Der Gewaltausbruch war absehbar. Wer die Rivalität kannte, wer die Krawalle der vergangenen Monate verfolgt hatte, konnte erahnen, was sich im Rudolf-Harbig-Stadion entladen würde. Darin liegt die Brisanz, die über den Karsamstag in Dresden hinausreicht: Die Risiken lagen offen, trotzdem blieb es bei Routinen. Am Ende verloren alle, weil zu viele seit Jahren wissen, wie fragil die Lage ist, und dennoch nichts ändern.
Vermummte überwanden Absperrungen, der Innenraum verwandelte sich in eine Jagdzone, und die Fußballprofis von Dynamo Dresden und Hertha BSC wurden von Hauptdarstellern zur Staffage degradiert. Pyrotechnik, die in Choreographien als Mittel für die Entwicklung einer besonderen Stimmung verkauft wird, flogen als Geschosse hin und her – ein Tabubruch: Wer auf Fans schießt, kann das nicht mit schönen Emotionen erklären. Dahinter steckt die nackte Aggression.
Dennoch erscheinen die Reaktionen der Verantwortlichen wieder reflexhaft: Worte der Verurteilung mischen sich mit Appellen. Das reicht nicht. Wer Fankultur als identitätsstiftendes Kapital beschreibt, muss erklären, warum Regeln in manchen Teilen der Szene so verlässlich missachtet werden. Diese Fans verlangen Mitspracherecht, fordern Freiräume und reklamieren Legitimität. Doch mit dem Anspruch entsteht auch eine Pflicht zur Verantwortung. Sie ist nicht mehr erkennbar, wenn die Aussage „Wir halten zusammen“ zur Ausrede für Übergriffe wird.
An das Knistern in den Kurven hat man sich gewöhnt. Der harte Kern der Ultras gewinnt an Status durch jede Grenzverschiebung. Den Preis zahlen andere: Ordner, Familien, Spieler, Einsatzkräfte. Wer diese Spirale stoppen will, muss eine klare Kommunikation pflegen, präzise Sanktionen verfolgen und anhaltend Durchsetzungskraft zeigen. Dazu gehören Stadionverbote, detaillierte Zugangsüberprüfungen, Blocktrennungen und eine lückenlose Beweissicherung.
Der CDU-Politiker koppelt den Kurs der nächsten Innenministerkonferenz im Juni an „drakonische Konsequenzen“ und erklärt den bisherigen Gesprächsmodus für erledigt. Der Fußball setzte lange darauf, die Konflikte im eigenen System bändigen zu können. Ein Irrweg, wie nun auch die Hooligans der Hertha und von Dynamo bewiesen.
Der Deutsche Fußball-Bund hat zwar Ermittlungen aufgenommen, es werden Geldbußen folgen, Blocksperren sind zu erwarten. Das gehört mittlerweile zum Pflichtprogramm nach Kontrollverlusten. Die Kernfrage wird aber nicht entscheidend beantwortet: Wie wird auf offenkundige Risiken so konsequent reagiert, dass der nächste Funke nicht wieder zündet? Sicherheitskonzepte verdienen ihren Namen erst, wenn sie Exzesse verhindern.
Die Ausschreitungen in Dresden spiegeln ein chronisches Gewaltproblem im Fußball. Mahnrufe und punktuelle Reaktionen verhindern „brennende“ Kurven offenbar nicht. Bleibt alles beim Alten, erwartet uns Schlimmeres. Denn wer mit Silvesterraketen und Böllern auf Menschen zielt, wird eines Tages mehr als die Fankultur verbrennen. Offen ist nur, wo es geschehen wird.
