Sören Kobsch ist erst 27, aber dass Arbeitsplätze selbst bei großen Unternehmen nicht unbedingt sicher sind, weiß er schon ganz genau. Als Mitglied der Jugendvertretung bei einem Nutzfahrzeughersteller habe er sich schon vor Jahren mit Kündigungen befassen müssen, sagt er. „In den letzten Jahren gab es viel Unsicherheit für Beschäftigte, gerade in der Autoindustrie.“
Für Kobsch war diese Erfahrung ein Antrieb, sich näher mit dem Thema Arbeitsrecht zu beschäftigen. Er studiert jetzt an der University of Labour – einer Hochschule in Trägerschaft der Gewerkschaften mit Sitz in Frankfurt. Seit 2021 sind ihre Abschlüsse staatlich anerkannt.
Zu den Initiatoren gehört der heutige Kanzler und Geschäftsführer der Hochschule, Rainer Gröbel. Bis 2020 war er Personalleiter der IG Metall. Die University of Labour solle Arbeitnehmervertreter für eine „Mitbestimmung auf Augenhöhe“ ertüchtigen, sagt Gröbel.
Angebot für Berufstätige
Die berufsbegleitenden Studiengänge der Hochschule richten sich insbesondere an Betriebsräte und Gewerkschaftsmitarbeiter, aber auch andere Erwerbstätige können sich bewerben. Damit sie Arbeit und Studium unter einen Hut bringen können, ist der Präsenzunterricht auf wenige Blockveranstaltungen konzentriert: Alle sechs Wochen müssen die Teilnehmer von Donnerstag bis Samstag nach Frankfurt kommen.
Das Konzept Fernstudium ist nicht neu. Die University of Labour zeichnet sich nach Darstellung ihres Präsidenten, Martin Allespach, aber durch eine besondere Schwerpunktsetzung in ihren Studiengängen aus: Im Zentrum stehe die Gestaltung kollektiver Arbeitsbeziehungen.
An den betriebswirtschaftlichen Fakultäten anderer Hochschulen sei das Thema Mitbestimmung „ein blinder Fleck – bei uns ist es der Fokus“, sagt Allespach. Auch beim Arbeitsrecht sei das Angebot vieler Jura-Fakultäten ausbaufähig.

Die University of Labour bietet für das Arbeitsrecht einen eigenen Bachelorstudiengang an. Daneben gibt es den Studiengang „Angewandte Betriebswirtschaftslehre“, der ebenfalls mit dem Bachelor endet. Von April an wird auch ein Masterstudiengang namens „Strategie und nachhaltiges Management“ angeboten – bislang war der Erwerb von Masterabschlüssen nur über ein Kooperationsprogramm mit der Westfälischen Hochschule möglich.
Anders als staatliche Hochschulen erhebt die von der IG Metall und dem Deutschen Gewerkschaftsbund getragene University of Labour Studiengebühren. Bei vielen Studenten übernehme aber der Arbeitgeber wenigstens einen Teil der Kosten, sagt Allespach. Obendrein bestehe die Möglichkeit, sich um Stipendien der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zu bewerben.
Unterstützung auch von Arbeitgeberseite
Einige Unternehmen unterstützten seit Gründung der Hochschule jedes Jahr einige Mitarbeiter beim Studium, finanziell oder auch durch Freistellungen, sagt Kanzler Gröbel. Als Beispiele nennt er Mercedes, Daimler Truck, Volkswagen, die Autozulieferer Bosch und ZF, den hessischen Technologiekonzern Schunk und die Unternehmen der Stahl-Holding-Saar. Gröbel wertet die Unterstützung dieser Unternehmen für studierende Mitarbeiter als Zeichen, dass auch viele Arbeitgeber ein Interesse daran hätten, „eine gute Gesprächsbasis zu schaffen“ etwa mit dem Betriebsrat.

Die Rezession habe allerdings dazu geführt, dass „die Bereitschaft der Arbeitgeber zur Beteiligung an den Studienkosten abnimmt“, sagt Professor Andreas Engelmann, der an der Hochschule Arbeits- und Sozialrecht lehrt. Gleichzeitig offenbare die Krise, mit welch komplexen Fragen auch Betriebsräte durch die Transformation der Wirtschaft konfrontiert seien. „Die Interessenvertretungen handeln für die Belegschaften Superabfindungen aus“, sagt Engelmann mit Blick auf die derzeit besonders gebeutelte Metallindustrie. Doch Betriebsräte sollten sich stärker an der Suche nach neuen Geschäftsmodellen für ihre Unternehmen beteiligen – auch wenn ihnen das Betriebsverfassungsgesetz in strategischen Fragen keine Mitbestimmungsrechte einräume.
Ähnlich äußert sich BWL-Professor Heiko Hoßfeld. „Selbst die am besten ausgebildeten Betriebsräte können nicht jede Situation meistern“, sagt er. „Aber das Potential muss gestärkt werden, frühzeitig zu erkennen, wo Schwächen und Chancen eines Unternehmens oder einzelner Geschäfte liegen.“
„Man kann viel mitnehmen“
Thomas Cassens, der im 5. Semester Arbeitsrecht studiert und viele Jahre Betriebsrat war, sieht viele Anknüpfungspunkte: „Für die Betriebsratstätigkeit sind die Schwerpunkte gut gesetzt, man kann viel mitnehmen für die Mitarbeitendenvertretung.“
Auch unabhängig von seiner Betriebsratstätigkeit habe er aber schon lange den Wunsch gehegt, ein Studium zu absolvieren, fügt der Einundvierzigjährige hinzu. Den Hochschulzugang habe er schon vor vielen Jahren mit seinem Meisterabschluss erworben.
Möglich ist eine Zulassung zum Bachelorstudium an der University of Labour auch schon nach einer dreijährigen Berufsausbildung, sofern sie mit der Note 2,5 oder besser abgeschlossen wurde und der Absolvent außerdem die Mittlere Reife hat. Wer nur eine zweijährige Ausbildung durchlaufen hat, muss zusätzlich zwei Jahre Berufserfahrung mitbringen und für die Zulassung zum Studium eine externe Hochschulprüfung ablegen.
Angelika Franzke gehört zur noch kleinen Gruppe der Alumni, die ihr Studium an der University of Labour bereits abgeschlossen haben. Die Dreiundfünfzigjährige ist Konzernbetriebsratsvorsitzende und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Carl Zeiss AG mit Hauptsitz im schwäbischen Oberkochen. Beide Funktionen hatte sie schon vor dem Studium inne. Von der Möglichkeit, berufsbegleitend an der University of Labour zu studieren, erfuhr sie direkt vom Hochschulpräsidenten Allespach, der ebenfalls dem Aufsichtsrat von Zeiss angehört.
Weiterentwicklung einer Tradition
Mit ihrem Bachelorabschluss habe sich ihr Entwicklungsspielraum für zukünftige Stellen erweitert, sagt Franzke. Aber auch bei der Interessenvertretung für die Belegschaft, besonders im Aufsichtsrat, profitiere sie vom Studium. „Ich kann Punkte, die mir wichtig sind, jetzt besser untermauern und mir damit leichter Gehör verschaffen“, sagt Franzke. Als besonders gute Übung empfand sie die Aufgabe, zu jeder Lerneinheit einen sogenannten Transfer-Dokumentationsreport zu schreiben – darin sollten die Studenten darlegen, wie sie die Inhalte des jeweiligen Moduls in ihrem eigenen Aufgabenbereich nutzen könnten. „Das hat mir wirklich geholfen, das Gelernte später auch anwenden zu können.“
Rund 60 Erwerbstätige haben laut Hochschulleitung bislang ein komplettes Studium durchlaufen, ein Großteil davon allerdings noch in einem in Kooperation mit der privaten Steinbeis-Hochschule angebotenen Studiengang. Größer ist die Zahl der Teilnehmer in den Kursen für sogenannte Hochschulzertifikate – das sind Abschlusszeugnisse für Weiterbildungen, die zwischen sechs und zwölf Monaten dauern. 2025 haben an allen Studiengängen und Kursen zusammen etwa 200 Personen teilgenommen, bis 2030 wollen Gröbel und Allespach diese Zahl verdreifachen.
Sie entwickeln damit eine Tradition weiter, die in Frankfurt vor mehr als hundert Jahren mit der Akademie der Arbeit begründet wurde. Diese mittlerweile in Europäische Akademie der Arbeit umbenannte Einrichtung bietet einen einjährigen Intensivkurs an, in dem Grundlagen des Arbeitsrechts und der Wirtschaftswissenschaften, aber auch gesellschaftspolitische Fragen behandelt werden.
