
Die IG Metall ist auch im zweiten Versuch, die Mehrheit am einzigen europäischen Produktionsstandort von Tesla zu gewinnen, gescheitert. Bei der Betriebsratswahl kam die Liste der Gewerkschaft nur auf den zweiten Platz. Wie schon vor zwei Jahren verfehlte die Liste der IG Metall ihr Wahlziel. Nach dem vorläufigen Ergebnis stellt sie künftig 13 Vertreter im 37-köpfigen Betriebsrat. Wahlsieger ist die Liste Giga United mit der Betriebsratsvorsitzenden Michaela Schmitz an der Spitze.
Konzernchef Elon Musk hatte nur wenige Tage vor der Wahl vor „externen Einflüssen“ auf das Werk gewarnt. Der Einfluss der IG Metall auf die Fabrik mit rund 11.000 Beschäftigten dürfte begrenzt bleiben. Schon bisher gaben Listen unter Führung der als arbeitgebernah eingestuften Betriebsratsvorsitzenden Michaela Schmitz den Ton an. Werkleiter André Thierig hatte in den vergangenen Wochen vor negativen Auswirkungen für künftige Investitionsentscheidungen gewarnt, sollte die IG Metall ihren Einfluss an dem Standort ausweiten.
Für die Gewerkschaft bedeutet das Ergebnis eine empfindliche Niederlage zum Auftakt in das Betriebsratswahljahr. Denn die milliardenschwere Neuansiedlung des amerikanischen Elektroautoherstellers vor den Toren Berlins bleibt auch vier Jahre nach dem Start der Produktion ein weißer Fleck auf der tarifpolitischen Landkarte. Die IG Metall will einen Tarifvertrag in dem Werk durchsetzen. Bei der Betriebsratswahl stand die Gewerkschaft nicht nur zehn konkurrierenden Listen gegenüber, sondern hatte auch mit Widerständen gegen jede Form von gewerkschaftlicher Mitbestimmung im Management von Tesla zu kämpfen.
Eklat vor der Betriebsratswahl
Schon im ersten Anlauf vor zwei Jahren war die Gewerkschaftsliste in Grünheide an dem Ziel der absoluten Mehrheit gescheitert. Mit knapp 40 Prozent der Stimmen war die IG Metall 2024 stärkste Fraktion. Der Einfluss der 16 Gewerkschaftsvertreter in der bisher 39-köpfigen Arbeitnehmervertretung blieb aber gering, weil sich die Betriebsräte der anderen Listen unter der Führung von Liste Giga United zusammenschlossen. Die Konflikte zwischen den Gewerkschaftsvertretern und den 23 als arbeitgebernah eingestuften Betriebsräten wurden auch öffentlich ausgetragen. Vor drei Wochen kam es zum Eklat.
Während der Betriebsratssitzung vom 10. Februar soll ein Vertreter der Gewerkschaft versucht haben, die Sitzung mit seinem Laptop aufzunehmen. Tesla und der Betriebsrat erstatteten Strafanzeige gegen den Funktionär. Die Gewerkschaft wies die Vorwürfe zurück und stellte eine Strafanzeige wegen übler Nachrede gegen die Werklseitung. Die Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft in Frankfurt (Oder) laufen. In einem Eilverfahren vor dem Arbeitsgericht in Frankfurt (Oder), in dem es um die Interpretation der Vorkommnisse vom 10. Februar ging, schlossen Tesla und die Gewerkschaft einen Vergleich, der bis zum Ende der Betriebsratswahl befristet wurde.
Die juristischen Auseinandersetzungen zwischen der IG Metall und Tesla könnten auch an anderer Stelle bald wieder an Schärfe gewinnen. Die Gewerkschaft hat schon angekündigt, eine Klage wegen systematischer Behinderung der Gewerkschaftsarbeit gegen Tesla vorzubereiten. Die Aussichten für den Standort dürften in erster Linie von der Lage auf den derzeit rund drei Dutzend Absatzmärkten für das einzige Werk von Tesla in Europa abhängen.
Wie hoch ist die Auslastung?
Im vergangenen Jahr hat der Elektrowagenpionier, der sich vor allem gegen die wachsende Konkurrenz aus China schwertut, weltweit Marktanteile eingebüßt. Auf Basis der Verkaufszahlen für die 27 Märkte in der Europäischen Union, Großbritannien, Norwegen und der Schweiz, sowie für die Türkei und Israel schätzte der französiche Datenanbieter Inovev die Produktion in Grünheide zuletzt auf knapp 150.000 Fahrzeuge im vergangenen Jahr, wie das „Handelsblatt“ berichtete.
Das würde einer Auslastung von 40 Prozent in der auf eine Produktion von 375.000 Wagen ausgelegten Fabrik entsprechen. Laut Werkleiter André Thierig sind 2025 mehr als 200.000 Fahrzeuge vom Band gerollt, was einer Auslastung von knapp 60 Prozent und ungefähr dem Niveau von 2024 entspräche. Diese Zahl halten nicht nur Marktbeobachter, sondern auch die IG Metall für plausibler als geschätzte Werte.
Inovev erklärte auf Anfrage, dass die Schätzung für die Produktion in Grünheide nach der Vorlage der Verkaufszahlen für Dezember mittlerweile um rund 15 Prozent auf knapp 172.000 Fahrzeuge im Gesamtjahr 2025 erhöht wurde. „Für unsere Berechnungen gehen wir davon aus, dass die Produktion aus Grünheide für die europäischen Märkte sowie für die Türkei und Israel bestimmt ist. Wir erfassen die Verkäufe innerhalb dieses geografischen Bereichs und leiten daraus die geschätzten Produktionsmengen ab“, teilte der Datenanbieter mit.
Zulassungszahlen zeigen gemischtes Bild
Sobald der Automobilverband VDA die offiziellen Produktionsdaten für 2025 nach Modellen aufgeschlüsselt für Deutschland veröffentlicht hat, will Inovev die eigene Schätzung noch einmal anpassen. Wie es 2026 in Grünheide weitergeht, lässt sich nicht nur mit dem Modell des Datenanbieters für die Fabrik von Tesla schwer abschätzen. Werkleiter André Thierig peilt abermals mehr als 200.000 Fahrzeuge an und will auch die 2024 erreichte Zahl von gut 211.000 Elektrowagen übertreffen.
Die jüngsten Zulassungszahlen geben zumindest in einzelnen Ländern Grund für Optimismus. Sowohl in Deutschland als auch in anderen wichtigen europäischen Märkten legte Tesla im Februar zum Teil kräftig zu. Insgesamt ist das Bild in Europa weiterhin gemischt. Die Aussichten in neuen Märkten für Grünheide außerhalb Europas haben sich zuletzt wieder eingetrübt.
Als ein Hoffnungsträger galt Kanada, das wegen der handelspolitischen Auseinandersetzung mit den USA seit einigen Monaten aus Grünheide beliefert wird. Doch nach der Grundsatzrede des kanadischen Premierministers Mark Carney beim Weltwirtschaftsforum in Davos hat sich das Land in Sachen Elektromobilität China zugewandt.
Videobotschaft von Elon Musk
Konzernchef Elon Musk richtete den Blick in seiner jüngsten Videobotschaft an die Belegschaft in Grünheide auf neue Technologien und alte Versprechen, mit denen er auch Investoren seit Jahren bei Laune hält. „Wir werden Teslas vollständig autonomes Fahren einführen, also ein KI-gesteuertes Auto“, kündigte er in einem aufgezeichneten Gespräch mit Werkleiter André Thierig an.
Die erste Zulassung der Technologie in Europa könnte schon am 20. März in den Niederlanden erfolgen, sagte Musk. Ebenfalls noch in diesem Jahr soll die Fertigung des Robotaxi-Fahrzeugs Cybercab ohne Lenkrad und Pedale beginnen sowie die Produktion des Roboters Optimus starten.
„Wenn alles gut läuft, werden wir den Cybercab und den Optimus voraussichtlich auch in Europa produzieren“, sagte Musk mit Blick auf Perspektiven für den Standort Grünheide. Es wäre nicht das erste Versprechen, das er nicht oder mit großer Verzögerung und in deutlich abgespeckter Version einlöst. Mit dem wachsenden Einfluss der IG Metall wird Tesla das nach der Betriebsratswahl in dieser Woche nicht begründen können.
Laut dem vorläufigen Wahlergebnis entfallen 24 von 37 möglichen Sitzen im neuen Betriebsrat an nicht gewerkschaftlich organisierte Listen. Die Liste Giga United, angeführt von der aktuellen Betriebsratsvorsitzenden Michael Schmitz, erhielt bei der Betriebsratswahl 3765 Stimmen und lag deutlich vor der IG Metall mit 2898 Stimmen. Bei der Wahl vor zwei Jahren hatte die Gewerkschaft 3516 Stimmen erhalten und Giga United 3201 Stimmen erzielt.
