Nach einer Stunde und fünf Minuten steht plötzlich nicht mehr die Kommunalwahl von 1946 im Mittelpunkt, sondern die von 2026. Gerade hat Historiker Gregor Maier im Saal der Alten Schule Seulberg noch über die Wahlbeteiligung gesprochen, die in Hessen nie wieder so hoch gewesen sei wie bei der ersten Wahl nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals gingen 88 Prozent der Hessinnen und Hessen wählen, auch im Taunus waren die Werte hoch.
„Das ist seitdem nicht mehr erreicht worden“, sagt der Kreisarchivar des Hochtaunuskreises vor den etwa 20 Zuhörern, die auf Einladung des Seniorenbeirats der Stadt Friedrichsdorf zu Vortrag und Diskussion gekommen sind. Bei der vorigen Kommunalwahl 2021 betrug die Wahlbeteiligung 50,4 Prozent. Ein Teilnehmer meint zu wissen, warum das Interesse nachgelassen hat: „Je mehr Wohlstand, desto weniger politisches Interesse“, sagt er. „Ganz einfach.“ Ein anderer spricht von der „Erfahrung, dass die Parteien viel versprochen und wenig realisiert haben“.
Eine Frau vermutet: „Damals kannte man die Leute, die man wählen wollte.“ Heute sei „alles anonymer, und man ist nicht so bereit, zu Veranstaltungen zu gehen, um sich zu informieren“. Maier bestätigt, dass die Gesellschaft in Taunusdörfern wie Seulberg, heute ein Stadtteil von Friedrichsdorf, vor 80 Jahren eine andere war. „Die Leute haben viel stärker aufeinandergehockt.“ Die Dörfler arbeiteten auch auf dem Dorf. Sie wählten demnach dort, wo sie den gesamten Tag verbrachten. Und nicht „da, wo ich nur schlafe“.
Folien werden abfotografiert
Begonnen hat der Historiker mit den Worten, die Wahl 1946 sei eine „echte Pioniertat in angewandter Demokratie“ gewesen. Die Amerikaner ließen in ihrer Besatzungszone nämlich schon im Januar 1946 wählen, die anderen drei Siegermächte folgten dem Beispiel im September. Die Amerikaner hätten weder den Aufwand für Logistik und Verwaltung gescheut noch das politische Risiko, das eine Wahl so kurz nach dem Ende der Herrschaft der Nationalsozialisten bedeutet habe: Hatten sich die Deutschen von Hitlers Regime abgewendet? Würde die Zusammenarbeit mit den lokalen Amtsträgern weiter klappen?
Die Amerikaner hatten 1945 die Bürgermeister und Landräte abgesetzt und kommissarisch oft deren Vorgänger zurückgeholt, die bis um 1933 im Amt gewesen waren. Etwa den 76 Jahre alten Otto Foucar, Bürgermeister von Friedrichsdorf seit 1916. Aber unterhalb dieser Ebene blieb das Personal dasselbe, um den Aufbau nicht zu gefährden. Ein „pragmatischer, wenn nicht pragmatistischer Ansatz“ der Amerikaner, wie Maier sagt.

Die Besucher hören aufmerksam zu, stellen Zwischenfragen. Manche finden offenbar die Vortragsfolien besonders aufschlussreich: Zeigefinger tippen auf hochgehaltene Handys, Kameraauslöser klicken. Zum Beispiel, als es um die damaligen Parteien geht, die erst rudimentär organisiert waren, wie Maier berichtet. Die CDU als Neugründung erst recht, aber auch SPD, KPD und Liberale mussten sich neu aufstellen.
Flüchtlinge durften noch nicht zur Wahl
Die Tortendiagramme, die der Beamer zeigt, sehen für den Landkreis Usingen ganz anders aus als für den Obertaunuskreis. Seit 1972 bilden beide zusammen den Hochtaunuskreis, und immer noch ist oft von Hinter- und Vordertaunus die Rede. Im ländlichen Kreis Usingen mit viel kleineren Orten traten hauptsächlich freie örtliche Wählervereinigungen an. Im Obertaunus mit den Städten Oberursel und Kronberg dagegen kamen deutlich mehr Listen von Parteien zustande. Kumuliert und panaschiert wurde noch nicht, das Wahlrecht hatten Männer und Frauen von 21 Jahren an. Die vielen Flüchtlinge und Vertriebenen durften noch nicht wählen.
Die „Krone der allerersten Wahl“ nach dem Krieg in Hessen überhaupt gebührt übrigens unter anderem dem Landkreis Usingen. Dort durften die Einwohner schon am 20. Januar wählen. Der Obertaunuskreis folgte eine Woche später. Die Stadt Bad Homburg, schon im Obertaunuskreis Kreisstadt, wählte erst im April 1946, zusammen mit der Kreistagswahl.
Und wie ging die Kommunalwahl 1946 im Taunus nun aus? Wieder gibt es einiges abzufotografieren. Köppern und Seulberg erwiesen sich als die roten Hochburgen, die sie schon vor 1933 gewesen waren. In Friedrichsdorf setzte sich die junge CDU durch, genauso wie in den katholischen Städten Königstein und Oberursel. Alle Posten in Gemeindevertretungen und Stadtverordnetenversammlungen konnten besetzt werden. Maiers Fazit lautet: „Das politische Risiko, das die Amerikaner eingegangen waren, hat sich offensichtlich ausgezahlt.“
