Normalerweise ist dieser Schauplatz an einem Sonntagnachmittag ausgestorben – die Autowaschanlage hat geschlossen. Aber Godwin bewegt sich mit entschlossenem Schritt auf das zu, was ihm als Bühne dienen soll: ein durch Sperrband abgegrenzter Bereich mit Mikrofon und Barhocker. Im Hintergrund sitzt die vierköpfige Band. Scheinwerfer, Kameras, hinten die stillstehenden blauen Waschlappen, die wochentags rotierend Porsches und Toyotas zum Glänzen bringen.
Godwin Josiah ist 25, blondierte Haare, die dunkle Haut seines Heimatlands Nigeria, Alltagsklamotten. Die Kameras zeichnen seinen Auftritt für das Format Carwash Concerts der Musikagentur Becktomusic in einer Frankfurter Autowaschanlage auf. Der erfolgreiche Kölner Reggae-Musiker Patrice führt durchs Programm. Auf dem Parkplatz genießen die Eingeweihten bei Cocktails und kleinen Speisen die Frühlingssonne. Sie sind gekommen, um fünf noch unbekannte Musiker live und unmittelbar an diesem vergessenen Ort zu hören. Godwin stellt sich vor das Mikrofon und strahlt eines mehr als alles andere aus: Ruhe und Zuversicht.
Dass er heute mit seiner vollen Tenorstimme und seinen selbst geschriebenen Songs vor dem ausgewählten Hipster-Publikum aus den Adressbüchern der Veranstalter steht, ist einem Zufall zu verdanken – einem glücklichen Moment, der aus einem talentierten Videokünstler ein vielversprechendes Gesangstalent machte. Dieser Zufall führte ihn zum deutschen Soulstar Xavier Naidoo, der ihn in seinem Vorprogramm singen ließ, zu renommierten internationalen Produzenten, die mit ihm aufnehmen, und ab Mai auf seine erste Tournee unter eigenem Namen. Er bespielt dann Bühnen in Hamburg, Heidelberg, Köln, Frankfurt und Berlin.
„Godwin ist authentisch“
Es gehört zum Musikgeschäft, dass junge Talente von Vorbildern und Wegbegleitern zu Beginn mit Lob überschüttet werden. „Ein phantastischer Künstler, ein Tausendsassa. Der ist nämlich auch Filmregisseur“, wirbt Naidoo auf Instagram für ihn. „Godwin ist authentisch. Charmant, klar in dem, was er macht“, sagt Thomas Koester, der ihn als Zuständiger für Artists & Repertoire zur Veranstaltungsfirma Live Nation geholt hat. „Er und sein Filmkollektiv Critics Company haben eine hohe Präzision und Leidenschaft“, sagt Susanne Pfeffer, die Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt, ohne die Godwin gar nicht den Weg in die Metropole am Main gefunden hätte, in der er seit Monaten lebt.

Die Geschichte dieses Musikers spielt sich auf wenigen Metern einer Straße ab: der Braubachstraße in Frankfurt, die an der neu errichteten Altstadt vorbeiführt und über zwei Straßenbahnenlinien Tausende von Passagieren am Tag zum nahen Römerberg oder daran vorbei befördert. Zwischen dem Frankfurter Rathaus und dem Museum für Moderne Kunst liegen gut 300 Meter und vor allem das Café Herz, das für Godwins Geschichte eine entscheidende Rolle spielt.
Mit seinen Cousins und einem seiner Brüder hat Godwin mit 13 Jahren begonnen, auf seinem Smartphone Filme zu drehen. Aufgewachsen ist er in der Großstadt Kudenda im Norden Nigerias. Zunächst orientierten sie sich an Blockbusterfilmen und Science-Fiction aus Hollywood. „In einigen unserer frühen Filme war ich Regisseur, manchmal Schauspieler“, erzählt er. „Aber wir sind ein Kollektiv, jeder kann alles machen.“ Bald wurden sie ambitionierter. Sie nahmen sich Christopher Nolan („Oppenheimer“, „Inception“) und J. J. Abrams („Star Trek“, „Star Wars“) zum Vorbild. Sie sind Autodidakten mit einem enormen Selbstvertrauen und Sinn fürs Erzählen. „Wir wollten westliche Filme durch eine nigerianische Perspektive machen“, sagt er.
Magie ist ein Motiv, das wiederkehrt
Ihr Kurzfilm „Timothee“ ist eine actionreiche Räuberjagd mit philosophischem Überbau und Science-Fiction-Wendung. Museumsdirektorin Pfeffer sah ihn auf der Athen-Biennale 2021. Sie nahm Kontakt zu der Crew auf. Ein Treffen im 200 Kilometer südlich von Kudenda gelegenen Abuja erwies sich als sinnvoller als ein Zoom-Gespräch mit vielen Unterbrechungen. Dabei lud sie das fünfköpfige Kollektiv ein, eine Ausstellung zu konzipieren.
„Sie haben eine eigene Bildsprache gefunden und reflektieren stark die Situation vor Ort in ihren Arbeiten“, sagt sie. Magie ist ein Motiv, das wiederkehrt – auch in ihrem jüngsten Kurzfilm „Ogun Ola – War Is Coming“, der Godwin als Regisseur nennt und von Morgan Freemans Filmfirma produziert wurde. Kluge Werke, die Auswege aus einer komplexen Kolonialgeschichte aufzeigten, findet Pfeffer, Geschichten, die immer auch mit ihrer eigenen Lebenswirklichkeit verbunden sind.
Als die fünf zum ersten Mal nach Deutschland reisten, um ihre Ausstellung vorzubereiten, liefen Godwin, seine Mitstreiter und die Museumsdirektorin zur Straßenbahnhaltestelle am Römerberg. Dabei kamen sie am Café Herz vorbei, das die zwei Brüder Mengi und Taff Zeleke, zwei Veteranen der Frankfurter Ausgehszene mit äthiopischem Hintergrund und vielerlei Drähten in die nationale Popmusik, seit Jahren betreiben. Sie verbringen Zeit zusammen, reden über Musik. Und als The Critics Company Monate später nach Frankfurt zurückkommt, erinnert sich Godwin an seine Begegnung mit Mengi Zeleke, der ihm eine Tür nach der anderen zur Musikbranche öffnet.
Irgendetwas fliege Godwin immer zu, sagt sein Manager
Doch nicht nur die Zufallsbegegnung, die Godwin mit Xavier Naidoo, Patrice und all den anderen zusammenführt, spielt sich in der Braubachstraße ab. Auch seine ersten professionellen Aufnahmen macht er hier. Gegenüber vom Café führt neben einem Sushi- und Feinkostladen ein Hauseingang in einen feuchten Keller hinunter. Bastian Pallien ist ein Frankfurter Produzent, der elektrische Musik aufnimmt. Anfang des Jahres hat er den Keller angeboten bekommen, 15 Quadratmeter, hinter einem Stapel Weinkartons und Bierkisten der Gastronomie von oben. „Wir können mit dem ersten Song starten“, sagt Pallien auf Englisch.

Am Abend will Godwin fünf neue Stücke auf Streamingdiensten veröffentlichen. Eine Hommage an Afrobeat-Künstler wie Wizkid, D’Banj und Omah Lay, seine Leitsterne. Mit „African Queen“ von 2Face geht es los, einem Song über das Mädchen der Träume. Sobald der Regler aufgeht, verblüfft die Ruhe, die er ausstrahlt, wenn er singt. Zum nächsten Song schließt er seine Augen, wiegt den Kopf in seiner linken Hand. Kaum Beats sind zu hören. In früheren Fassungen haben seine Coverversionen schon Millionen User in sozialen Medien erreicht.
Nachdem Godwin und Ballien die Aufnahmen abgehört haben, steht ein Videogespräch mit Grades an, einem Londoner Produzenten, der mit Dua Lipa und Neo Jessica Joshua aufgenommen hat. Irgendetwas fliege Godwin immer zu, sagt Mengi Zeleke, der inzwischen sein Manager ist. Dafür legt Godwin sein Handy quer vor den Bildschirm. Grades gibt ihm Rückmeldungen zu einer gemeinsamen Aufnahme, als er kürzlich in der englischen Hauptstadt war. Sie sei „sehr chilled“, er könne sich das noch kraftvoller vorstellen. Ob Godwin es mit etwas mehr Wucht aufnehmen könne, damit er in der Produktion mehr damit spielen könne? Godwin ist einverstanden, und sie verabreden, weiter im Austausch über den Song zu bleiben.
„Es war einfach, mit Musik zu trauern“
Godwin ist nicht der Sänger, den man als Einheizer für ein Großkonzert erwarten würde. Aber auf seine Weise zog er im Naidoo-Vorprogramm jeweils 15.000 Menschen in seinen Bann. Demnächst wird ihm die Bühne ganz allein gehören. So wie vor der Frankfurter Autowaschanlage an diesem Sonntagnachmittag im Frühling. Selbstsicher strahlend tritt er auf. Der junge Filmemacher, der zum Sänger wurde und nun eine Brücke schlägt zwischen den Idolen seines Vaters wie Labi Siffre, seinen eigenen Einflüssen und seinen persönlichen Songs. Als seine Mutter im Jahr 2017 starb, habe ihn Film gestresst und Musik beruhigt, sagt er. „Es war einfach, mit Musik zu trauern. Ich bin niemand, der viel spricht. Durch die Musik konnte ich sprechen.“
Vielleicht 80 Leute stehen vor ihm an diesem Sonntag. Eine kurze Ansage, dann geht es los. Der Raum ist von seiner Stimme erfüllt. Wer große Hallen zum andächtigen Zuhören bringt, besteht auch den Autowasch-Contest. Nach drei Stücken singt das Publikum einen seiner Refrains mit. „Grief“ kündigt er als Song an, den er nach dem Tod seiner Mutter schrieb. Er ist überraschend fröhlich. Godwin lacht beim Singen. „Sein Groove und seine unfassbar warme, fast hypnotische Stimme“ hätten ihn überzeugt, sagt Thomas Koester von Live Nation.
Nachdem die letzte Note verklungen ist, strahlt Godwin, schreitet an den Bühnenrand und umarmt den Ausrichter Patrice. Ein toller Songschreiber und eine gute Seele sei er, sagt der erfahrene Reggae-Sänger. „Man wünscht sich, dass er sich durchsetzt“, sagt Patrice. „Er bringt vieles mit für eine Zeit, in der Künstler immer öfter ein Gesamtkonzept verkörpern.“
Der Junge aus Nigeria, der mit 13 anfing, auf einem Handy Filme zu drehen, bei den Vorbereitungen zu einer Kunstausstellung einem Musik-Nerd mit guten Kontakten in die Arme fiel und begann, seiner zweiten Leidenschaft nachzugehen, ist nun reif für die ersten Shows unter seinem Namen: Godwin.
