
Sollte der HSV demnächst nach seiner Position zu politischen Themen gefragt werden – Heizungsgesetz, Lifestyle-Freizeit oder Superwahljahr, hier ein Tipp: Merlin Polzin schicken. Zwar hat der 35 Jahre alte Trainer des Hamburger SV sich noch nicht allzu häufig in gesellschaftliche Debatten eingemischt (jedenfalls nicht öffentlich). Doch ist diesem Sympathieträger im Zeichen der Raute jederzeit zuzutrauen, die richtigen Worte zu finden.
Nach Tim Walter und Steffen Baumgart ist schon ein angemessener Umgang mit der Öffentlichkeit der positiven Erwähnung wert. Doch dieser gebürtige Bramfelder schafft es, kritische Dinge zu sagen, ohne jemanden direkt anzugreifen, und Lob klingt von ihm nicht wie das erste Kapitel aus der Erzählung, wie der größenwahnsinnige HSV nach einem Sieg von der Conference League träumt. Was ohnehin seit Jahren nicht mehr stimmt.
Mit Polzin sind sportlicher Erfolg und innere Mitte zurückgekehrt. Das ist umso bemerkenswerter, als dass die Vorwürfe der Belästigung gegen den früheren Vorstand Stefan Kuntz samt Folgen die Kraft hatten, die tektonischen Platten unter dem Volkspark zu verschieben. Doch seit Kuntz Anfang Januar den HSV verließ, hat Polzins Teams zehn Punkte in acht Partien gesammelt. Als Ausrutscher gilt Leipzig: „Wir waren weit weg von unserem Limit“, sagte Polzin dazu, „wir wollen es aber auch nicht zu dramatisch darstellen. Wir haben uns gegen Dortmund, Frankfurt, Stuttgart und die Bayern beeindruckend gezeigt. Diesmal ist es gegen eine Mannschaft, deren Marktwert hunderte Millionen beträgt, nicht gelungen.“ Damit waren die Auswirkungen des Spiels erfolgreich klein geredet und die Partie zu den Akten gelegt.
Es ist schwierig zu sagen, wie viel Energie es Merlin Polzin kostet, die üblichen Hamburger Schwingungen auszutarieren. Er ist jung, noch nicht allzu lange dabei. Und ziemlich clever. Natürlich weiß er, dass 26 Punkte vor dem Nachholspiel gegen Bayer 04 Leverkusen an diesem Mittwoch (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) eine vorzeigbare Beute sind, aber angesichts des Konkurrenten, der am Samstag wartet – VfL Wolfsburg – schnell weniger üppig als gefühlt werden können: „Wir spielen mit Leverkusen gegen einen Verein aus der Champions League. Selbst wenn wir da an 98 Prozent kommen, bleibt es eine Herausforderung“, sagt Polzin. Subtext: Siege im Volksparkstadion sind gegen niemanden eine Selbstverständlichkeit.
Kampf um die Posten im Hintergrund
Er aber hat die Mannschaft gemeinsam mit Kuntz und dessen früherem Sportchef Claus Costa taktisch und personell so gezielt umgebaut, dass der HSV seit Monaten sehr selten wie ein möglicher Absteiger gewirkt hat. Von den „Aufstiegshelden“ gehören nur Torwart Daniel Heuer Fernandes und Verteidiger Miro Muheim zu den Etablierten. Leihen oder Transfers wie die von Luka Vuskovic, Sambi Lokonga oder Fábio Vieira waren Volltreffer.
Wer aber darf diese für sich reklamieren? Im Hintergrund formiert sich gerade der Kampf um die besten Plätze in der AG-Führung: Mit seinem Auftritt im sonntäglichen „Stammtisch“ neulich bei „Sport1“ hat sich Costa nolens, volens für höhere Aufgaben positioniert. Erst Leiter der Scouting-Abteilung, seit drei Jahren „Direktor Profifußball“, gilt der 41-Jährige manchen als kommender HSV-Vorstand – was er selbst bislang ablehnt.
Auf dem höchsten Posten unterhalb des Aufsichtsrates thront ohne Kuntz nun Eric Huwer allein. Den smarten, ruhigen und Zahlen zugewandten Saarländer, ein Jahr älter als Costa, verband eine funktionstüchtige Arbeitsbeziehung mit Kuntz. Jedes Jahr kann Huwer neue Rekorde bei Vermarktung und Merchandising vorführen – beeindruckend. Nun geht es darum, ob die HSV Fußball AG mit alle ihren komplizierten Teilgliedern auf Sicht von einem Alleinvorstand wie Huwer geführt werden kann. Oder ob jemand mit Fußball-Expertise von außen dazu geholt wird, dann in der klassischen Aufteilung Sport und Finanzen? Auch der im Grunde naheliegende Aufstieg Costas bleibt im Rahmen des Möglichen. Ein Kampf um die Macht ist das nicht. Eher eine Auseinandersetzung im Hintergrund, oft über die Medien geführt.
Bleibt zu hoffen, dass der Liebling aller HSV-Fans die Ruhe bewahrt und genug Resilienz aufbringt, sich vom anschwellenden Grundrauschen nicht anstecken zu lassen. Bisher erweckt Merlin Polzin den Eindruck, sich den Sinn für die richtigen Worte am richtigen Ort zum richtigen Zeitpunkt bewahrt zu haben.
