Damit hatte der Gast nicht gerechnet. Die Vorinformationen lauteten, dass in einem der Gebäude der Bitburger Brauerei überraschend gut gekocht werde. Solche Informationen muss man normalerweise bei Brauhäusern mit Vorsicht genießen – gerade außerhalb der großen Brauhaus-Zentren in Bayern und im Rheinland, wo natürlich die Konkurrenz groß und deshalb das Niveau oft nicht schlecht ist.
Das „Simonbräu“ in der Südeifel ist aber anders, weil die Küche sich in dem großen, dezent modernisierten Haus mitten in der Stadt und neben der Brauerei nicht an die üblichen Klischees von Haxe, Schnitzel und Bratwurst hält. Man betritt die Gasträume und bemerkt, dass die blanken, massiven Holztische neu sind, der Charakter einer Brauereigaststätte aber noch vorhanden ist.
Das Essen hat es in sich
An diesem Mittag ist es hier gut gefüllt, allerdings nicht unbedingt mit Leuten, die zum Frühschoppen Bier trinken. Hier sind alle wohl vor allem zum Essen gekommen. Und das hat es in sich. Den Anfang macht „Lachs – gebeizt und Tatar, Kohlrabi, Granny Smith, Buttermilch“ (17 Euro), ein Gericht, das optisch damit überrascht, dass es wie eine differenzierte Gourmetküche wirkt. Das allein wäre jetzt noch nicht unbedingt ein besonderes Merkmal, weil man Optik vergleichsweise leicht kopieren kann. Die nächste Überraschung ist, dass es auch so schmeckt.

Wenn man sich staunend durch die vielfältigen Bezüge zwischen gutem Ausgangsprodukt, Frische, feinen Kohlnoten, einer wunderbar leichten, eleganten Säure und einem Hauch von Cremigkeit probiert, wird deutlich, dass hier ein Koch mit großer Übersicht und sicherem Gefühl für Proportionen arbeitet. Und das in einem Restaurant, das sich ganz einfach „Brauerei-Ausschank“ nennt.
Auch der Kalbsbries überzeugt
Nach dem Lachs ist es dann erst einmal kein Wunder, dass das „Kalbsbries – Karotte, Ingwer, Crunch, Jus“ (22 Euro, aus den „besonderen Empfehlungen“ auf der Karte) genauso überzeugt. Es gibt ja Leute, die Innereien wie das Bries gar nicht erst bestellen. Hier könnten sie umdenken, weil das Produkt in dieser Qualität von Zubereitung einfach zum Feinsten gehört, was man an Innereien bekommen kann, und das ohne irgendeine „Innereien-Note“.

Auch die Begleitung ist wieder präzise abgestimmt – vor allem mit einem Hauch von Ingwerschaum und dem „Crunch“, einer Art krosser Brösel, die zusammen mit dem Bries ein sehr schönes Mundgefühl ergeben.
Natürlich stellt sich dem Gast die Frage, ob das für ein solches Haus nicht ein zu anspruchsvolles Programm ist – auch wenn der Blick in die Runde große Freude bei allen Gästen erkennen lässt.

Nein, muss die Antwort lauten. Hier weiß ein Koch, was er tut, und bietet eine Art „Schnittmengenküche“ an: Diese nie aggressiven, nie extremen, feinen Gerichte sind das, was „ganz normale“ Gäste genauso mögen wie Gourmets. Beide werden aus ihrer Sicht sagen, dass so etwas wunderbar schmeckt, und fragen, warum es so etwas nicht häufiger irgendwo gibt.
Man reibt sich die Augen
Der Chef des Hauses, Marcel Foegen, hat tatsächlich viel in der Gourmetküche gearbeitet und schafft es hier, das Beste aus beiden Welten zusammenzubringen. Wie zum Beweis bleiben auch die Hauptgerichte problemlos auf Kurs. Der „Wolfsbarsch – Artischocke, Liebstöckel, Pommery-Senf, Kartoffel-Liebstöckel-Püree“ (32 Euro) hat keinerlei Schwächen und glänzt mit einem besonders guten Artischockenaroma in Stücken und Püree und einer Liebstöckelnote, die weit entfernt von plakativer Herbheit ist.
Bei den „Kalbsbäckchen – breite Bohnen, Minikräuterseitlinge, Rahmjus, Gnocchi“ (30 Euro) kommt die Küche der bürgerlichen Süffigkeit mit nicht zu stark glasiertem Fleisch, einem sehr harmonisch wirkenden Rahmjus, Riesengnocchi und als frischem Kontrast den puristisch gehaltenen, knackig-frischen Bohnen entgegen.
Beim Wein ist die Auswahl zuverlässig, aber nicht adäquat glanzvoll (etwa Van Volxem Schiefer-Riesling). Dafür ist der Preis mit fünf Euro pro 0,1 Liter angenehm zurückhaltend kalkuliert.
Man reibt sich jedenfalls im „Simonbräu“ die Augen, und der Gaumen freut sich. So etwas geht also und überwindet aufs Beste und mit moderaten Preisen die typische Zweiteilung von bürgerlicher Küche und Gourmetküche. Dringend zu empfehlen – für Gastronomen auch zur Nachahmung.
