„Das Gemetzel war furchtbar“, sagt Cornelia Staab. Die Marxheimerin kam im vergangenen Jahr zufällig an der schmalen Straße vorbei, die zum Ausflugslokal Viehweide führt. Staab trägt gerne ein Tier über die Straße, wenn es Hilfe benötigt, sei es eine Kröte oder eine Weinbergschnecke, aber hier kam sie zu spät. Hunderte Kröten waren überfahren worden, als sie sich auf ihre nächtliche Wanderung aus dem Wald hinüber zum Teich begaben. Sie rief gleich bei der Stadt an und beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und fragte, ob man da nicht etwas tun könne.
In diesem Jahr ist zum Glück alles anders. Staab hat sich in den offiziellen Krötendienstplan von Stadt und BUND eingetragen, und jeden Montagmorgen fährt sie mit dem Fahrrad zur Viehweide, um den neu errichteten Krötenzaun abzugehen. Zusammen mit insgesamt dreißig weiteren Freiwilligen sammelt sie die Tiere aus den Eimern ein und trägt sie über die Straße. Die Tiere werden nur mit Gummihandschuhen angefasst, damit die Menschen keine Krankheiten auf sie übertragen. Momentan sind es zwei Schichten, morgens und abends, mit mindestens zwei Krötenrettern. Manchmal ist auch noch eine Nachtschicht unterwegs.
Huckepack zum Laichteich
Sobald die Temperaturen über zehn Grad steigen, graben sich die Kröten aus der Erde, wo sie den Winter verbracht haben. Deshalb heißen sie Erdkröten, auf Lateinisch Bufo bufo. Die größeren Weibchen suchen die Teiche auf, in deren Umkreis sie leben, besonders gern in Laubwäldern und Streuobstwiesen. Huckepack haben sie eins der kleineren Männchen, manchmal sogar mehrere. Zusammen kriechen sie als Doppeldecker los, denn im Unterschied zum Frosch hüpfen sie nicht. Und der Laich treibt nicht als Klumpen im Teich, Kröten laichen Schnüre ab. Ihr Körper ist warzig, gegen Fressfeinde weiß sie sich mit Hautgiften zu verteidigen. Den Waschbär, der ebenfalls im Hofheimer Wald vorkommt, kümmert das wenig. Gegen ihn sollen die Eimer bald noch eine Abdeckung erhalten.

Die Kröten bleiben im Teich sitzen, bis das Wetter ihnen genehm ist, dann kriechen sie zu Hunderten gleichzeitig wieder zurück. „Froschregen“ habe man das Phänomen früher genannt, erläutert Tanja Lindenthal vom BUND Hofheim. Denn man habe sich nicht erklären können, wo all die Kröten auf einmal hergekommen sein könnten.
Nach dem Krötensterben vom Vorjahr haben sich Stadt und BUND zusammengetan. Ende Januar fand im Rathaus eine Auftaktveranstaltung statt, in der das Tier vorgestellt wurde und sich Freiwillige schon in die Krötendienstpläne eintragen konnten. Die Stadt Hofheim übernimmt die Koordination der Helfer unter der Woche, der BUND am Wochenende.
Mehr als 1500 Kröten in der Saison
Die untere Naturschutzbehörde des Kreises hat die Rettungsaktion finanziert, etwa den rund 550 Meter langen Zaun, der seit Februar an der Straße steht. Alle zwanzig Meter ist ein Eimer eingegraben, der mit Laub und Moos ausgepolstert ist – nicht nur, damit die Kröte weicher fällt, sie trocknet dann auch nicht so schnell aus. Ein Stock ermöglicht es kleinen Säugetieren, sich wieder aus der Falle zu befreien. Kröten schaffen das nicht. Oder zumindest fast nicht: „Eine haben wir beim Ausbrechen erwischt“, sagt Lindenthal.

Der Höhepunkt der Krötenwanderung war in diesem Jahr die Nacht vom 27. auf den 28. Februar, da machten sich etwa 450 Tiere auf den Weg. Insgesamt, so schätzt Lindenthal, dürften in dieser Saison etwa 1500 bis 1600 Kröten die Straße an der Viehweide überqueren. Die Krötenretter füllen ein Formular aus, wie viele Tiere es waren, wie viele davon Männchen und Weibchen, und ob sich auch andere Tiere im Eimer fanden. Am Ende der Wanderungszeit wird man in Hofheim mehr über den Bestand der geschützten Tiere wissen.
Denn für die Stadt ist es die erste Rettungsaktion. „Nächstes Jahr können wir noch optimieren“, sagt Julia Bartsch, die als Fachbereichsleiterin Stadtgrün auch für Wald und Wiese zuständig ist. Wie lang muss der Zaun sein? Auf welchem Abschnitt sind die meisten Kröten unterwegs? Kann man den mobilen Krötenzaun rund um den Teich für die Rückkehrer noch verbessern, durch den derzeit noch einige durchschlupfen? Und befindet sich am Teich noch irgendwo Hasendraht, der Kröten abhält?

Erdkröten gibt es nicht nur in fast ganz Europa, ihr Verbreitungsgebiet reicht von Finnland bis Marokko, von Spanien bis zum Baikalsee. Selten ist das Amphibium nicht, aber es hat mit Herausforderungen zu kämpfen. In sehr reglementierten Wäldern, die als Fichtenplantage beförstert werden, kommen Erdkröten nicht vor. Oft ist ihr Lebensraum zerschnitten, etwa durch Straßen. Ein weiteres Problem sind Pestizide.
Der BUND wirbt daher um Verständnis für das auf den ersten Blick wenig niedliche Tier. Tatsächlich haben manche Menschen Berührungsängste. Auch einige Schulkinder fänden die Tiere zunächst eklig, sagt Lindenthal. Wenn sie aber erst eine Kröte auf der behandschuhten Hand sitzen hätten und fühlten, wie kalt sie sei, wecke das bald die Neugier.
An der Viehweide sollen künftig Tafeln über die Krötenpopulation aufklären und die Lebensweise von Bufo bufo erklären. Direkt am Zaun gab es schon einige Vorträge und Aktionen, bei denen freiwillige Helfer dazugewonnen werden konnten. Schüler der Montessori-Schule haben einen Podcast zur Erdkröte erstellt. Außerdem entstand ein Kinderbuch, das nun in jedem Hofheimer Kindergarten erklärt, warum Kröten gerettet werden müssen. Bezahlt habe das der Erste Stadtrat Daniel Philipp (Die Grünen) aus seiner eigenen Tasche, so Lindenthal.
Die Mühe hat sich allem Anschein nach gelohnt. Statt Hunderter sind in Hofheim dieses Jahr, Stand jetzt, nur zehn Erdkröten ums Leben gekommen.
