Berthold Faust war immer vorne – als Jazzmusiker, als Werbegrafiker und als Naturschützer. „Sehr begabt, eine starke Persönlichkeit, viel Humor“: Das fällt seiner Tochter Anne-Madeleine Plum als Erstes ein, wenn sie an ihren Vater denkt. Plum lebt bis heute im hessischen Hofheim, und zusammen mit dem Historischen Arbeitskreis möchte sie zu seinem zehnten Todestag eine Biographie herausgeben, die mehr ist als die Erzählung eines Künstlerlebens. Sie blickt auch in die Stadtgeschichte, auf Hofheim als wichtige Außenstelle der Frankfurter Jazzszene, die Werbewelt der Sechzigerjahre und den Beginn der Naturschutzbewegung. Auf allen Gebieten gehörte Faust zu den Protagonisten.
Faust wurde im Jahr 1935 geboren. Als Kind war er häufig krank und vertrieb sich die Zeit damit, die Vögel zu zeichnen, die auf seinem Fensterbrett landeten. Er nahm Zeichenunterricht und hätte wohl gerne Kunst studiert. Gegen seinen Willen absolvierte er zunächst eine Ausbildung zum Schriftsetzer, stürzte sich aber bald in die damals recht wilde Jazzszene.

Er gründete den Hofheimer Jazz-Club, der bis heute besteht und als Institution hohes Renommee genießt, spielte Posaune und Bass. Ende der Fünfzigerjahre trieb er sich im Café Staab herum, das damals als veritables Künstlercafé galt, nicht zuletzt dank der Galeristin Hannah Bekker vom Rath, der Stütze der lokalen Avantgarde.
Das Musikerleben endete mit einer Magenoperation. Faust entschied, auch wegen der mittlerweile drei Kinder, sich auf seine Karriere als Werbegrafiker zu konzentrieren. Die Musik trat in den Hintergrund, stattdessen verfolgte er stärker seine Karriere als bildender Künstler. Er malte die Fachwerkhäuser der Hofheimer Altstadt und wurde dafür vielfach belächelt, denn Denkmalschutz genoss in den späten Fünfzigerjahren kaum Ansehen. Auch die Landschaften des Taunus hielt er in Öl fest.

Nachts besuchte er den Künstler Ludwig Meidner, der in ärmlichen Verhältnissen im Hofheimer Stadtteil Marxheim lebte. „Es kamen immer Leute, die Meidner besuchen wollten und dann meistens von ihm gemalt werden wollten. Wir, das waren Ludwig Meidner, Jörg von Kitta-Kittel und ich, setzten uns um diesen Besuch herum und fingen an zu porträtieren“, so beschreibt es Berthold Faust selbst.
Tagsüber machte er Karriere in den Agenturen. Er entwarf die ikonische Capri-Sonne-Verpackung, auch Mobil Oil und Colgate gehörten zu seinen Kunden. Er stieg bis zum Creative Director auf in einer Welt, die man sich als hessische Variante der „Mad Men“ aus der gleichnamigen Serie vorstellen kann.

Nachts malen, tagsüber Werbewelt, drei Kinder und das Ganze mit halbem Magen: Es war nur eine Frage der Zeit, bis Berthold Faust ausstieg. In den Siebzigerjahren wandte er sich verstärkt dem Naturschutz zu. Von 1977 an zeichnete er für die Fernsehzeitschrift „Hörzu“, damals mit Millionenauflage, die Serie „Rettet die Vögel“. Es folgte eine weitere Serie mit Wildtieren, dann mit Hunderassen.
Faust war nun in ganz Deutschland bekannt und konnte sich als Tier- und Naturzeichner selbständig machen. Er illustrierte detailgetreu unter anderem Schulungsunterlagen für Jäger. Auch sogenannte Lebensraumbilder waren gefragt, in denen Biotope in ihrem ökologischen Zusammenhang dargestellt wurden. In den Achtziger- und Neunzigerjahren wurde er zu einem der führenden Naturzeichner. Auch für Schutzprojekte in seiner Heimat wie die Weilbacher Kiesgruben setzte er sich ein.
Am Ende erblindete der Mann, der sein Leben lang so genau hingeschaut hatte. „Er hat immer noch Freude am Gespräch gehabt“, erinnert sich seine Tochter. Dass sie katholische Theologie studierte, hatte zu einigen Auseinandersetzungen mit dem spirituellen Vater geführt, aber auch für viel Gesprächsstoff am Krankenbett.
Plum beschäftigte sich ausführlich mit den Welten, in denen sich ihr Vater bewegt hat. Sie forschte der Geschichte des Jazz-Clubs nach, dem Leben Ludwig Meidners, der Werbewelt in Frankfurt und den Biographien ihrer Onkel und Tanten, die allesamt Künstler waren. Bertholds Schwester Hilde studierte Fotografie bei Marta Hoepffner, die Fotopionierin wohnte in den letzten Kriegswochen sogar zeitweise im Haus der Fausts.
Damit das Buch mit seinen farbigen Abbildungen zum 8. Oktober, dem Todestag Berthold Fausts, erscheinen kann, bitten der Historische Arbeitskreis Hofheim und das Stadtarchiv um Spenden. Informationen zu dem Projekt und eine Kontoverbindung finden sich auf der Website historisches-hofheim.de.
