Ex-Politiker zu sein hat viele Vorteile. Neben gesünderem Schlaf zählt auch dazu, dass man nach eigenem Gusto feiern kann, ohne sich für die Opulenz des Abends rechtfertigen zu müssen. Ab wann ist ein Abend opulent? Da gehen die Meinungen auseinander. Eine Antwort, auf die sich die meisten einigen können: wenn er im „Grill Royal“ stattfindet, unter Stammgästen schlicht „Grill“ genannt, als stünde man im Garten und wendete die Würstchen selbst.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Tatsächlich handelt es sich um ein sogenanntes Promi-Restaurant, was – anders als bei anderen Läden in Berlin – kein Euphemismus dafür ist, dass dort schon mal ein Schlagersänger einen Drink genommen hat. Das kam zwar auch schon vor. Aber dazu waren „Tokio Hotel“ da, Al Pacino, George Clooney und viele, viele Profifußballer. Und Politiker, teils erst, als sie schon Ex-Politiker waren. Ex-US-Präsident Barack Obama kam mit der ganzen Familie, Ex-Außenminister Joschka Fischer feierte seinen 60. Geburtstag dort. Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder wurde dort ebenso wie Ex-Juso-Chef Kevin Kühnert gesehen. Und nicht beim Würstchenessen.

Der „Grill“ ist für sein Fleisch bekannt. Das 300-Gramm-Entrecote vom Wagyu-Rind gibt es für 148 Euro, wer dazu eine Tristan-Languste wünscht, legt noch mal 39 Euro drauf. Beilagen und Soßen kosten extra und der Wein sowieso. Zwar gibt es in Berlin noch deutlich teurere Lokale. Aber keines, in dem man so auf dem Präsentierteller sitzt. Mitten in Mitte, Fensterfront nach draußen, drinnen Sitzbänke mit niedrigen Lehnen, sodass man durch den ganzen offenen Raum schauen kann. Was sagt das über die aktiven Politiker, CDU-Fraktionschef Jens Spahn zählt zu denen, die dort verkehren?
Mittwoch, kurz nach 20 Uhr, im „Grill Royal“: Weit und breit kein Politiker zu sehen, was wohl auch daran liegt, dass Osterferien sind und somit keine Sitzungswoche im Bundestag. Dafür findet sich an vielen Tischen die Konstellation junge Frau plus deutlich älterer Mann. Die Frauen haben glattgebügelte Haare, die Männer oft kaum mehr welche. Auch das ist Deutschland.
Im politischen Sinne inspirierend ist dagegen der Umgang mit scheinbar Altbewährtem. In der Politik ist wie in der Gastronomie Einfallsreichtum gefragt, um von anderen unterscheidbar zu sein. Beispielhaft führt der „Grill“ das an seiner Vorspeise „Kopfsalat“ vor, die für nur – alles ist relativ – zwölf Euro zu haben ist, aber rein vom Volumen her größer ausfällt als wohl jede andere Vorspeise in der Hauptstadt. Es handelt sich schlicht um einen ganzen Kopf Kopfsalat. Gewaschen, ohne Strunk, mit Dressing und feinsten Schnittlauchröllchen wird er serviert. Manche sind davon schon satt. Das kann Vorbild für die Politik sein: sparen, ohne weniger auf dem Teller zu haben.
