In dem Video, projiziert auf eine Leinwand im Gerichtssaal, sieht man Markus F. ganz vorn, in erster Reihe: sportlicher Typ, schwarze Nike-Sneaker, North-Face-Kappe, das Gesicht hinter einem weißen Schlauchschal versteckt. Er greift nach einem roten Metallkorb, schmeißt ihn in Richtung der Polizisten. Er nimmt eine Fahnenstange in die Hand, etwa eineinhalb Meter lang. Erst droht er damit, dann wirft er auch sie nach vorn. Zusammen mit anderen hebt er auch ein Absperrgitter auf. Über Kopf werfen sie das schwere Gitter auf die Polizisten.
„Ja, das war ich“, sagt Markus F., der Angeklagte. „Das war scheiße“, sagt er auch.
Der Richter wird es dem 37 Jahre alten F. später, bei der Urteilsbegründung, zugutehalten, dass er sofort zuzugeben hat, der Mann in dem Video zu sein. Völlig eindeutig ist er darin nämlich nicht zu erkennen. Hätte F. seine Taten nicht gleich gestanden, hätte wohl erst eine aufwendige Analyse durchgeführt werden müssen, um zu klären, ob er tatsächlich der von Polizeikameras gefilmte Randalierer ist. Darauf kann nun verzichtet werden. Markus F. sagt: „Ich will reinen Tisch machen.“
Im Waldstadion eskaliert die Gewalt
Am 25. November 2023 kommt es im Frankfurter Waldstadion zum Knall. Die Eintracht spielt gegen den VfB Stuttgart. Im und rund um das Stadion ist schon früh jede Menge los, ein Fanweihnachtsmarkt wird gefeiert. Als etwa um 17.50 Uhr jemand versucht, ohne das dafür notwendige Ticket in den Block 40 zu kommen, gibt es Ärger. Der Block 40 ist so etwas wie das Herz des Waldstadions: Nordwestkurve, Stehplätze, das Revier der Ultras. Hier kommen die treusten Anhänger des Vereins zusammen.
Ein Ordner hält den Fan auf, der ohne das richtige Ticket in die Nordwestkurve will. Andere Eintracht-Anhänger eilen ihm zu Hilfe, ein Streit entbrennt, es gibt Gerangel, die Polizei kommt dazu – zunächst noch „unbehelmt“, wie es in der Behördensprache heißt. Kaum fünf Minuten später explodiert die Gewalt.
Unter den Ultras macht ein Gerücht die Runde: Stuttgarter Fans wollten den Block stürmen, heißt es. Die Eintracht-Anhänger rennen hinaus, stehen den Polizisten gegenüber, Augenblicke später greifen sie an. „Bullenschweine, Bullenschweine“, brüllen sie. Und: „Unser Block, unsere Regeln.“

Doch die Oberhand behalten lange die Fans. In dem Video, das im Gerichtssaal projiziert ist, sieht man, wie die Polizisten sich Schritt für Schritt zurückziehen, wie sie von den aggressiven Fans eingekreist werden. „Die Randale-Schande von Frankfurt“: So wird die „Bild“-Zeitung später titeln.
Ein Ende der Reihen an Prozessen ist noch nicht in Sicht
Bei ihrem Angriff setzen die Fans massive Gewalt ein. Stangen fliegen, Flaschen, Bengalos, ein aus der Wand gerissenes Waschbecken. Metallgitter werden in Richtung der Polizeibeamten geworfen, später werden die Randalierer auch einen Rettungswagen zerstören. Die Polizisten reagieren mit Pfefferspray und gehen mit Schlagstöcken gegen die Eintracht-Anhänger vor – auch zahlreiche Unbeteiligte werden dabei verletzt. Nicht wenige Fans werden später sagen, dass die Polizei unverhältnismäßig brutal vorgegangen sei.
45 Minuten dauert der Gewaltexzess im Frankfurter Fußballstadion. Seine Aufarbeitung benötigt deutlich mehr Zeit. Monatelang werden Videoaufnahmen ausgewertet, es gibt Hausdurchsuchungen, auch eine Öffentlichkeitsfahndung. Staatsanwälte ermitteln, schreiben Anklageschriften und Strafbefehle. Und an den Gerichten, vor allem dem Frankfurter Amtsgericht, aber auch am Landgericht, wird verhandelt. Wann die Reihe der Prozesse enden wird, ist noch nicht absehbar.
Auf der Anklagebank sitzen Männer wie Markus F., die sich selbst nicht wirklich erklären können, warum sie damals so ausgerastet sind, warum sie sich dem Rausch der Gewalt nicht entziehen konnten. Man lernt in diesen Prozessen einiges über Gruppendynamiken – aber auch über das Selbstverständnis von Fußballfans.
Markus F. war „schon als Kind“ fußballbegeistert und schwärmte für die Eintracht. Er wohnt in Frankfurt-Niederrad, nicht weit vom Stadion entfernt. In der Nordwestkurve hat er seinen „Stammplatz“. Er liebe die Stimmung im Stadion, sagt er, die Freundesgruppe, mit der er die Spiele gemeinsam besucht, sei ein wichtiger Teil seines Lebens. Dass er nach den Ausschreitungen ein Stadionverbot erhalten hat, das bis 2028 gilt, „schmerzt mich sehr“.
F. spielt in der Freizeit auch selbst regelmäßig Fußball. Er hat Erzieher gelernt, arbeitet heute aber „in der Gastro“. Gerade ist er Vater geworden, dreieinhalb Monate ist sein Kind alt. Als Gewalttäter ist er auch schon früher aufgefallen: Er war an einer Kneipenschlägerei und an einer Auseinandersetzung bei einem Kreisligaspiel beteiligt.
An dem Tag, an dem es im Frankfurter Stadion zum Gewaltexzess kam, habe er sich „mitreißen lassen“, sagt er. Als eine Art Sog beschreibt er die Ereignisse. „Man hört einfach: Da draußen passiert etwas. Dann bin ich los.“
Ganz ähnlich klingt es, zwei Wochen später, auch beim Prozess gegen den 27 Jahre alten Manuel P., der als Lagerlogistiker arbeitet. Auch P. erzählt davon, wie eng sein Verhältnis zur Eintracht und zur Fanszene ist. „Fußball ist der Mittelpunkt in meinem Leben“, sagt er. Auch gegen ihn wurde nach der Randale ein Stadionverbot ausgesprochen, auch er leidet darunter. „Das trifft mich hart, aber es ist gerecht“, sagt er. „Brutal und beschämend“ nennt er sein Verhalten am 25. November 2023.
„Sie sind da völlig eskaliert“
Genauso wie Markus F. gehört auch Manuel P. zu den Fans, die bei den Ausschreitungen durch extreme Brutalität aufgefallen sind. „Das Video von Ihnen ist das schlimmste, das ich gesehen habe“, sagt die Staatsanwältin während der Verhandlung. „Sie sind da völlig eskaliert.“
Auch P. steht bei den Ausschreitungen in der vordersten Reihe. Er schmeißt zunächst einen Becher und versucht, einen Polizisten zu treten. Nachdem die Beamten Pfefferspray gegen die Randalierer eingesetzt haben, zieht er sich in den Block zurück, wischt sich die tränenden Augen mit Wasser aus. Doch schon nach kurzer Zeit kehrt P. zurück, schließt sich den Gewalttätern wieder an – und geht nun noch deutlich härter gegen die Polizisten vor.
Eine Fahnenstange schleudert er mit solcher Wucht, dass sie am Rücken eines Polizisten zerplatzt. Mehrmals wirft er Absperrgitter in ihre Richtung. Bei einem dieser Würfe trifft er einen Polizisten am Kopf. Das Visier seines Helms aus Spezialglas, das etwa viermal so stark ist wie bei einem Motorradhelm, zerspringt. „Dass das passieren kann, habe ich nicht für möglich gehalten“, sagt der angegriffene Polizist, der als Zeuge zur Verhandlung geladen wurde.
Er sei vor dem Spiel auch schon bei gewalttätigen Demonstrationen im Einsatz gewesen und nicht zimperlich, berichtet der Polizist. Die Gewalt der Eintracht-Fans an diesem Tag aber habe alles zuvor Erlebte weit übertroffen. „Ich hatte Angst um mein Leben, es ist reines Glück, dass ich heute hier nicht im Rollstuhl sitze.“ Nach den Ausschreitungen benötigte er psychologische Betreuung. Er musste aufarbeiten, was im Stadion passiert war. Die Bilder des Abends gehen ihm bis heute durch den Kopf.
Manuel P. und Markus F. versuchen vor Gericht nicht, die Gewalt kleinzureden. Beide bereuen ihre Taten. Sie sagen, dass sie entsetzt waren, wozu sie sich hinreißen haben lassen. Manuel P. bittet den Polizisten, den er mit dem Absperrgitter angegriffen hat, im Gerichtssaal um Entschuldigung. Die beiden Fußballfans stellen sich aber auch die Frage: Wie konnte es dazu kommen? Was hat sie so „getriggert“, dass sie nicht nur zum Teil eines Mobs wurden, sondern zu denen gehörten, die mit außergewöhnlicher Brutalität vorgingen?
Markus F. erzählt von dem Fanweihnachtsmarkt, der vor dem Spiel lief. Er habe dort „ordentlich konsumiert“, deutlich mehr getrunken als sonst bei Stadionbesuchen. Eistee mit Rum, heißer Apfelwein, jede Menge Schnäpse. Der Alkohol habe ihn sicherlich enthemmt.
Manuel P. war am Vormittag vor der Randale im Krankenhaus. Dort lag ein enger Verwandter von ihm im Sterben. „Das hat mich mitgenommen, da ging viel in mir ab“, sagt er. Und dass es „idiotisch“ war, in diesem aufgewühlten Zustand direkt nach dem Krankenhausbesuch ins Frankfurter Stadion zu fahren. „Heute weiß ich: Das hättest du niemals machen dürfen.“
Nach den Ausschreitungen hörte man oft Sätze wie: Die Eskalation hatte sich angekündigt. Oder: Da hat sich etwas angebahnt. Schon in den Monaten zuvor war es immer wieder zu Stress zwischen Fans und Polizisten gekommen. Die Fußballeuropameisterschaft in Deutschland stand bevor, die Polizei habe deshalb noch einmal Stärke zeigen wollen: So sahen es damals viele Fans.
Von einem „Kräftemessen“ war die Rede, von einer angespannten Stimmung. Nicht nur in Frankfurt, sondern auch an anderen Orten, im Millerntor-Stadion in Hamburg, auf Schalke, in Bochum und Stuttgart, hatte es zu der Zeit Ausschreitungen gegeben.

Der Fanforscher Harald Lange von der Universität Würzburg sprach wenige Tage nach dem Frankfurter Gewaltausbruch in einem Interview mit der F.A.Z. davon, dass die „Distanz zwischen Fußballmanagement und Zuschauern“ deutlich größer geworden sei. Eine gemeinsame Ebene würde schon länger fehlen, stattdessen sei ein Machtkampf ausgebrochen. Auf der einen Seite stünden der Deutsche Fußball-Bund, die Deutsche Fußball-Liga und die Vereinsspitzen, auf der anderen die Fans.
Vereinsfunktionäre betrachten Fans immer häufiger als Kunden, die ins Stadion kommen, ihre Mannschaft anfeuern und nach Abpfiff wieder nach Hause fahren – wie die Besucher eines Konzerts oder Theaterstücks. Eingefleischten Fans aber reicht das nicht, sie brauchen mehr Emotionen und auch mehr Identifikation. Sie sehen sich nicht als brave Konsumenten, sondern als vitale Subkultur. „Unser Block, unsere Regeln“: Das ist für sie keine Floskel, sondern ein ernst gemeintes Statement.
Fans sind emotional, sie fühlen sich ihrer Mannschaft eng verbunden und sorgen für Stimmung. Das ist es auch, was den Charme eines Stadionbesuchs ausmacht, nicht nur für die sogenannten Ultras, sondern für alle Fußballbegeisterten. Was wäre das Eintracht-Stadion ohne seine frenetisch jubelnden Fans? Was wäre es ohne die spektakulär inszenierten Choreographien? Ohne die Fahnenschwinger und die Fangesänge? Eine ziemlich öde Angelegenheit.
Dass die Frankfurter Spiele regelmäßig ausverkauft sind, dass Dauerkarten nicht mehr auf den Markt gelangen, sondern von Generation zu Generation weitergegeben werden, liegt zu großen Teilen an den Eintracht-Fans, die ihre Mannschaft ausgelassener und heftiger feiern als anderswo. Europaweit sind die Frankfurter Fans dafür bekannt. Weil sie authentisch sind, werden sie respektiert und auch von Lokalpolitikern, Bankern und Unternehmern bewundert.

Über den gelegentlich aufblitzenden Hang eines Teils der Fans zur Gewalt wird deshalb manchmal hinweggesehen. Das war auch nach der Randale beim Spiel gegen den VfB Stuttgart so: Die Erzählung von Fan-Gruppierungen, erst das Eingreifen der Polizei habe zur Eskalation geführt, haben damals viele übernommen. Wie massiv die Angriffe auf die Polizisten waren, haben die Videos in den sozialen Netzwerken jedoch klar gezeigt.
Der Angeklagte Manuel P. spricht heute von einem „Schock“, wenn er das Video sieht, in dem er Polizisten angreift. Er sagt, dass er sich dafür unglaublich schäme. „Es war krass, und es hätte noch viel schlimmer ausgehen können. Jeder wusste: Da ist etwas aus dem Ruder gelaufen.“
Während der Randale hätte es einige Momente gegeben, um aus der Gewaltspirale auszusteigen, um zu gehen. Dass er sie nicht ergriffen hat, sei seine Schuld. „So etwas wird nie wieder vorkommen“, verspricht er im Gericht.
Wie fällt das Urteil gegen ihn aus? Manuel P. hat Glück. Anders als von der Staatsanwältin gefordert, muss er nicht in Haft. Er wird zu einer Bewährungsstrafe – ein Jahr und zehn Monate – verurteilt. An den Polizisten, auf den er ein Gitter wuchtete, und an einen weiteren Beamten, der durch ihn verletzt wurde, muss er Schmerzensgeld zahlen.
Und auch Markus F., der schon früher durch Gewalttaten aufgefallen war, kommt gerade noch einmal mit einer Bewährungsstrafe davon. Zu zwei Jahren auf Bewährung wird er verurteilt. Außerdem muss er Arbeitsstunden ableisten und an einem Antiaggressionstraining teilnehmen.
