
In der Politik gehen die Wogen hoch, und die deutsch-amerikanischen Beziehungen erleben stürmische Zeiten. Auch deswegen ist es vielleicht mehr als eine freundschaftliche Geste, dass sich die Gorch Fock auf den Weg über den Atlantik macht, um in den kommenden Monaten die Vereinigten Staaten zu besuchen, an großen Windjammertreffen teilzunehmen, im Regattasegeln sportliche Wettkämpfe auszutragen und Gastgeberin zu sein für viele Besucher aus aller Welt. Es ist eine Geburtstagsreise zum 250. der Vereinigten Staaten, aber auch ein Zeichen anhaltender transatlantischer Verbundenheit. Trotz stürmischer Zeiten.
Unterdessen werden auf dem Segelschulschiff der Marine aber auch Kadetten trainiert, offiziell ist es eine „Ausbildungsreise“. Der Offiziersnachwuchs der Seestreitkräfte lernt an Bord seemännische Fertigkeiten, die auch auf einer modernen Fregatte nicht schaden. Vor allem aber geht es darum, über sich selbst hinauszuwachsen und das Schiff gemeinsam durch jedwede Windstärke und Wellenhöhe ans Ziel zu bringen.
Die Gorch Fock ist als Starkwindsegler dafür konzipiert. Selbst Orkanen soll sie trotzen, Wellen von acht, neun Metern gelten für die Erfahreneren als unproblematisch. Allerdings ist es alles andere als ein Spaziergang für die Toppgasten, bei solchen Verhältnissen in 20, 30 Metern Höhe in die Takelage zu klettern, um Segel zu setzen oder zu bergen. Und ob sich bei solchen Verhältnissen in den Hängematten unter Deck Schlaf finden lässt? Zweifelhaft.
Mit 30 anderen Nationen wird die Gorch Fock bei den Feierlichkeiten vertreten sein
Die beiden Höhepunkte der Reise sind für den Kommandanten Elmar Bornkessel und die 230 Besatzungsmitglieder die Feierlichkeiten zum 250. Gründungstag der Vereinigten Staaten. In New York wird die Gorch Fock am 4. Juli gemeinsam mit Windjammern aus 30 anderen Nationen auf dem Hudson paradieren, darunter die chilenische Esmeralda, die indonesische 360-Fuß-Bark Kri Bima Suci und die Amerigo Vespucci, auf der seit 1931 Kadetten der italienischen Marine ausgebildet werden. Zu den größten Teilnehmern des Welttreffens gehört mit 113 Metern die spanische Juan Sebastián de Elcano. Einen ähnlichen Auflauf solcher Segelschiffe gab es auf dem Hudson zuletzt vor 50 Jahren.
Für Bornkessel und die Besatzung ist der New-York-Aufenthalt wohl der diplomatische Höhepunkt. Die Gorch Fock wurde 1958 als „Botschafterin in Weiß“ von der jungen Bundesrepublik auch gebaut und auf Reisen geschickt, um der Welt nach dem Krieg ein anderes, ein neues und friedliches Deutschland zu präsentieren. Diesen Auftrag hat die Bark bei Besuchen in knapp 60 Ländern auf fünf Kontinenten erfüllt und dabei, so heißt es offiziell, mehr als 780.000 Seemeilen zurückgelegt, was umgerechnet 35 Erdumrundungen entspreche.
Fregattenkapitän Elmar Bornkessel führt die Gorch Fock seit Sommer 2024 und hat, wie sein Vorgänger Andreas-Peter von Kielmansegg, alles dafür getan, die Stammbesatzung nach den langen Werftliegezeiten des Schiffs wieder auf den Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit zu bringen – ein Kunststück, nachdem viele erfahrene Seeleute in den Jahren der Überholung das Schiff verlassen hatten. Jetzt sind neben der Stammbesatzung und den Kadetten auch erstmals 25 junge Soldaten an Bord, die über den freiwilligen Wehrdienst in die Bundeswehr gekommen sind – „work and travel“ heißt das Programm.
Die Gorch Fock fiebert einer Wettfahrt entgegen
Bornkessel, 50 Jahre alt und gebürtig aus Nordhessen, hatte vor seinem aktuellen Kommando auf der Gorch Fock eines der modernsten Kriegsschiffe der Marine geführt, eine Fregatte der F125-Klasse. Zuletzt war er als Grundsatzdezernent bei der NATO gewesen. Zugleich ist er einer der wenigen aktiven Offiziere, die Führungserfahrung auf der Gorch Fock vorweisen können. Der erfahrene Segler hat schon Jahre an Bord verbracht, zunächst als junger Segeloffizier, dann als Erster Offizier von 2013 bis 2016.
Neben dem diplomatischen Dienst am 4. Juli in New York fiebert die Mannschaft einer Wettfahrt entgegen, bei der die Gorch Fock gegen drei ebenfalls renommierte Schwesterschiffe antritt: Bei der „Five Sisters Trophy“ segeln sie auf der Strecke New York–Boston über etwa 240 Seemeilen um die Wette. Mit dabei sind die Eagle der US-Küstenwache, die Sagres aus Portugal und die rumänische Mircea, auf der deutsche Seeleute während der Instandsetzung ihres Schulschiffs zeitweise mit übten.
Als die Regatta vor 40 Jahren zum letzten Mal ausgetragen wurde, errang die Gorch Fock den Pokal. Alle vier Schiffe (die fünfte Schwester Gorch Fock 1 ist nicht mehr im Dienst) gehen auf Pläne oder Bauten der Dreißigerjahre zurück, die heutige Eagle etwa wurde nach dem Krieg von den Amerikanern beschlagnahmt. „Ich bin guter Dinge, dass wir den Pokal wieder nach Deutschland holen“, sagte Bornkessel vor dem Ablegen in Kiel.
Die Wettbewerber nehmen dann an einer weiteren Geburtstagsfeier in Boston teil, der Stadt an der Ostküste, von der die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung ausging. Übrigens, Ironie der Geschichte, nach einem Zollstreit. Weitere Ziele der Reise sind dann noch das kanadische Halifax und auf dem Rückweg Reykjavík. Diese Fahrt im Nordatlantik könnte, so Bornkessel, starke Winde und hohe Wellen für die Gorch Fock und ihre Mannschaft bereithalten, das gelte es dann zu meistern. Vor ein paar Tagen ging es aber zunächst Richtung Biskaya, dann soll mit den Passatwinden über Gran Canaria und die Bermudas nach Amerika gesegelt werden. Dafür sind drei Wochen eingeplant. Die Rückkehr von der 189. Ausbildungsreise der Gorch Fock in den Heimathafen Kiel ist für Mitte September geplant.
