
425 von Laien salbungsvoll vorgetragene Verse, das gibt es heute bei fast keinem Hochzeitsfest mehr. Wir haben das einmal erlebt, samt Pantomime. Es war buchstäblich erschöpfend. Einst gehörte ein Vortrag von Friedrich Schillers Ballade „Die Glocke“ zum Fest dazu. Die „Glocke“, über die vor 60 Jahren Marcel Reich-Ranicki geschrieben hat, sie sei eine der Dichtungen, „aus denen das deutsche Bürgertum seine Lebensmaximen anderthalb Jahrhunderte lang zu beziehen gewohnt war“, ist schon längst verblichen als Gedächtnisübung für Gymnasiasten, so verblichen wie Lebensmaximen und womöglich sogar das deutsche Bürgertum. Als Zitate-Steinbruch immerhin dient sie weiter, etwa mit dem hochzeitstauglichen „Drum prüfe, wer sich ewig bindet“, auch wenn der Rat nach der Trauung schon etwas spät kommt.
Die Glocke diente Schiller als Leitfaden eines gelungenen Lebens mit Ups und Downs und sehr festgeschriebenen Rollen. Die Glocke mag bis heute in christlich gegründeten Ländern mit ihrem Geläut auf wiederkehrende Abläufe, auf Feste ebenso wie auf Gefahren hinweisen – aber wenn sie in der Literatur erklingt, was sie oft tut, dann sollte man als Leser genauer hinhören. Denn die Glocke ist im Text Bote und Vorbote von Wunderbarem, auch Wunderlichem, so wie die Glocken am Anfang von Thomas Manns Roman „Der Erwählte“ von niemand Geringerem als dem „Geist der Erzählung“ geläutet werden. Die Neukomposition des Frankfurter Großen Stadtgeläuts heißt „supra urbem“, nach diesem Romananfang. Zu hören ist es am Pfingstsamstag von 16.30 Uhr an, und das wiederum legt eine glockenhelle, wunderbare Spur in die Literaturgeschichte.
Denn Sibylle Lewitscharoff hatte in ihrem Roman „Das Pfingstwunder“ vor zehn Jahren die Glocken Roms ganz nach Thomas Manns Manier betäubend läuten lassen, um dann von der Himmelfahrt sämtlicher führender Dante-Forscher zu berichten. Bis auf einen: Gottlieb Elsheimer, Romanist aus Frankfurt, der als Ich-Erzähler an Dante entlang von diesem „Pfingstwunder“ berichtet. Und so kommt man, mit einem leisen Bimmeln, auf eine der frühesten Glocken der Weltliteratur: Auf jene Vesperglocke, die in Dantes achtem Gesang des „Purgatorio“ von fern „den sterbenden Tag zu betrauern scheint“.
