Eine Theaterpremiere in Ankara. Derya ist die Hauptdarstellerin, ihr Ehemann, Aziz, ist der Autor des Stücks. Im Publikum, umgeben von Leibwächtern, sitzt der Gouverneur der Region, er will sich mit Derya fotografieren lassen, aber sie flieht in ihre Garderobe, während ihr Mann im Foyer das Lob seiner Freunde entgegennimmt. Dann sitzt das Paar im Taxi nach Hause, und Derya empört sich über den Provinzbonzen: Sein Handy habe während der Vorstellung dreimal geklingelt!
Der nächste Tag. Vor dem Universitätsgebäude, in dem Aziz lehrt, findet eine Demonstration statt, man sieht Polizisten, Regenbogenfahnen und ein Transparent „Stop the War“. Im Seminar stellt Aziz seinen Studenten frei, den Raum zu verlassen: „Wenn ihr das Theater unseres Staates nicht live erlebt habt, kann ich euch nichts über Dramaturgie erzählen.“ Einige ziehen es vor, zu bleiben. Aziz schweigt.
„Wir wurden von oben verwarnt“, sagt die Theaterleitung
Am Nachmittag. Als Derya mit ihrer Tochter nach Hause kommt, ist ihre Wohnung ein Wespennest. Aziz hat alle seine Uni-Kollegen eingeladen: Jeder hat einen gelben Brief bekommen, der seine Suspendierung verkündet. Man beschließt, sich zu organisieren, Widerstand zu leisten, aber als Aziz nach schlafloser Nacht in sein Büro kommt, ist sein Computer gesperrt, das Passwort ungültig. Und Derya erfährt im Theater, dass es Ärger gebe: „Wir wurden von oben verwarnt.“ Das Stück, in dem sie auftritt, wird abgesetzt.
Wenn ein Land seine Freiheit verliert, geschieht das nicht mit einem Blitzschlag, sondern Zug um Zug, wie ein Gitter, das sich schließt. Aber bei jenen, die von der Freiheit des Denkens und Redens leben, passiert es über Nacht. Am Tag nach der Suspendierung von Aziz steht sein Vermieter vor der Tür: Die Polizei hat alle Wohnungen durchsucht. Einen Tag später bekommt auch Derya einen gelben Brief: „Ihr Kündigung wurde angenommen.“ Sie erhält Hausverbot, die Theaterkollegen spielen weiter. Der Bankkredit des arbeitslosen Künstlerpaars steht auf der Kippe, der Prozess gegen Aziz wegen Beleidigung des Präsidenten findet erst in paar Monaten statt, ein Umzug wird unvermeidlich. Nächste Station: Istanbul.
„Löschen Sie Ihre alten Posts.“ – „Welche?“ – „Die politischen.“
Das Private sei politisch, heißt es oft, wenn von gesellschaftlichen Entwicklungen die Rede ist. In İlker Çataks Film „Gelbe Briefe“ wird das Politische privat. Wir sehen, wie ein Leben im Zeitraffer zusammenbricht, eine bequeme Existenz mit Büchern, Bildern, Altbauwohnung, Gitarrenunterricht für die Tochter. Aziz und Derya müssen bei der Schwiegermutter am Bosporus unterkriechen, das Taxi, in dem die beiden am Anfang gefahren sind, lenkt er jetzt selbst, um ein paar Lira zu verdienen, während sie mit der Agentin, der sie sonst die kalte Schulter gezeigt hätte, über Fernsehrollen spricht. Um ihre Chancen zu erhöhen, sagt die Agentin, müsse Derya ihre alten Social-Media-Posts löschen. „Welche?“ – „Die politischen.“
Wir sind, natürlich, könnte man denken, in der Türkei. Das alles passiert nicht bei uns, sondern im Reich Erdoğans, vor den Toren Europas. Aber Çataks Film hat eine andere Idee. „Berlin als Ankara“ lesen wir zu Beginn in einer Einblendung, und später in einem weiteren Insert „Hamburg als Istanbul“. Dazu die Wahrzeichen der beiden Städte, Fernsehturm, Brandenburger Tor, Landungsbrücken, Elbphilharmonie. Die Geschichte von Aziz und Derya wurde also in Deutschland gedreht, die hiesige Wirklichkeit dient als Double für die türkische. Das hätte in einem anderen Film, bei einem anderen Regisseur furchtbar schiefgehen können, auf touristische oder auf verkopfte, theatralisch-brechtianische Weise. Aber bei Çatak funktioniert es, und man fragt sich, warum.

Es liegt an seinem Blick. Und an dem seiner Kamerafrau Judith Kaufmann. Die beiden haben sich verschworen, den Verfremdungseffekt ihres deutsch-türkischen Storytellings gerade nicht hervorzuheben, sondern ganz selbstverständlich mitlaufen zu lassen. Dabei kam ihnen die Alltäglichkeit türkischen Lebens in Deutschland entgegen: In Hamburg muss man für eine Szene, die beim Freitagsgebet spielt, eben nicht lange suchen, und türkische Ladengeschäfte gibt es hier überall.
Aber das, was Kaufmann mit der Kamera gelingt, ist dennoch mehr als professionell. Weil sie kein Türkisch konnte, lernte sie, wie sie sagt, sich auf die Stimmung und die Gesten der Hauptdarsteller Özgü Namal und Tansu Biçer einzulassen. So kommt es, dass wir in jeder Szene mit Derya und Aziz nicht nur bei ihnen, sondern ein Stück weit in ihnen sind – in ihren Gefühlen, ihren Ängsten, ihrer Wut. Die Unruhe, mit der sie sich durch die enge Wohnung der Schwiegermutter bewegen, überträgt sich auf die Bilder, und die Wehmut, die sie auf der Fähre am Goldenen Horn (hier: die Elbe) befällt, spiegelt sich im Geschaukel der nächtlichen Wellen. Auf dem Polizeirevier, wo die beiden eine Vermisstenanzeige für ihre verschwundene Tochter aufgeben wollen, filmt Kaufmann mit Handkamera, während sie die Gerichtsverhandlung gegen Aziz und die Proben zu seinem neuen Stück, das auf einer Kleinstbühne aufgeführt wird, in kühlen, starren Einstellungen einfängt. So wird der Film für seine Helden zur zweiten Haut.
Jede der Hauptfiguren hat auf ihre eigene Weise recht
Eine existenzielle Krise bringt bei jenen, die sie durchleben, das Beste wie das Schlechteste zum Vorschein. So auch hier: Derya wirft vor der Aussicht, mit einer Fernsehserie ihre Karriere zu retten, ihre moralischen Grundsätze über Bord, und Aziz wird unter dem doppelten Druck, die Familie zu ernähren und dem Justizapparats zu trotzen, zu dem Haustyrannen, der er womöglich immer war. Aber zugleich haben beide auf tiefe Weise recht: der Autor, indem er die Reinheit seiner Kunst, die Schauspielerin, indem sie ihre ökonomische Unabhängigkeit verteidigt. Dies ist eben nicht „Szenen einer Ehe“ – obwohl Özgü Namal und Tansu Biçer den Darstellern Ingmar Bergmans in nichts nachstehen –, sondern eine Geschichte über das, worum es im Leben wirklich geht: die Kraft, zu den eigenen Prinzipien zu stehen, notfalls um den Preis des Ruhms, des Wohlstands und sogar der Heimat.
Familiengeschichten, das ist offenbar eine feste Verabredung im deutschen Film, dürfen hierzulande nicht politisch sein, sie müssen süßsauer daherkommen wie „Ach, diese Lücke . . .“, zwanghaft witzig wie „Willkommen bei den Hartmanns“ oder historisch wie „In die Sonne schauen“. İlker Çatak hat mit dieser ungeschriebenen Regel gebrochen und für „Gelbe Briefe“ den ersten Goldenen Bären für eine deutsche Produktion seit mehr als zwanzig Jahren gewonnen. Sein Film zeigt, was alles geht, wenn man bereit ist, weiter zu gehen als üblich. Man muss nur lernen, die deutsche Wirklichkeit neu zu entdecken: mit dem Blick aus Istanbul, dem Blick aus Ankara oder von anderswoher. Mit den Augen der Welt.
