Mary Bruce kann die Kugel immer noch in ihrem Oberschenkel fühlen. In den sieben Jahren ist sie tiefer gerutscht, sitzt jetzt oberhalb des Knies. Warum die „Americans“ und die „Ghetto Kids“ an dem sonnigen Tag im Januar in Hanover Park, als Mary Bruce draußen die Wäsche aufhängte, aufeinander schossen, weiß sie bis heute nicht. Die Mitglieder der „Americans“-Gang hatten sich auf der einen Straßenseite positioniert, die „Ghetto Kids“ auf der anderen, und sie befand sich dazwischen.
Als sie am Boden kauerte, flogen die Kugeln weiter. „Gott hilf mir, dachte ich, griff nach meinem verletzten Bein und kroch unter einen Pickup, der da geparkt stand“, erzählt die 55 Jahre alte Südafrikanerin. Im Krankenhaus erfuhr sie später, dass an dem Morgen eine weitere Frau kurze Zeit nach ihr angeschossen worden war. Sie war mit ihrem Kind die Straße entlang gegangen. „Wer weiß, was noch passiert wäre, hätte sie die Kleine an der anderen Hand gehalten.“
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Über das Ereignis berichteten noch nicht einmal die Lokalnachrichten ausführlich. Hanover Park ist ein Hotspot der Bandenkriminalität in den Cape Flats. Das ist eine Region, die zu Kapstadt gehört, aber mit den Bildern der malerischen Küstenstadt, wie man sie aus Touristenführern und Influencer-Posts kennt, so gut wie nichts gemeinsam hat.
Ende Februar wurden hier in nur einer Woche 47 Menschen getötet. Von Januar bis September vergangenen Jahres waren es mehr als 2100 gemeldete Tötungsdelikte. Im Monatsdurchschnitt macht das 233. Um die Bandenkriege zu beenden, kündigte Staatspräsident Cyril Ramaphosa kürzlich an, das Militär solle die offenkundig überforderte Polizei unterstützen. Ob das zum Erfolg führt, bezweifeln allerdings selbst Regierungsmitglieder.
Ihr Sohn kam bei einem Schusswechsel ums Leben
Mary Bruce sitzt mit bandagiertem Bein in einem weichen Ledersessel. Im Fernseher läuft die Übertragung eines Open-Air-Konzerts kirchlicher Musikgruppen. Halleluja-Rufe und das Crescendo vieler Geigen mischen sich in ihren Bericht über die Schüsse, die Operationen und die andauernden Schmerzen im Bein. Dann geht sie weiter in die Vergangenheit zurück: die Teenagerschwangerschaft, der Missbrauch in der ersten Ehe und der Tod des ältesten Sohnes.
Im Alter von 14 Jahren hatte sich der Junge einer Gang angeschlossen. Ums Leben kam er wie so viele bei einem Schusswechsel. Kinder aus „zerbrochenen“ Familien könnten von den Gangs so leicht rekrutiert werden, sagt Bruce und weist auf den Spiegel an der Wand, in dem ein paar Stücke fehlen. „In einer solchen Familie aufzuwachsen, ist, als ob man jeden Tag in so einen Spiegel blickt. Irgendwann ist man selbst zerbrochen und leichte Beute.“

Von der Ostflanke des Tafelbergmassivs, wo sich weiß getünchte Villen in blühenden Gärten verstecken, sind es nur ein paar Kilometer bis in die Cape Flats. Größere Wohngebiete entstanden dort erst von den Sechzigerjahren an. Damals hatte die Apartheidregierung auf der Basis des Group Areas Act, eines zentralen Gesetzes zur Rassentrennung, Innenstadtviertel, in denen Menschen verschiedener Hautfarben lebten, als „weiße“ Gegenden deklariert.
In Kapstadt ist der District Six das berühmteste Viertel gewesen, das dem Gesetz und den Planierraupen der weißen Minderheitsregierung zum Opfer fiel. Mehr als 60.000 Bewohner wurden bis in die frühen Achtzigerjahre zwangsweise umgesiedelt.
Für die vertriebenen „Coloureds“ – eine eigene, aus gemischten Wurzeln stammende Bevölkerungsgruppe – schuf die Regierung auf dem flachen, dünn besiedelten Land ein neues Viertel. Lange Reihen mehrstöckiger Wohnblöcke wurden auf dem sandigen Boden errichtet. Ein soziales Leben wie einst im bunten und quirligen District Six entwickelte sich in diesem Ghetto nicht mehr.
„Es ist der einzige Job, den wir hier haben, verstehst du?“
Am Ortseingang von Hanover Park stehen heute gut sichtbar zwei Polizeiautos. Die Sonne brennt auf die Karosserien, die Beamten haben die Türen geöffnet. Viel los scheint an diesem Vormittag nicht zu sein. Ein paar Jugendliche spielen Fußball auf einer breiten Straße, nicht weit von Mary Bruces Wohnblock.
Zwei Männer sitzen im Schatten einer Mauer. Sie sind gern zu einem Gespräch bereit. Ibrahim, in Jogginghose und Nike-Schlappen, sagt, die Ankunft des Militärs sei derzeit das große Thema. Angeblich seien Soldaten schon drüben in Manenberg gesichtet worden, aber genau wisse er es nicht.
Ob er das gut finde? Die übrigen Jungs hören gespannter zu, Ibrahims Cousine gesellt sich dazu. „Wir werden sie mit all unseren Waffen in Grund und Boden schießen“, grölt er. Die anderen lachen, die Cousine lächelt etwas unsicher. Dann erzählt Ibrahim, er habe nichts gegen Gangs einzuwenden. Er gehöre selbst einer an. „Es ist der einzige Job, den wir hier haben, verstehst du?“.
Die 13 wichtigsten Gangs haben mehr als 70.000 Mitglieder
Die Geschichte der Gangs in Südafrika reicht mehr als 100 Jahre zurück, bis in die Zeit, als Gold und Diamanten im Landesinneren gefunden wurden und Pioniere, Abenteurer und Glücksritter aus vielen Teilen der Welt an die Südspitze des Kontinents pilgerten. Schwarze Arbeiter aus der Region und den Nachbarländern schufteten damals in den Bergwerken rund um Kimberley und Johannesburg.
Die Verlockungen, die mit dem Gold- und Diamantenrausch einhergingen, zogen aber auch junge schwarze Männer vom Land in die frühen Minensiedlungen, die nicht für weiße Bosse arbeiten wollten. Sie brachten sich mit allerlei kriminellen Aktivitäten durchs Leben und schlossen sich in Gangs zusammen.
Die bekannteste Gang, die Ninevites, trieb fast zwei Jahrzehnte lang ihr Unwesen. Ihre Mitglieder raubten, plünderten, töteten und gaben unter den Insassen in vielen Gefängnissen den Ton an. Solche Gefängnis-Gangs entwickelten sich während der Zeit des Apartheidregimes zu weit vernetzten und gut organisierten Organisationen.
Damals wurden nicht nur Kriminelle, sondern auch viele politische Gefangene und nicht weiße Menschen inhaftiert, die gegen die Gesetze der Rassentrennung verstoßen hatten. Die berühmtesten und bis heute existierenden sind die sogenannten Nummern-Gangs, die nach den Zahlen 26, 27 und 28 benannt sind. Bis heute sind zahlreiche Gangs außerhalb der Gefängnismauern mit ihnen verbunden oder eifern ihnen nach.

Wie viele Banden es genau sind, weiß keiner, denn manche spalten sich auf, fusionieren oder bilden sich neu. Nach Schätzungen der „Global Initiative against Transnational Organised Crime“, einer Denkfabrik, haben die 13 wichtigsten Gangs in Kapstadt zusammen mehr als 70.000 Mitglieder, die größte, die „Americans“, rund 21.000. Der Drogenhandel und das Eintreiben von Schutzgeldern sind ihre wichtigsten Einnahmequellen und der Hauptgrund, weshalb immer wieder Kämpfe um die Territorien entbrennen. An Waffen herrscht dabei kein Mangel.
Laut der Forscher gelangen Pistolen, Sturmgewehre und andere Waffen unter anderem aus Namibia ins Land, versteckt in Lastwagen mit verderblicher Ware wie Blumen, die an der Grenze schnell abgefertigt werden. Auch Waffen aus Beständen der südafrikanischen Polizei und des Militärs tauchen regelmäßig bei Polizeieinsätzen auf.
Glenn Hans und Abduragmaan Ruiters drehen in den berüchtigten Straßenzügen in Hanover Park täglich ihre Runden. Sie kennen hier jeden. Beide sind Ex-Gangster, nennen sich aber lieber Vermittler oder „Interruptors“, Unterbrecher der Gewalt.
Seine Aufgabe: Konflikte zwischen den Gangs schlichten
Ruiters, ein 55 Jahre alter Mann mit ergrautem Bart und freundlichem Gesicht, hat „BSK“ auf das rechte Armgelenk tätowiert, die Abkürzung für „Backstreetkids“. Genau auf dem S befindet sich die kreisrunde Narbe einer alten Schusswunde. Er sei froh, den Absprung geschafft zu haben und heute ein anderes Leben zu führen, als ein gläubiger Muslim und Vater von sieben Kindern, sagt er.
Seine Aufgabe sieht er darin, Konflikte zwischen Gangs zu schlichten, Gewalttaten zu verhindern und aktive Gangmitglieder zu überzeugen, seinem Beispiel zu folgen. Dass er selbst einmal ein Gangster gewesen sei, verschaffe ihm Respekt und Glaubwürdigkeit. Deswegen wolle er die Tattoos nicht entfernen lassen. Sie seien Teil seiner Geschichte.
Hans, sein Begleiter, war 13 Jahre alt und hatte gerade die Schule abgebrochen, als er zu seiner Mutter sagte, es sei besser, wenn er ein Gangster werde, um für sie sorgen zu können. „Ich wusste, dass man in diesen Gangs Geld verdienen kann. Die Anführer hatten große Autos, schicke Klamotten, das war verlockend.“

Dass es ein Trugschluss war, stellte er erst später fest. Drei Jahre verbrachte er im Gefängnis, nachdem er mit einer Waffe erwischt worden war. Er habe nie einen Menschen getötet, sagt er. „Das war nicht mein Job. Mein Job war, die Drogenvorräte zu bewachen und dafür zu sorgen, dass das Geld fließt.“ In der Haft entschied er, sein Leben zu ändern.
Eine reguläre bezahlte Arbeit hat Hans bis heute nicht, aber er gründete einen „Running Club“, dem mittlerweile mehr als 120 Mitglieder angehören. Täglich joggen sie durch Hanover Park, nicht nur um fit zu werden, sondern auch um zu hören, was in der Nachbarschaft gerade los ist und wo es brenzlig werden könnte.
Hans und Ruiters arbeiten ehrenamtlich für die „CeaseFire“-Initiative. 2013 wurde sie von Craven Engel gestartet. Im nahe gelegenen Zentrum, dem „First Community Resource Centre“, zeigt der anglikanische Pastor auf einer Ortskarte die farblich markierten Gangreviere. In den blauen Flächen unweit der Straße, in der die Jugendlichen Fußball spielten, haben die „Backstreetkids“ das Sagen, in den grauen „The States“, über eine Straße hinweg die „Ghetto Kids“. „Man muss den Überblick bewahren, muss nah an den Menschen dranbleiben. Informationen sind das Wichtigste“, sagt Craven.
Schon Zwölfjährige sagen, sie wollten später Gangbosse werden
Besondere Sorge bereitet ihm die zunehmende Zahl von Kindern und Jugendlichen, die mit Gangs in Berührung kämen. Einige Gangs würden von Jugendlichen geführt. Er merkt es, wenn er Kinder und Jugendliche in dem Zentrum auffordert, ihren Alltag und ihre Ziele zu beschreiben. Da sagten schon Zwölfjährige, sie wollten später Gangbosse werden, Achtjährige kritzelten die Abkürzungen von Gangs oder die Nummern 26, 27 und 28 auf das Papier.
Die „Interruptors“ rücken auch im Ernstfall aus. Oft sind sie vor der Polizei am Tatort. Möglich macht es ein „Gunfire Detection System“, eine Software, die von der Stadt Kapstadt zur Verbrechensbekämpfung eingesetzt wird. Akustische Sensoren an Strom- oder Telefonmasten oder auf Dächern nehmen Schussgeräusche auf und senden Signale an die städtischen Strafverfolgungsbehörden oder Initiativen wie „Ceasefire“ über eine Handy-App.
Craven zieht den Vergleich mit einer hoch ansteckenden Seuche. Auf eine schnelle Reaktion komme es an. „Man muss nach einer Schießerei verhindern, dass Rache geübt wird, die Lage eskaliert und noch mehr Menschen zu Schaden kommen.“

Der Pastor sagt, oft seien Lappalien der Grund: ein Streit um ein Handy, ein Mädchen oder ein Auto. Zwischen die Fronten gerieten dabei aber auch unbeteiligte Anwohner, unter ihnen auch Kinder. Wie der amtierende Polizeiminister Ende vergangenen Jahres im Parlament mitteilte, wurden in den vergangenen fünf Jahren in den Cape Flats 427 Kinder getötet, bei 157 Fällen gab es einen Zusammenhang mit Bandenkriminalität. In der gleichen Zeit wurden mehr als 3300 Waffen beschlagnahmt.
Die Stadtverwaltung erhöhte jüngst die Anzahl der Polizisten einer städtischen Einheit, moderne Technik und Drohnen kommen zum Einsatz. Jean-Pierre Smith, in der Stadtverwaltung für das Thema Sicherheit zuständig, hält darüber hinaus eine Reform des gesamten Strafverfolgungsapparats für nötig.
Während eines Besuchs in den Cape Flats sagte er kürzlich, nicht nur die nationale Polizei sei überlastet, sondern auch die Staatsanwaltschaft und die Gerichte. Nur fünf Prozent der festgenommenen Personen würden am Ende verurteilt, und viele von ihnen verließen vorzeitig die Gefängnisse, weil auch die überlastet sind.
Ein Vater sagt, seine Kinder lasse er nur noch für die Schule raus
Smith war in den Flats, um zusammen mit einem Team Graffiti auf den Mauern zu übertünchen. Es sei eine wichtige Aktion, damit Kinder und Jugendliche nicht täglich die „Fingerabdrücke der Gangs“ vor Augen hätten, sagte er. Der Besuch lockte ein gutes Dutzend Anwohner aus ihren Häusern. Eine Frau nutzte die Gelegenheit, um bei Smith für einen anständigen Fußballplatz zu werben. Wenn Jugendliche Sport trieben, kämen sie nicht auf dumme Gedanken.
Ein Vater sagte, er lasse seine Kinder nur noch für den Schulbesuch aus dem Haus. Erst vor wenigen Tagen habe es ganz in der Nähe wieder eine Schießerei gegeben. Ein älterer Mann mit zerfurchtem Gesicht erinnerte mit bizarrer Nostalgie an die Zeit der Apartheid, als Menschen wie er systematisch unterdrückt wurden. Damals habe wenigstens „Zucht und Ordnung“ geherrscht.
Alle Anwohner konnten sich noch gut an 2019 erinnern, als das Militär schon einmal in die Cape Flats geschickt worden war. Der acht Monate lange Einsatz zeigte allerdings nur kurzzeitig Wirkung. „Das Militär kommt und geht, aber die Gangster bleiben“, sagte ein Zuschauer bitter.
Auch Smith erwartet keine Wunderwirkung. Die Soldaten hätten keine polizeilichen Befugnisse, könnten keine Durchsuchungen durchführen oder Personen verhaften, sie könnten aber mit der Polizei kooperieren, die sich häufig gar nicht mehr in die schlimmsten Gegenden wage. Deswegen unterstütze er den Plan. „Wir können nicht tatenlos zusehen, wie in Wohngebieten weiter die Kugeln fliegen.“ Vor gut einer Woche hat der Militäreinsatz begonnen.
