
Es waren Künstler unter sich, als Fábio Vieira diesen Pass aus dem Fußgelenk spielte: eine weite Verlagerung von rechts nach links, wo Jean-Luc Dompé viel Platz vor sich hatte. Dompé fixierte den zufliegenden Ball, doch ehe sich eine gefährliche Situation im Kölner Strafraum ergeben konnte, rutschte ihm der Ball unter der Sohle ins Aus, als hätte ein Jongleur den Teller fallen lassen. Vieira riss die Hände hoch, verdrehte die Augen – konnte er in dieser mittelmäßigen Mannschaft denn niemandem mehr vertrauen?
Dass er wohl zu gut für den Hamburger SV ist, sieht man fast jedes Wochenende. Beim 1:1 gegen den 1. FC Köln war er aber gar nicht gut – und doch der auffälligste Spieler. Denn der Portugiese hat eine engere Beziehung zum Ball als alle anderen, Luka Vušković vielleicht ausgenommen. „Weltklasse“, sei sein Treffer zur Führung gewesen, lobte der Kölner Trainer Lukas Kwasniok. „Definitiv ein Tor, das man sich öfter anschauen wird“, sagte Coach Merlin Polzin zu dessen sanftem Heber nach Pass von William Mikelbrencis über Torwart Marvin Schwäbe hinweg.
Als hätte ein Matheschüler mit Zirkel und Geodreieck einen Winkel ermittelt, erfasste Vieira die Situation, nur viel schneller. Eines seiner „Top-drei-Tore“ sei das gewesen, sagte er später: „Für die zweite Mannschaft Portos habe ich mal ähnlich getroffen.“ Fábio Vieira mache im Training Sachen, „die wir alle noch nicht gesehen haben“, erzählte Torwart Daniel Heuer Fernandes, „ich war froh, dass ich bei seinem Schuss nicht im Tor war“.
Froh sind beim HSV alle, die Leihgabe von Arsenal zu haben. Und ähnlich wie bei Vušković, der Tottenham gehört, läuft längst der „Final Countdown“: Noch acht Spiele werden die Fans im Volkspark und auswärts den Mittelfeldspieler bewundern können – der ruhig mehr machen dürfe, wenn er den Ball nicht sein Eigen nenne, sagte Trainer Polzin leicht kritisch.
Denn Vieira war in diesem langweiligen Aufsteigerspiel am Samstagabend so oft ausgerutscht, hängen geblieben oder passte fehlerhaft, dass sein Einfluss bescheiden blieb. Die 30 Punkte, die die Hamburger nun gesammelt haben, hängen jedoch eng mit seinen neun Scorerpunkten (fünf Tore, vier Vorlagen) zusammen – der HSV steuert erstaunlich stabil auf den Klassenverbleib zu.
Vor allem, weil die Leihen von Vieira, Vušković (im Sommer), Otele (im Winter) und die Einkäufe Albert Sambi Lokonga und Warmed Omari die Hamburger nominell zu einem Mittelklasseteam befördert haben, das unter den Händen Polzins sehr selten wie ein möglicher Absteiger gespielt hat – am ehesten noch beim 1:4 im Hinspiel. Ein halbes Jahr später steht der HSV vor Köln und hat die Probleme in die Domstadt weitergereicht.
Womit hier aber die Probleme von Neuem beginnen. Denn Leihspieler muss man entweder ziehen lassen wie wahrscheinlich Damion Downs oder für festgeschriebene Summen verpflichten – bei Fábio Vieira würden 20 Millionen Euro fällig. Zwar wäre der Portugiese wohl das Investment wert, schließlich nähere er sich dem „besten Fábio“ endlich an, wie er später in der Interviewzone beschwingt mitteilte. Das ist auch ein Signal Richtung Nationalmannschaft.
Traut es sich Sportchef Claus Costa zu, die Ablösesumme herunterzuhandeln? Wäre eine in halber Höhe auch darstellbar, bliebe jedoch ein Gehalt, dass die selbst gesteckte Obergrenze von 1,8 Millionen Euro deutlich überstiege.
„Er hat täglich tolle Momente“
Aktuell übernimmt Arsenal den Löwenanteil der vier bis fünf Millionen Euro Einkommen pro Spielzeit. 35 Millionen Euro war der 25 Jahre alte Profi des FC Porto den Londonern im Sommer 2022 wert.
„Er hat täglich tolle Momente“, lobt ihn Merlin Polzin, „Fábio ist ein geiler Zocker.“ Lange Zeit hatten sich Polzin und sein Trainerteam die Frage gestellt, ob Vieira und Sambi Lokonga im Hamburger Mittelfeld harmonieren würden. Neben dem gesetzten Nicolai Remberg war nur eine Stelle im Zentrum frei.
Mehr Stabilität mit Lokonga oder mehr Feinheit mit Vieira? Diese Frage aus der Vorrunde ist beantwortet: Polzin gruppiert beide um Remberg herum. Der Wunsch nach beidem, Stabilität und Feinheit, ist zumindest teilweise in Erfüllung gegangen – manchmal stellte sich die Frage wegen Verletzungen auch nicht. Nicolai Remberg, aus Kiel geholt, hat als beinharter Abräumer unter Polzin solch einen Sprung gemacht, dass auch er ein Wechselkandidat in die Businessklasse der Bundesliga sein könnte.
Beim Hamburger SV ist trotz aller Personalpolitik ein Wirgefühl gewachsen, auf dem sich aufbauen lässt. Und Sambi Lokonga hat der HSV ohnehin gekauft. Er wird also bleiben. Remberg dürfte erst mal nur Phantasien beflügeln, während Vieiras Verbleib immerhin eine Stufe wahrscheinlicher ist als der von Luka Vušković.
„Wir sind auf dem richtigen Weg“, sagte Merlin Polzin nach seinem 50. Spiel als Cheftrainer auf der Bank des Traditionsvereins. Ein Jubiläum, das der unterhaltsame, aktuell gebeutelte Kollege Lukas Kwasniok mit spontanem Applaus würdigte: „Das schaffen nicht viele!“
