inzwischen bei rund 100.000 liegen, die der Onlinekunden bei – beachtlichen – 2,5 Millionen. Vor Bezos’ MAGA-Wende waren es jedoch noch rund drei Millionen. 100 Millionen Dollar Verlust soll die „Post“ im Jahr 2023 gemacht haben. Den Preis für das Debakel, das Jeff Bezos angerichtet hat, müssen nun die Mitarbeiter bezahlen. Um die „Post“ wird es dunkler.
