
Herr Struyven, der Ölpreis ist zuletzt von seinen Höchstständen leicht zurückgegangen. War es das schon mit der Ölkrise?
Nein. Zeitweise lag der Preis bei fast 120 Dollar je Barrel, aktuell etwas darunter. Beim Wechsel von Lieferkontrakten kommt es immer zu Bewegungen. Eine echte Abwärtsbewegung sehen wir aber noch nicht.
Wo sehen Sie den Ölpreis, falls der Krieg länger andauert?
Das hängt vor allem ab von der Lage in der Straße von Hormus und von Schäden an Anlagen in der Golfregion. Wir arbeiten mit Szenarien: Bei einem heftigen, aber kurzen Verlauf könnte der Preis kurzfristig auf bis zu 160 Dollar steigen und in der zweiten Aprilhälfte wieder deutlich sinken. Denkbar sind auch Szenarien mit weniger starkem, dafür länger anhaltendem Preisanstieg.
Mit welchen Ausfällen muss der Weltmarkt rechnen – ist das die größte Ölkrise aller Zeiten?
Gemessen an der Menge, die dem Weltmarkt entzogen wird, ja. Es geht um 13 Prozent des globalen Ölangebots. Das ist mehr als in der Ukraine-Energiekrise und früheren Ölkrisen. Ob es insgesamt die größte Energiekrise wird, hängt von der Dauer ab. Vieles spricht dafür, dass sie nicht allzu lang ist. Davon hängen die Folgen ab.
Drohen echte Versorgungsengpässe? Ab wann wird es heikel?
In manchen Regionen gibt es sie schon. Besonders eng sind die Märkte für Schwerölprodukte, vor allem in Asien. Dort passen die Menschen ihr Verhalten an. In Indien wechseln etwa Restaurants den Brennstoff, weil Öl knapp ist. Die Engpässe sind also nicht nur eine Sorge für die Zukunft, sondern schon spürbar.
Wie stark trifft das die Vereinigten Staaten als Nettoölexporteur?
Auch für die Vereinigten Staaten ist das negativ: Höhere Verbraucherpreise dämpfen den Konsum und damit das Wachstum. Wir erwarten aber größere Effekte in Europa, wo weniger Öl und Gas gefördert werden. Auch die Inflation dürfte dort stärker anziehen; nicht nur wegen des Öls, sondern vor allem wegen des Gases. Die Abhängigkeit Europas ist zwar gesunken, bleibt aber in einigen Ländern, etwa Italien, hoch.
Werden die Benzinpreise in Europa und den Vereinigten Staaten weiter auf so hohem Niveau liegen? Und werden die Vereinigten Staaten darauf in ihrer Kriegsführung Rücksicht nehmen?
Die Tankstellenpreise sind in den Vereinigten Staaten und Europa stark gestiegen. Vier Dollar je Gallone in den Vereinigten Staaten sind ähnlich symbolträchtig wie zwei Euro je Liter in Europa. Mit Beginn der Reisesaison könnte die Nachfrage die Preise noch etwas treiben, später sollten sie wieder sinken. Die Politik reagiert: Die Internationale Energieagentur gab strategische Reserven frei, die Vereinigten Staaten haben Sanktionen gegen russisches Öl gelockert. Der Preisschock für Verbraucher ist zu groß, um ihn zu ignorieren.
Könnten hohe Benzinpreise in Amerika ein Motiv für Präsident Donald Trump sein, den Krieg bald zu beenden?
Je höher die Spritpreise, desto größer ist das politische Gewicht des Themas in den Vereinigten Staaten. Damit steigen auch die Anreize, den Krieg zu beenden. Allerdings spielen viele weitere Faktoren eine Rolle, etwa geopolitische Erwägungen.
Spielt Spekulation bei den hohen Öl- und Spritpreisen eine Rolle?
In Phasen intensiven Handels gibt es immer viele spekulative Positionen. Der Schock ist groß, entsprechend sind diese Positionen gestiegen; aus Risikoüberlegungen durchaus nachvollziehbar. Interessant in Gesprächen mit unseren Kunden und Geschäftspartnern ist: Unternehmen der Realwirtschaft, etwa Fluggesellschaften, sind derzeit besorgter als Finanzinvestoren, die stärker auf eine mittelfristige Normalisierung setzen.
Steuert Präsident Trump mit seiner Rhetorik bewusst den Ölpreis?
Wir haben Fälle gesehen, in denen Äußerungen aus Washington den Ölpreis gedrückt haben, etwa vor zwei Wochen, als der US-Präsident sich beruhigend für die Märkte äußerte. In der Krise geht es vor allem um den Risikoaufschlag: Wie lange dauern die Versorgungsunterbrechungen? In dieser Phase hat Rhetorik Gewicht. Nach der Krise zählen wieder Fundamentaldaten.
Die Zeitung „Financial Times“ beobachtete am Montag vor zwei Wochen, dass eine ungewöhnlich hohe Zahl von Kontrakten zwischen den eskalierenden und deeskalierenden Äußerungen von US-Präsident Donald Trump über den Krieg gehandelt wurde. Was steckt dahinter?
Die stark gestiegenen Handelsvolumina sind auffällig. Weitere Informationen dazu habe ich nicht.
Rechnen Sie noch mit Überraschungen in dieser Ölkrise?
Der Ölmarkt hat in den vergangenen Jahren eine Serie von Überraschungen erlebt. Langfristige Planung ist schwierig. Wir raten unseren Kunden daher, stärker in Szenarien zu denken – um auf eine breite Spanne möglicher Entwicklungen vorbereitet zu sein.
