Nicole Friedersdorf heißt die Gäste mit einem strahlenden Lächeln und per Handschlag auf dem Hof von Schloss Nidda willkommen. Bürgermeister Thorsten Eberhard steht ihr zur Seite. Und das aus gutem Grund: Mit beiden geht es hinauf in das kleinste Trauzimmer weit und breit. Nach allem, was in Erfahrung zu bringen ist, gibt es in ganz Hessen keinen kleineren Raum für Eheschließungen. Die Sonne lacht, wie bestellt.
Nicole Friedersdorf weist den Weg zur schweren hölzernen Eingangstür des Turms und fragt: „Bereit?“ Dann geht es im Rechtsdrall flott aufwärts. Wer ganz nach oben will, braucht ein klein wenig Kondition. 57 Stufen liegen in dem schmalen Aufgang vor einem. Die habe neulich aber auch eine hochschwangere Frau fröhlich gemeistert, erzählt die Schlossbesitzerin.
Stühle mit einer geflochtenen Sitzfläche und Olivenkränzen
Wer die letzte Stufe genommen hat, betritt ein rundes Räumchen mit massiven Holzdielen, das von mehr als einem halben Dutzend Fenstern erhellt wird. Der Blick fällt auf einen Tisch mit einer Spitzendecke. Darauf stehen eine mit Blaubeerzweigen geschmückte Schale und zwei Kerzenständer, in denen künstliche Kerzen stecken. „Offenes Feuer im Schloss wäre eine ganz schlechte Idee“, sagt Friedersdorf. Deshalb dienen LED-Leuchten als Mittel der Wahl. Vor dem Tisch stehen vier Stühle mit geflochtenen Sitzflächen. An das Rückenteil hat Friedersdorf jeweils einen Kranz aus Olivenzweigen gebunden. Neben dem Tisch hat sie ein Spinnrad mit Rosen, Olivenzweigen und Blaubeerzweigen platziert.

An der Wand hängt das Porträt einer Frau, bei dem Schwarz und dunkle Braun- und Bronzetöne dominieren. Wer das ist? Nicole Friedersdorf zuckt mit den Schultern. Sie und ihr Mann Axel haben das Rokoko-Bild nach ihren Worten bei einer Auktion gesehen und gedacht: Das passt perfekt ins Turmzimmer. Denn es ist wie alles andere dort oben abzüglich der LED-Leuchten wirklich alt. Die früher weithin verbreiteten, aber heutzutage in vielen Haushalten geschmähten Stühle mit dem Flechtwerk hat das Ehepaar etwa bei Hofflohmärkten in der Region gefunden. Für anderes gibt es Ebay. Auf diese Weise und mit ihrem Blick fürs Detail haben die Friedersdorfs ein liebevoll eingerichtetes Trauzimmer geschaffen.
Außer einer der vier Standesbeamtinnen von Nidda oder Bürgermeister Thorsten Eberhard vorne am Tisch, dem Brautpaar und den beiden Trauzeugen passen nur noch wenige Gäste in das Räumchen. Für sie ist der Platz neben der hölzernen Galerie am Aufgang vorgesehen. Alles in allem können bis zu zehn Menschen hinein, ohne sich drängeln zu müssen, wie die Schlossbesitzer sagen. Der Augenschein gibt ihnen recht. Von Heiraten im trauten Kreis zu sprechen, ist hier mehr als nur ein Wortspiel.
Bürgermeister: Ehepaar Friedersdorf ein Glücksfall für Nidda
Axel und Nicole Friedersdorf sind dabei die Gastgeber. Sie haben das Schloss seit 1. Februar 2019 in ihrem Besitz und es seitdem Stück für Stück restauriert. Abgekauft haben sie es einem österreichischen Investor, der es zuvor vom Land Hessen übernommen hatte. Der Schlossbesitzer ist Zimmerer und Restaurator – das fügt sich gut angesichts dieser Mammutaufgabe.
Axel Friedersdorf erinnert sich an 87 eingeworfene Fenster, Fledermäuse und Marder als Hausgäste und die Hinterlassenschaften von Menschen, die in den betagten Räumen allerlei Unsinn gemacht hatten. Dazu seien die Bausünden der Vergangenheit gekommen. Er könne ganze Bücher mit diesen baulichen Verfehlungen füllen, sagt er.
Die Übernahme des Schlosses durch Axel Friedersdorf und seine Frau, eine promovierte Mikrobiologin und Biochemikerin, bezeichnet Thorsten Eberhard als Glücksfall für Nidda. Gleiches gelte für ihr Angebot, das Turmzimmer für Trauungen anzubieten. Unbekanntes Terrain ist das Schloss in Sachen Hochzeit aber nicht. In dem ebenfalls mit allerlei antiken Stücken eingerichteten Rittersaal haben sich schon Paare trauen lassen. Zudem steht der vom Schlossbesitzer gepflasterte Rosengarten für solche Anlässe zur Verfügung. 250 Euro Gebühren kostet es, sich im Turmzimmer trauen zu lassen.
