Zum Auftakt der neunten Woche Germany’s Next Topmodel möchte ich aus dem Nähkästchen plaudern. Die goldene Regel der TV-Unterhaltungsbranche lautet: Lachen, Tiere und kleine Kinder gehen immer. Für ein Format wie GNTM eine unglückliche Konstellation. Nach diversen Versuchen mit sedierten Krokodilen oder pharmazeutisch ruhiggestellten Pferden als Shooting-Accessoires, die sich zweifelsfrei als Shitstorm-Magneten entwickelten, scheiden Tiere aus. Auch auf alles Minderjährige wird aus karmahygienischen Gründen seit Jahren verzichtet. Bleibt nur: Lachen. Unproblematisch mit der rheinischen Frohnatur Heidi Klum als Frontfrau, oder?
Der beste Witz der Staffel jedenfalls kommt nicht von der karnevalserprobten Gagmaschine Klum, sondern von Media-Teacher Christian Düren. Der neue Oliver Pocher im Leben von Amira Aly startet das Humorfeuerwerk mit dem Satz: „Ich bin Journalist!“ Derartig subtile Comedy kennt man sonst nur vom Dschungelcamp.
Journalist Düren wird also versuchen, die Kandidaten „ordentlich auseinanderzuschrauben“, wie Thomas-Anders-Double Alexavius vermutet. Wie wichtig es ist, dabei konzentriert zu bleiben, manifestiert Klum so: „Man sollte die Presse nicht als Gegner sehen, sondern als Partner.“ Das ist auch der Grund, warum ich noch zu keinem einzigen GNTM-Launch eingeladen wurde.
Vom Golden Retriever zum Rottweiler
Auch Antonia erwartet bei Dürens Gossipparty knallharte Stresssituationen: „Der packt schon aus!“ Ja, ist denn schon wieder Nacktshooting? Schraubstockexperte Alexavius sieht sich bestätigt: „Der Düren hat sich als Golden Retriever vorgestellt und wurde dann zum Rottweiler!“
Als Investigativ-Reporter Düren, der hauptberuflich Wasserrutschen anmoderiert, endlich seine Recherchekladde aufschlägt, versucht er zunächst, Daphne mit einem früheren Modeljob in die Enge zu treiben. Damals tanzte sie im „BWL“-Musikvideo von Rapper SSIO. Darin kommen die Vokabeln „blasen“ und „Titten“ vor. Skandal! Da kann man nur hoffen, Düren trifft nie auf Naomi Campell. In ihrem Video zu „Change Clothes“ von Jay-Z hört man sogar Sätze wie „No Bra with that Blouse“ oder „No Panties and Jeans“.

Anschließend kommen noch ein paar „Na, hast du einen Freund?“-Jahrhundertfragen an Antonia und Anna – und das war es dann auch schon mit Enthüllungsjournalismus. Früher waren Media-Teachings wenigstens noch mit Instagram-Leichen gepflastert, weniger mit gescheiterten Defragmentierungsversuchen. Damals hat man einfach ein sechs Jahre altes Facebook-Foto genommen, auf dem im Hintergrund jemand ein alkoholfreies Bier trinkt und der Kandidatin dann ein so schlechtes Gewissen eingeredet, dass sie sich spontan selbst in die Betty-Ford-Klinik einweisen wollte.
„Sie haben diesen Pressure gefühlt, diesen Druck!“
Unzufrieden von ihren Antworten sind vor allem Anna und Nana. Anna findet, sie habe sich unzureichend von der vermeintlichen Lovestory mit Yanneck distanziert: „Mein Ja war ein Nein, das war dumm!“ Nana hingegen fühlt sich zu Unrecht in ein Antipathie-Szenario gedrängt und beteuert: „Ich spreche nie negativ über dich!“ Das sieht Godfrey anders: „Nach unserem Streitgespräch hast du gesagt ‚das ist voll das Arsch‘!“ Nana kontert auf stabilem Vorschulniveau: „Ja, wenn man über die Vergangenheit redet, hast du Recht, aber ich meine ja jetzt die Gegenwart!“ Ach so.
Nachdem er alle knallharten Offenbarungsfragen losgeworden ist, resümiert Düren selbstbewusst: „Sie haben diesen Pressure gefühlt, diesen Druck!“ Kurz weht ein Andi-Möller-Vibe durch das Freiluftstudio. Der sagte einst, er habe vom Feeling her ein gutes Gefühl. Ebenfalls ein gutes Gefühl haben Fans absurder Fotoshootings. Heute nämlich steht das Nacktshooting an, für das Klum folgendes Thema ausgewählt hat: High-Fashion-Fische. Mal wieder ein Konzept direkt aus der Modelrealität. Häufiger als High-Fashion-Fische sieht man in Paris eigentlich nur noch Haute-Couture-Kaulquappen. Andererseits: Darauf muss man auch erstmal kommen. Ein Outfit, das aus drei Millimeter breiten Po-Klebestrings besteht, als High Fashion zu bezeichnen. Denn die internationale Modebranche hat abseits der aquatischen Genies Christian Diorsch und Hering Slimane wenig mit Fashion-Fischen zu tun.

Ich bin nicht sicher, was Fotograf Rankin gegen Heidi Klum in der Hand hat, denn sie hat ihn offenbar mit einem Nacktshooting-Exklusivvertrag ausgestattet. Sobald bei GNTM irgendwo ein sekundäres Geschlechtsorgan geblurred werden muss, ist der britische Modefotograf zur Stelle. Für den Fall, dass sich ein paar neugierige Erstseher unter die TV-Zuschauer gemogelt haben, trägt er heute sicherheitshalber ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Rankin“. Zusätzlich erwähnt er stolz, wenn er schon alles vor der Linse hatte: Kate Moss, Gisele Bündchen, Keira Knightley, Madonna, Zendaya, Miley Cyrus, Alicia Vikander, Cara Delevingne, Dua Lipa, Gigi Hadid, David Bowie. Und jetzt endlich Ibo und Godfrey.
Das größtmögliche Kompliment: „Nice Arms!“
Auf die Nackt-Offenbarung reagieren die Models unterschiedlich. Safia möchte ihren Körper für ihren Mann aufbewahren und steigt aus religiösen Gründen aus. Auch Nana steht kurz davor („Alle, die dich kennen, werden dich nackt im Fernsehen sehen!“), zieht aber durch. Julia hingegen bleibt pragmatisch: „Seid ihr alle rasiert?“ Wobei Körperbehaarung zweitrangig ist. Nach der Verwandlung in High Fashion Fische sehen die Kandidaten aus wie Wasserleichen reptiloider Außerirdischer.

Anschließend startet Rankin sein Kundenbindungsprogramm. Anika bekommt ein „Nice Arms!“ Wer handelsübliche Rankin-Kommentare kennt („Du guckst wie ein Pferd!“), ahnt bereits: Das größtmögliche Kompliment. Spätestens bei Boureima allerdings fällt er in alte Gewohnheiten zurück: „Er macht immer das gleiche Gesicht!“ Naja, wenn Boureima Gesichter machen könnte, hätte Rankin vermutlich auch ein anderes. Ebenfalls ein Gesichtsupdate benötigt Antonia. Grimassen-Kritikerin Klum jedenfalls fragt sich: „Muss das Gesicht immer eine Fratze sein?“ Eher wohl ja, denn besser wird es nicht. Selbst Antonias exhibitionistischer Rettungsversuch, sich weiträumig oben ohne zu zeigen, bleibt wirkungslos: „Ich sehe deinen Busen!“ Wie überraschend bei einem Nacktshooting.
Vorgewarnt versucht es Alexavius passend zum künstlichen Fischglibber mit ausgeklügelter Schleimtaktik: „Rankin, du siehst sehr gut aus!“ Rankin allerdings ist erstens heterosexuell und zweitens verheiratet. Daher bremst er Alexavius mit einem alten Model-Sprichwort: „Don’t flirt with the Photographer, flirt with the Camera!“ Oder wie Lothar Matthäus übersetzen würde: „Flöte nicht auf dem Fotografen, flöte auf der Kamera!“
„Bitte mach’ nichts Langweiliges!
Da sind Klum und Rankin bereits derartig verzweifelt, dass sie Yanneck schon vor seinem Auftritt anflehen: „Bitte mach’ nichts Langweiliges!“ Das klappt so mittelmäßig. Immerhin besser jedoch als bei Luis. Der bekommt von Rankin ein motivierendes „weniger Horror, mehr Beauty!“ ins Fashion-Fisch-Zeugnis diktiert. Auch Beinahe-Namensvetter Louis punktet nicht: „Er erinnert mich an eine Figur aus ‚Herr der Ringe‘, aber er modelt wie Gollum.“ Formallogisch kein Widerspruch, denn was ist Gollum? Genau: Eine Figur aus ‚Herr der Ringe‘. Hoffentlich ist Rankin auch im Finale wieder dabei. Die Chance, dass er dann Anna anschreit, sie würde ihn an Britney Spears erinnern, aber dann dauernd „Hit Me Baby, One More Time“ singen, möchte ich nicht verpassen.
Bei Merret schlägt dann direkt wieder der Obszön-Detektor an. Rankin fordert: „Weniger sexy, mehr elegant!“ Selbst Frivolkönigin Klum reagiert verblüffend prüde: „Nicht so lasziv und Brüste bedecken!“ Das ist wichtig, wie Rankin erläutert: „We do fashion, we don’t do sexy posing!“ Vor Schreck löscht Michael Wendlers Ehefrau Laura Müller zu Hause vor dem Fernseher schnell ihre OnlyFans-App. Das hilft Merret am Ende aber auch nicht. Sie muss die Model-Range verlassen. Beim morgigen Ausflug nach München, wo eine Pressekonferenz und ein Casting für eine globale Fastfood-Kette warten, ist sie bereits nicht mehr dabei. Ich aber schon! Bis dann!
